Gestik der Wahrnehmung

Warum sehen wir den Ausdruck von Handlungen und Verhaltenszuständen?

Gesten bilden unser erstes Verständigungsinstrument nach der Geburt, ganz gleich ob wir unsere inneren Bedürfnisse lautlich oder anschaulich zum Ausdruck bringen. Am Handlungserfolg spüren wir mit allen Sinnen, wie unsere Gesten verstanden werden. Die Funktion der Spiegelneuronen unseres Gehirns erklärt das intuitive Prinzip, über das wir uns die Bedeutung lebenswichtiger Gesten erschließen.

Augen, Mund und Hände der Bezugsper­so­n­en sind die ersten Zeichen, deren Bedeu­tung wir in der dif­fusen Farb- und Licht­struk­tur der Umwelt wahrnehmen kön­nen. Die Blick­be­we­gun­gen unser­er Augen find­en diese Ziele, da es spez­i­fis­che Zellen in unserem Gehirn gibt, die uns zur Imi­ta­tion der gezeigten Gesten ani­mieren. Hier­durch wird das beobachtete Lächeln zu unserem eige­nen Lächeln, dessen gestis­che Bedeu­tung wir unmit­tel­bar leib­lich spüren. Auf diese intu­itive Weise kön­nen wir auch ohne ein Vor­wis­sen anschaulich Ler­nen und Ver­ste­hen.

Unser Blick­feld bildet den notwendi­gen Kon­text eines kom­plex­en Geschehens, in dem wir uns ori­en­tieren und gezielt nach etwas Auss­chau hal­ten kön­nen. Über die Kon­stanz der kon­trastieren­den Farb- und Lichtempfind­un­gen bildet sich im impliziten Gedächt­nis ein anschaulich­es Zeichen­sys­tem aus kod­i­fizierten Gesten. Bald kön­nen wir uns in der anschaulichen „Ver­hal­tens­ma­trix“ der Umwelt ori­en­tieren und damit inter­agieren, obgle­ich wir die einzel­nen For­men und Fig­u­ra­tio­nen wed­er anschaulich noch ver­bal darstellen kön­nen. Die Tat­sache, dass wir etwas sehen und unser Ver­hal­ten sowie unsere Hand­lun­gen erfol­gre­ich daran ori­en­tieren kön­nen, besagt nicht, dass wir es ken­nen.

Da wir die meis­ten Gesten intu­itiv ver­ste­hen und gebrauchen, bleiben sie in unserem Hin­ter­grund­be­wusst­sein, bis wir uns ihre Form und Fig­u­ra­tion über die anschauliche Darstel­lung vor Augen führen. Indem wir die Gestik von Men­schen oder den Habi­tus von Din­gen kör­per­lich imi­tieren, bild­haft zeich­nen oder malen, plas­tisch for­men oder ver­räum­lichen, bes­tim­men wir den Sym­bol­charak­ter der Form. Die Sym­bo­l­aus­sage lässt sich über die Frage ermit­teln, wie sich uns der beobachtete Sachver­halt zeigt. Gle­ich unseren Gesten gebrauchen wir sym­bol­hafte For­men und Fig­u­ra­tio­nen zur Kod­i­fizierung von Ver­hal­tenzustän­den und Hand­lungszusam­men­hän­gen. Die Entwick­lung unser­er Darstel­lungs­fer­tigkeit­en kommt ein­er anschaulichen Sprach­fähigkeit gle­ich, die bes­timmt, was wir über unsere Welt aus­sagen kön­nen. Wer nur sehen kann, bleibt stumm.

Pub­lika­tion “Die Bil­dung der räum­lich-visuellen Kom­pe­tenz”

02.12.10 in Wissenstransfer
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