Jeder Mensch entwickelt eine einzigartige Wahrnehmung

Warum glauben wir, dass jeder Mensch die gleiche Welt sieht?

Es gibt es keine zwei Menschen, die das Gleiche sehen, da wir die Umwelt ausschließlich vor dem Hintergrund unseres anschaulich gebildeten Wissens wahrnehmen.

Im Ver­gle­ich zu den Auswirkun­gen, welche die Bil­dung der räum­lich-visuellen Kom­pe­tenz auf unsere Gehirn­leis­tun­gen besitzt, lassen sich unsere genetis­chen Unter­schiede nahezu ver­nach­läs­si­gen. Wir wählen „etwas“ aus und fügen „etwas“ hinzu. Sehen ist inhaltlich bezo­genes Begreifen, ganz gle­ich ob sich dieser Vor­gang intellek­tuell oder intu­itiv ereignet. Was wir Sehen, haben wir Ver­standen. Wie wir es ver­standen haben oder ob wir damit richtig oder falsch liegen, erfahren wir über die Kon­se­quen­zen unser­er Hand­lun­gen. Daher soll­ten wir unsere Beobach­tun­gen auf anschauliche oder ver­bale Weise zur Sprache brin­gen. Sobald wir die Umwelt nicht als gegeben, son­dern als offe­nen Lern­raum betra­cht­en, der uns den eige­nen Wis­sen­stand offen­bart, müssen wir unsere gegen­wär­tige Sichtweise per­ma­nent hin­ter­fra­gen.

Wo wir nichts Bedeut­sames ent­deck­en kön­nen, da ver­weilt unser Blick auch nicht lang. Daher kön­nen wir viele Inhalte und Hand­lungszusam­men­hänge nicht sehen, die Anderen klar vor Augen ste­hen. Wir kön­nen uns jedoch um Erken­nt­nis und Ver­ständ­nis bemühen, indem wir uns durch die Ver­längerung der Betra­ch­tungs­dauer weit­ere sin­nvolle Zusam­men­hänge erschließen. Kom­plexe Texte wer­den eben­so oft erst nach mehrma­ligem Lesen ver­ständlich. Weitaus effizien­ter ler­nen wir dage­gen in ein­er inter­es­san­ten Ler­numge­bung, von der wir per­ma­nent angeregt wer­den. Hier­durch wird der indi­vidu­ell erre­ichte Entwick­lungs­stand unser­er räum­lich-visuellen Gehirn­leis­tun­gen opti­mal gefordert. Wir ler­nen nur dann etwas, wenn es uns inter­essiert.

Im Prozess unser­er Indi­vid­ua­len­twick­lung müssen wir uns mit einem Kul­tur­raum auseinan­der­set­zen, dessen Inhalt und Per­spek­tive sowohl for­mal wie inhaltlich von der Welt­sicht der uns voraus­ge­gan­genen Gen­er­a­tio­nen bes­timmt wurde. Inwieweit wir diese mate­ri­al­isierten „Ansicht­en“ übernehmen, uns damit pro­duk­tiv auseinan­der­set­zen oder sie ablehnen, hängt maßge­blich davon ab, ob wir darin einen Zwang zur Über­nahme von Kon­ven­tio­nen oder ein Ange­bot zur Mit­gestal­tung sehen. Das Alter hinge­gen liefert uns keinen fak­tis­chen Grund, auf den Erwerb neuer Ein­sicht­en und Ansicht­en sowie die uns daraus erwach­sende Möglichkeit zur Umgestal­tung unseres Kul­tur­raums zu verzicht­en.

Pub­lika­tion “Die Bil­dung der räum­lich-visuellen Kom­pe­tenz”

24.12.10 in Wissenstransfer
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