Augenbewegungen und Wahrnehmung von Bewusstsein

Warum bilden unsere Augenbewegungen einen Zugang zu unseren Gedanken und Gefühlen?

Die etwa 98% des Blickfeldes umfassende Peripherie der Netzhaut dient der Blickführung und leitet unsere Aufmerksamkeitsrichtung, woraus sich die Handlungsspur der Wahrnehmungssituation entwickelt.

Die bere­its prä­na­tal angelegte motorische Fähigkeit zur unwillkür­lichen reizgerichteten Augen­be­we­gung bildet die phys­i­ol­o­gis­che Voraus­set­zung für die Entwick­lung unser­er räum­lich-visuellen Gehirn­leis­tun­gen. Die Willkür­be­we­gun­gen dage­gen ver­weisen auf den bere­its erwor­be­nen Wis­sens­stand. Hier zeigt sich eine Par­al­lele zu unseren Hand­be­we­gun­gen, die von reflexar­ti­gen Zuck­un­gen in gezielte Greif­be­we­gun­gen überge­hen. Augen- und Hand­be­we­gun­gen bilden ein syn­er­getis­ches Instru­ment für den Erken­nt­nis- und Ver­ständi­gung­sprozess, da wir mit den Hän­den greifen, was wir simul­tan über die Augen in den Blick nehmen. Über die Mehrdeutigkeit der Sin­neser­fahrun­gen bildet sich eine assozia­tive Verknüp­fung unser­er Tast-, Farb- und Lichtempfind­un­gen im Gedächt­nis, wodurch sich die Erschei­n­ungswelt allmäh­lich aus­formt und mate­ri­al­isiert.

Aus Grün­den der Effizienz nutzen wir zunehmend unsere Augen­be­we­gun­gen, um die für uns bere­its inhaltlich bedeut­samen Farb- und Licht­struk­turen der Umwelt abzu­tas­ten. Unsere Blick­be­we­gun­gen „zeich­nen“ den Gedanken­gang mit und bekun­den unser Inter­esse an der Umge­bungssi­t­u­a­tion. Ein ziel­los schweifend­er Blick zeugt dage­gen von unserem Desin­ter­esse am äußeren Wahrnehmungsraum. Sobald die Aufmerk­samkeit auf den gedanklichen Gang durch unseren inneren Vorstel­lungsraum gerichtet ist, wirkt unser Blick leer und abwe­send. Blick­be­we­gun­gen lassen sich als anschauliche Form der Lesekom­pe­tenz ver­ste­hen, da wir uns über die räum­lich-visuelle Zeichen­struk­tur der Umwelt Bedeu­tun­gen, Ver­hal­tenszustände und Hand­lungszusam­men­hänge erschließen.

Sowohl beim Lesen, wie auch beim Betra­cht­en von Din­gen ver­weilen unsere Augen für den Bruchteil ein­er Sekunde auf den uns bere­its erkennbaren bedeut­samen Zeichen, bevor sie zum näch­sten Ereig­nis sprin­gen. Die Orte, auf denen unser Blick ungewöhn­lich lang ver­weilt, wie auch die Spur, die wir mit unseren Augen­be­we­gun­gen zeich­nen, geben anderen Men­schen Ein­blick in unsere Gedanken und Gefüh­le. Sog­ar manche unser­er Absicht­en lassen sich von Anderen mit einiger Erfahrung an unserem vorau­seilen­den Blick abschätzen, über den wir unsere Hand­lun­gen vor der Aus­führung gedanklich antizip­ieren.

Pub­lika­tion “Die Bil­dung der räum­lich-visuellen Kom­pe­tenz”

25.12.10 in Wissenstransfer
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