Him­mel­blau und Rosa­rot — Trend­far­ben 2016

WDR Fernsehinterview Aktuelle Stunde vom 17.01.2016

Die Funktion der Farbe ist die Kommunikation. Farben bringen die ganze Palette der menschlichen Gefühle zum Ausdruck. Der Mensch ist ein visuelles Wesen und die Farbe ist sein wichtigstes Sprachwerkzeug!

Warum Rosa und Hellblau?

Um vor­han­dene Ste­reo­type zu bre­chen, wird Rosa zur Trend­farbe der Män­ner, Hell­blau hin­ge­gen zur Trend­farbe der Frauen erklärt. Das signa­li­siert uns Werte wie die heile Welt unse­rer Kin­der, in der wir Liebe, Offen­heit und Tole­ranz leben. Damit set­zen wir bewusst einen Gegen­pol zur Rea­li­tät der offe­nen Gren­zen, über die uns bis­lang erfolg­reich fern­ge­hal­tene und ver­drängte  Gefah­ren und Ängste bedroh­lich nahe gekom­men sind.

Farbe erzeugt  Trends

Die Erin­ne­rung an die Far­big­keit der Welt erneu­ern wir tag­täg­lich, indem wir durch den Wahr­neh­mungs­pro­zess unsere Gedächt­nis­far­ben an die Far­ben der wahr­ge­nom­me­nen Umge­bung adap­tie­ren. Hierin liegt der Ursprung jedes Farb­trends! Tra­di­tio­nell einst bedeut­same Far­ben, wie das Pur­pur oder das Indisch­gelb wur­den mit dem Ver­schwin­den der Mate­ria­lien vom Markt auch aus dem öffent­li­chen Bewusst­sein getilgt, woge­gen die Druck­far­ben Magenta und Cyan für die meis­ten Men­schen welt­weit zu fest­ste­hen­den Begrif­fen gewor­den sind. Jeder Farb­trend ent­steht, ent­wi­ckelt sich und ver­schwin­det in der Folge eines Umge­wöh­nungs­pro­zes­ses, der mit einer unge­wohn­ten, oft auch scho­ckie­ren­den Farb­kom­bi­na­tion beginnt.

Oft ver­brei­ten sich diese Farb­kom­bi­na­tio­nen zuerst in den Quar­tie­ren, in denen Men­schen ihrer Umwelt ein ande­res Lebens­ge­fühl signa­li­sie­ren wol­len. Grup­pie­run­gen und damit auch Gesin­nun­gen las­sen sich am ein­fachs­ten und prä­gnan­tes­ten durch Far­ben anzei­gen, man denke nur an die „Orange Revo­lu­tion“ in der Ukraine oder die Fan­blö­cke in den Fuß­ball­sta­dien. Farbe ist Iden­ti­tät! Viele Trend­set­ter grei­fen die Farb­kom­bi­na­tio­nen von Grup­pen, die durch ihre Erschei­nung einen ande­ren und neuen Life­style pro­pa­gie­ren, in ihren eige­nen Krea­tio­nen auf, von wo sie dann Ein­gang in die Medien finden.

Farbe för­dert Konsum

Wird die Farb­kom­bi­na­tion vom Main­stream der gro­ßen Lifestyle-Ketten auf­ge­grif­fen, so fin­det eine Adap­tie­rung des Far­b­emp­fin­dens wei­ter Käu­fer­schich­ten statt. Der Farb­trend kommt in der Phase der höchs­ten Bekannt­heit zur größt­mög­li­chen Ent­fal­tung, wobei zugleich der Gewöh­nungs­ef­fekt ein­setzt, der sei­nen Nie­der­gang bewirkt. Die Vor­aus­wahl der am Markt und in den Medien prä­sen­ten Trend­far­ben für neue Pro­dukte steu­ert die Farb­prä­fe­renz der Kun­den, die oft keine Wahl haben, sich für andere als die ange­bo­te­nen Far­ben zu entscheiden.

Wenn wir uns der Ver­än­de­rungs­dy­na­mik des Zeit­geis­tes wider­set­zen, ver­mit­teln wir der Umwelt  eine wert­kon­ser­va­tive Grund­hal­tung, die vor allem von der jun­gen Gene­ra­tion schnell als alt­mo­disch oder spie­ßig wahr­ge­nom­men wird. Trend­far­ben wech­seln in moder­nen Gesell­schaf­ten immer schnel­ler, da sich damit der Kon­sum von Waren und Dienst­leis­tun­gen ein­fach und effek­tiv för­dern lässt.

