Wahrnehmung als Erkenntnisprozess

Warum können wir Menschen, Orten und Dingen ihren Daseins- und Gebrauchszweck ansehen?

Wann immer wir die Umwelt betrachten, sehen wir Menschen, Orte und Dinge, deren Anwesenheit wir zugleich mit einem Zweck verbinden. Unser anschauliches Gedächtnis gleicht nicht einer Kiste, in die wir alle Sachen einräumen und namentlich bezeichnen. Es bildet einen Denk- und Handlungsraum, der zweckmäßig eingerichtet ist und sich daher aus dem Gebrauch heraus erklärt.

Die Notwendigkeit zur wider­spruchs­freien Ver­net­zung aller Sin­neser­fahrun­gen bewirkt die Bil­dung eines in sich kohärenten anschaulichen Ref­erenz­mod­ells im Gehirn, das sich zeitlebens unserem Denk- und Hand­lungser­folg anpasst. Durch die bewusste Auseinan­der­set­zung mit unseren Erfol­gen und Mis­ser­fol­gen struk­turi­eren wir unser Wis­sen gedanklich nach dem Effizien­zprinzip um.

Über die Ver­ständi­gung mit der Umwelt erfahren wir früh, dass es immer und über­all mehr zu sehen gibt, als wir bere­its wis­sen. Die Evi­denz dieser Erken­nt­nis führt uns die Begren­ztheit unseres eige­nen Vorstel­lungsver­mö­gens vor Augen und prägt unser Lern­ver­hal­ten. Als Kinder müssen wir alle fest­stellen, dass Erwach­sene den Din­gen unser­er Umge­bung weit mehr Hand­lungsmöglichkeit­en anse­hen als wir. Über die anschaulich oder ver­bal for­mulierte Frage nach dem Daseins- oder Gebrauch­szweck fordern wir den ganzen Erk­lärungszusam­men­hang. In der Schule wieder­holt sich diese Erfahrung, nur das wir hier die Rel­e­vanz der Inhalte meist fra­g­los akzep­tieren müssen. Hier­durch erzeu­gen wir einen Grund­wider­spruch, der den Lern­er­folg behin­dert. Das Her­stellen oder Zeigen von Bildern reicht für die Bil­dung der räum­lich-visuellen Kom­pe­tenz eben­so wenig aus, wie das Ler­nen von Vok­a­beln für den Spracher­werb.

Der Lern­er­folg grün­det sich auf die neu­ronale Ver­net­zung unseres anschaulich erwor­be­nen Wis­sens nach dem kausalen Prinzip von Ursache und Wirkung. Daher sehen wir zu jed­er Zeit eine zweck­mäßig ein­gerichtete Welt, in der die Dinge tun, was wir von ihnen erwarten. Tun sie das nicht, suchen wir nach den Grün­den und kor­rigieren unsere Erwartung­shal­tung. Durch dieses Prinzip der Empirie schaf­fen wir auf anschauliche Weise Wis­sen. Die anschaulich sicht­baren Werke des Natur- und Kul­tur­raums sind für uns daher nicht ein­fach da, son­dern sie erzählen uns von dem „unsicht­baren“ Wirken der Kräfte, die wir für ihre Her­stel­lung ver­ant­wortlich machen. Das Her­stel­lung­sprinzip ver­mit­telt uns die Inten­tion­al­ität eines Werkes, seinen Daseins- oder Gebrauch­szweck.

Pub­lika­tion “Die Bil­dung der räum­lich-visuellen Kom­pe­tenz”

03.12.10 in Wissenstransfer
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