Ausgangslage Planungswissen:

Aktuell fehlen wissenschaftlich gesicherte Kriterien zur Wirksamkeit von Farb- und Lichtgestaltungen bei Schulbauten in der Fachliteratur. Anforderungen und Bedürfnisse der wichtigsten Nutzergruppen wie Schüler/-innen, Lehrer/innen und Eltern an die atmosphärische Gestaltung von Schulbauten sind weitgehend unbekannt. Systematisiertes Erfahrungswissen und konkrete Planungshilfen zum Thema liegen nicht vor.

Darüberhinaus findet das Thema keine ausreichende Berücksichtigung in Forschung und Lehre der Architekturfakultäten Europas, weshalb sich Architekt/innen und Fachplaner/innen heute während und nach Beendigung ihres Studiums auf Farbkollektionen von Herstellern und ihre individuellen Präferenzen verlassen müssen.[1] Die Anwendung von Farbsystemen bietet jedoch keine Hinweise zur Wirkung von Licht und Farben auf konkrete Nutzergruppen und Nutzungssituationen im Raum.[2] Der weitgehende Verzicht auf den systematischen Einsatz von Licht und Farben zur Schaffung atmosphärischer Räume in der Moderne hat dafür gesorgt, dass heute kaum noch Gestaltungsgrundlagen zu diesem Thema vermittelt werden. Erfahrungswissen aus der „Vormoderne“ sowie der “Klassischen Moderne“ gehört heute nicht mehr zum Repertoire der Gestaltungsgrundlagen.

Symbolfarbe der Moderne und allgemein anerkannter Standard für die Innenraumgestaltung ist nach wie vor Weiß, obgleich die Buntfarbigkeit heute wieder zunimmt. Im Bereich Farb- und Lichtgestaltung sind ästhetisch anspruchsvolle Praxisbeispiele zu finden, die regelmäßig in Fachzeitschriften publiziert werden. Gespräche mit den Verfassern zeigen jedoch, dass Farb- und Lichtkonzepte stark auf subjektive Parameter wie Intuition und Schönheitsempfinden gegründet werden, wohingegen partizipative Methoden und wissenschaftliche Grundlagen fehlen (Buether 2014).[3]

Forschungsergebnisse zur architektonischen Praxis mit Licht und Farbe im Schulbau auf Grundlage partizipativer Verfahren und wissenschaftlich gesicherter Erkenntnisse und Evaluationen der Wahrnehmung und des Verhaltens relevanter Nutzergruppen konnten bei Recherchen im Vorfeld nicht gefunden werden. Das Forschungsprojekt hat daher Modellcharakter. Im Rahmen des Forschungsprojekts soll Grundlagenwissen produziert werden, dass der Allgemeinheit anschließend in Form von wissenschaftlichen Publikationen, Fachvorträgen, etc. zur Verfügung gestellt wird. Im Anschluss sollen Richtlinien und Empfehlungen zur Farb- und Lichtgestaltung im Schulbau aufgestellt werden, die sich auf den Stand der Forschung und Praxis gründen und im Meinungsbildungs- sowie Planungs- und Entscheidungsprozess angewendet werden können.

[1] Axel Buether ist ausgewiesener Experte zu dieser Thematik. Er ist Organisator zahlreicher Symposien und Kongresse, Autor zahlreicher Fachpublikationen, Referent auf zahlreichen Fachtagungen, promoviert zum Thema „Semiotik des Anschauungsraums – Neurobiologische Grundlagen der räumlich-visuellen Wahrnehmung, Gestaltung und Kommunikation“, Professor für „Didaktik der visuellen Kommunikation“ an der Bergischen Universität Wuppertal und Vorstandsvorsitzende des Deutschen Farbenzentrums – Institut für Farbe und Licht in Wissenschaft und Gestaltung.

[2] Buether, Axel. Anwendung von Farbsystemen in der Architektur – Nutzen und Grenzen. Beitrag in DETAIL 12/2016 – Farbe, Material, Oberfläche

[3] Buether, Axel. Farbe. Entwurfsgrundlagen, Planungsstrategien, visuelle Kommunikation. DETAIL Praxis 2014

Auswahl Modellprojekt: Grundschule Donarstrasse:

Das Objekt „Grundschule Donarstrasse“ erfüllt die wesentlichen Kriterien für das Forschungsprojekt:

  1. a) Die Größe und Anordnung der Räumlichkeiten liegt im Rahmen der baulichen Standards für Grundschulen. Das Objekt ist stark renovierungsbedürftig.
  2. b) Der Zustand vor der Renovierung kann dokumentiert und in Beziehung zu den Aussagen der drei Statusgruppen gesetzt werden, was Voraussetzung für die spätere Evaluation der Wirkungen ist.
  3. c) Der Zustand nach der Renovierung wird zeigen, welche Wirkungen sich unter nahezu identischen baulichen Voraussetzungen bei den drei Statusgruppen durch gezielte Interventionen in den Bereichen Licht und Farbe erreichen lassen. Aus den gesicherten Forschungsergebnissen werden Kriterien für die prototypische Entwicklung einer partizipativen Verfahrensmethodik zur Durchführung erfolgreicher Farb- und Lichtgestaltungen von Schulbauten abgeleitet.
  4. d) Die drei Statusgruppen Schüler/-innen, Lehrer/innen und Eltern sowie die Schulleitung sind zur aktiven Mitwirkung am Forschungsprojekt bereit und haben Ihr Engagement bereits im Rahmen eines Auftaktworkshops unter Beweis gestellt.

 

Zielstellung Forschungsprojekt „Grundschule Donarstrasse“:

1) Beurteilung der psychologischen Wirkungen von Farb- und Lichtgestaltung im Schulbau:

  1. a) auf Motivation, Lernleistung und Wohlbefinden von Schüler/-innen
    b) die Motivation, Lehrleistung und Wohlbefinden der Lehrer/innen
    c) auf Zufriedenheit und Akzeptanz der Elternschaft

2) Entwicklung einer partizipativen Verfahrensmethodik zur Durchführung erfolgreicher Farb- und Lichtgestaltungen von Schulbauten

  1. a) Erhebung von Forschungsdaten mittels quantitativer und qualitativer Methoden
    (Dokumentation, Fragebögen und Interviews).
    b) Auswertung der Forschungsdaten und Aufstellung repräsentativer Kriterien für die
    Planung von Farb- und Lichtgestaltungen im Schulbau.
    c) Systematisierung der Kriterien und Erarbeitung einer Leitlinie für Farb- und Lichtgestaltungen
    im Schulbau, die zum integrativen Bestandteil partizipativer Planungsverfahren werden soll.

 

Bericht WDR „Farbworkshop an einer Wuppertaler Grundschule“
17.11.2017

Interview WDR „Studiogast: Prof. Dr. Axel Buether, Bergische Universität“ 17.11.2017