Spon­tane Abnei­gung oder die „Liebe auf den ers­ten Blick“

Blei­ben uns die Gründe für spon­tane Abnei­gung oder die „Liebe auf den ers­ten Blick“ im Bereich der Farbe oft ver­bor­gen, so liegt das an der Geschwin­dig­keit, mit der sich die unbe­wuss­ten Pro­zesse im Gehirn voll­zie­hen. Die Farb­in­for­ma­tion erreicht das Gehirn nach unge­fähr 60 Mil­li­se­kun­den, bis nach etwa 100 Mil­li­se­kun­den bereits eine erste unbe­wusste Bewer­tung der Signale erfolgt ist.

Die Reak­tion des vege­ta­ti­ven Sys­tems auf die Reiz­si­tua­tion erfolgt noch schnel­ler, wie sich an der Ver­än­de­rung der Kör­per­ak­ti­vi­tä­ten und der Auf­merk­sam­keit fest­stel­len lässt. So zei­gen die Ver­än­de­run­gen des Haut­wi­der­stan­des, des Blut­drucks oder der Mus­kel­span­nung eines Beob­ach­ters, dass die Farbe eine Wir­kung auf die Gehirn­funk­tion hat, auch wenn die­ser die Ursa­che dafür noch gar nicht sehen, geschweige denn, benen­nen kann. Bevor wir über­haupt erkannt haben, um was es sich han­delt, haben wir bereits ent­schei­den, ob wir eine Farbe und das damit ver­knüpfte Ange­bot mögen oder ableh­nen werden.

Far­ben sind Gesten

Noch deut­li­cher wird die Domi­nanz der Farbe, wenn wir ihre Bedeu­tung für die zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­tion betrach­ten. Der Mensch kon­stru­iert sich durch sei­nen Life­style ein äuße­res Erschei­nungs­bild, was ande­ren seine Gedan­ken und Gefühle kom­mu­ni­ziert. Er zeigt an der Farbe sei­ner Klei­dung, sei­ner Woh­nung, sei­ner Gebrauchs­ge­gen­stände, wer er gern sein möchte und wie er sich fühlt und ist stän­dig am Beob­ach­ten, ob andere seine Farb­si­gnale auch rich­tig ver­ste­hen. Wer wir sind, erfah­ren wir an der Reak­tion der Mit­men­schen auf unser Ver­hal­ten. Far­ben zei­gen die Per­sön­lich­keit und erlau­ben uns, mit ande­ren Men­schen zu kom­mu­ni­zie­ren, ohne dass es eines Wor­tes bedarf.

Die Funk­tion der Farbe ist die Kommunikation

Hat der Nach­bar, der Freund, der Kol­lege sich etwas Neues zuge­legt und trägt es zur Schau, so erfah­ren wir es über die Farbe. Der Trend, der Glanz, das gezielte Under­state­ment, alles weist auf den Ver­such hin, Auf­merk­sam­keit zu erre­gen. Hier nun setzt die Kette von mög­li­chen Reak­tio­nen inner­halb der sozia­len Gruppe ein, die mit der Deu­tung der neuen Farbe beginnt. Wer hier nur an Sta­tus­neid denkt, der redu­ziert die mög­li­chen Beweg­gründe unzu­läs­sig, da wir durch Far­ben die ganze Palette der mensch­li­chen Gefühle zum Aus­druck bringen.

Sind wir trau­rig, so suchen wir andere Klei­dungs­far­ben aus und bege­ben uns intui­tiv in andere Umge­bun­gen, als wenn wir uns fröh­lich und aus­ge­las­sen füh­len. Suchen wir Kon­takt, so ver­wei­sen Far­ben auf den see­li­schen Pro­zess der Öff­nung,  der ande­ren signa­li­siert, sprecht mich an, besucht mich, fühlt euch bei mir und mit mir wohl. Nicht sel­ten beginnt daher ein sol­cher Pro­zess mit dem Kauf neuer Schuhe und Klei­der und endet mit der Reno­vie­rung der Woh­nung, bei der wir uns auch gleich von vie­len alten Din­gen tren­nen, die durch neue ersetzt wer­den. Die viel betonte Funk­tio­na­li­tät steht dabei im Hin­ter­grund, denn wich­tig für den zum Aus­druck gebrach­ten neuen See­len­zu­stand ist es nicht, ob die Küche noch zum Kochen geeig­net ist oder das Bad gerade erst neu gemacht wurde. Es müs­sen neue Far­ben her!

Das alte „ich“ war ges­tern, heute ist man jemand ande­res und das will man sehen, wie es die Ande­ren auch zur Kennt­nis neh­men sol­len. Die soziale Kom­mu­ni­ka­tion ist der wich­tigste Beweg­grund, warum man sich von Din­gen trennt, die eigent­lich noch funk­tio­nie­ren, warum  man sich in Räu­men plötz­lich nicht mehr wohl fühlt, die Ges­tern noch die Hei­mat waren. Der Mensch ist ein visu­el­les Wesen und die Farbe ist sein wich­tigs­tes Sprachwerkzeug!

Link zum Bei­trag in der WDR-Mediathek

19.01.16 in Forschung, Wissenstransfer
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