Vorstellungsvermögen als Grundlage der Denk- und Handlungsfreiheit

Welchen Einfluss hat das Vorstellungsvermögen auf unsere Denk- und Handlungsfreiheit?

Die Herstellung von assoziativen Verknüpfungen zwischen den Farb- und Lichtzeichen der Erscheinungswelt und den hierdurch bezeichneten Bedeutungen stellt nur den ersten Schritt im Bildungsprozess der räumlich-visuellen Kompetenz dar. Würden wir es dabei belassen, wie es viele Theorien zur visuellen Wahrnehmung nahe legen, wären wir lediglich im Raum der Wortsprache denk- und handlungsfähig.

Die Her­stel­lung von assozia­tiv­en Verknüp­fun­gen zwis­chen den Farb- und Lichtze­ichen der Erschei­n­ungswelt und den hier­durch beze­ich­neten Bedeu­tun­gen stellt nur den ersten Schritt im Bil­dung­sprozess der räum­lich-visuellen Kom­pe­tenz dar. Wür­den wir es dabei belassen, wie es viele The­o­rien zur visuellen Wahrnehmung nahe leg­en, wären wir lediglich im Raum der Wort­sprache denk- und hand­lungs­fähig. Für das ver­bale, wie das anschauliche Denken und Han­deln benöti­gen wir gle­icher­maßen eine Syn­tax, über deren Regeln wir sin­nvolle Verbindun­gen zwis­chen den einzel­nen bedeut­samen Zeichen knüpfen kön­nen. Durch die Fähigkeit zur Her­stel­lung von sin­nvollen Hand­lungszusam­men­hän­gen kön­nen wir uns in anschaulich­er Form mit der Umwelt ver­ständi­gen, Vorstel­lun­gen bilden und unseren Leben­sraum danach gestal­ten.

Das Infor­ma­tionspo­ten­tial ein­er Umwelt­si­t­u­a­tion stellt uns nur einen ver­schwindend gerin­gen Anteil des für die Inter­pre­ta­tion­sleis­tung notwendi­gen Wis­sens zur Ver­fü­gung. Sobald wir mehr sehen, als einen struk­turi­erten „Tep­pich“ aus Farb- und Hel­ligkeit­sun­ter­schieden, bewe­gen wir uns virtuell im eige­nen Vorstel­lungsraum. Ohne unser anschaulich­es Wis­sen nehmen wir einen phänom­e­nalen Raum wahr. Das Erleben und Ver­hal­ten von operierten blind­ge­bore­nen Men­schen zeigt, wie sich dieser Erschei­n­ungsraum in unser­er Vorstel­lung allmäh­lich struk­turi­ert. Wir sehen immer mehr Zeichen, die auf Inhalte ver­weisen und Hand­lungszusam­men­hänge anzeigen.

Die Entwick­lung der Sehfähigkeit grün­det sich auf unsere anschauliche Wis­sensstruk­tur, die sich lebenslang den Anforderun­gen aus dem Ver­ständi­gung­sprozess mit der Umwelt anpasst. Dem anschaulichen Vorstel­lungsver­mö­gen, welch­es uns die Über­tra­gung von Wis­sen auf ver­gle­ich­bare Sit­u­a­tio­nen erlaubt, kommt dabei eine Schlüs­sel­stel­lung zu. Die raumzeitliche, gestis­che, typol­o­gis­che, topol­o­gis­che, und per­spek­tivis­che Struk­turierung unseres anschaulichen Wis­sens erlaubt uns die Ori­en­tierung im Wahrnehmungs- und Vorstel­lung­sprozess. An den Aus­sagen von operierten blind­ge­bore­nen und erblind­e­ten Men­schen wird deut­lich, dass die räum­lich-visuelle Kom­pe­tenz in Wech­sel­wirkung mit der Bil­dung eines anschaulichen Sprach- und Beschrei­bungssys­tems ste­ht. Hierüber eröffnet sich uns ein unbe­gren­zter Freiraum für den Denk- und Hand­lung­sprozess, den wir uns für die Erken­nt­nis und Gestal­tung unser­er Lebenswelt nutzbar machen kön­nen.

Pub­lika­tion “Die Bil­dung der räum­lich-visuellen Kom­pe­tenz”

11.12.10 in Wissenstransfer
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