Architektur und Farbe

663. Schleswig-Holsteinisches Baugespräch "Zukunftsfähiges Planen und Bauen"

Die Kontrolle der atmosphärischen, tektonischen und semiotischen Wirkungen aller Körper und Oberflächen im Licht, gründet auf der symbiotischen Entwicklung der Farben- und Formensprache des architektonischen Raums.

 

Par­al­lel zur Entwick­lung der Mod­erne hat sich eine aus vie­len Grün­den prob­lema­tis­che Tren­nung des gestal­ter­ischen Berufs­feldes in einen planer­isch-konzep­tionellen und einen handw­erk­lich-aus­führen­den Teil durchge­set­zt. Daher kön­nen sich heute nur noch wenige Architek­ten und Design­er bei ihrer Entwurf­sar­beit auf eigene handw­erk­liche Erfahrun­gen stützen, was für die visuelle Gestal­tung der materiellen Kul­tur uner­lässlich ist. Farbe wird jedoch erst dann zu einem mod­er­nen Entwurf­swerkzeug, wenn Plan­er über umfassende the­o­retis­che Ken­nt­nisse ver­fü­gen, die sie vor dem Hin­ter­grund eigen­er prak­tis­ch­er Erfahrun­gen anwen­den kön­nen.

Während sich die Bauhaus­päd­a­gogik im Bere­ich Farbe auf ein Fun­da­ment prak­tis­ch­er Fer­tigkeit­en und the­o­retis­ch­er Ken­nt­nisse grün­den kon­nte, set­zte sich mit der Hochschule für Gestal­tung Ulm die Ver­schiebung der Gestal­ter­aus­bil­dung auf wis­senschaftliche, tech­nol­o­gis­che und method­ol­o­gis­che Strate­gien durch. Das neu geschaf­fene Fach »Visuelle Gestal­tung« bein­hal­tete Film und Fotografie, Grafikde­sign und Typografie und wurde in der Fol­gezeit als »Visuelle Kom­mu­nika­tion« auf Pro­duk­t­de­sign, Architek­tur, Stadt­pla­nung und Kun­st aus­gedehnt. Farbe bildete als Medi­um visueller Gestal­tung neben Form und Schrift einen inte­gralen Bestandteil visueller Kom­mu­nika­tion.

Das semi­o­tisch fundierte Wis­sens­ge­bi­et hat sich bis heute nur im Bere­ich der visuellen Gestal­tung von Bildme­di­en durchge­set­zt, wovon zahlre­iche anwen­dung­sprak­tis­che Tätigkeit­en prof­i­tieren. Pro­fes­sionelle Bild­pro­duzen­ten aus den Bere­ichen Grafik, Illus­tra­tion, Druck, Inter­net und Film ken­nen die for­malen und inhaltlichen Wirkun­gen der Far­ben und kön­nen diese auf Grund­lage anwen­dung­sprak­tis­ch­er Ken­nt­nisse ziel­gerichtet und effizient zur Ver­mit­tlung von Botschaften ein­set­zen. Stu­di­en­rich­tun­gen wie »Kom­mu­nika­tions­de­sign« oder »Infor­ma­tions­de­sign« bieten die noch immer ungenutzte Chance zur ganzheitlichen Auseinan­der­set­zung mit visueller Gestal­tung und Kom­mu­nika­tion in Bild, Plas­tik, Per­for­mance und Raum.

In Architek­tur und Stadt­pla­nung erfol­gte eine Ver­wis­senschaftlichung der Aus­bil­dung im Bere­ich der Tech­nik, weshalb sich der Fächerkanon auf inge­nieur­wis­senschaftliche The­men aus­richtet. Fol­gerichtig treten die kom­mu­nika­tiv­en Aspek­te des gebaut­en Raums in den Hin­ter­grund, weshalb sich Farbe nicht strate­gisch als Entwurf­swerkzeug für die visuelle Ver­mit­tlung der inhaltlichen und funk­tionalen Bedeu­tun­gen ein­set­zen lässt. Wie die tech­nol­o­gis­chen müssen auch die vielschichti­gen kom­mu­nika­tiv­en Wirkun­gen der Farbe im gesamten Entwurfs-, Pla­nungs- und Umset­zung­sprozess mitgedacht wer­den.

Dafür muss Farbe zuerst ein­mal eine ganzheitliche Wahrnehmung ihrer Funk­tion als lin­ien-, flächen-, kör­p­er- und raum­bilden­des Ele­ment, als emo­tion­al­isieren­des Kom­mu­nika­tion­s­medi­um, als iden­ti­fika­tions­bilden­des Ori­en­tierungssys­tem, als visuell-hap­tis­che Ober­flächen­qual­ität wie auch als atmo­sphärische Lichtqual­ität erfahren. Die kom­mu­nika­tion­swis­senschaftliche, kul­turhis­torische, natur­wis­senschaftliche, tech­nol­o­gis­che, ästhetis­che und anwen­dung­sprak­tis­che Auseinan­der­set­zung mit Farbe sollte daher in allen Bil­dung­sein­rich­tun­gen von Handw­erk, Tech­nik, Design, Kun­st und Architek­tur erfol­gen. Nie­mand kann sich der Auseinan­der­set­zung mit Farbe entziehen, denn sin­ngemäß gilt das Axiom von Paul Wat­zlaw­ick auch für das Medi­um der visuellen Gestal­tung und Kom­mu­nika­tion: Man kann nicht nicht far­big gestal­ten.

663. Schleswig-Hol­steinis­ches Bauge­spräch
Hol­sten­halle 2 der Hal­len­be­triebe Neumünster
Mittwoch, 10.02.2016, 10.00–16.00 Uhr

Link zum Ver­anstal­ter

Weit­er­führende Lit­er­atur: FARBE — Fach­buch DETAIL Pra­xis 2014

08.02.16 in Wissenstransfer
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