Erforschung der Wahrnehmung aus der Negation

Weshalb öffnen die Raumvorstellungen von Blinden das Verständnis der Wahrnehmung?

Noch vor einem Jahrhundert versuchte die Wissenschaft zu beweisen, dass blindgeborene Menschen keine räumliche Vorstellung von ihrer Lebenswelt besitzen. Dahinter steckte jedoch weit mehr als das Unvermögen zur Vorstellung der Wirklichkeitsbedingungen einer „unsichtbaren Welt“.

Für Men­schen mit nor­malem Sehver­mö­gen ist die Vorstel­lung von einem Leben außer­halb der sicht­baren Welt unmöglich. Selb­st bei völ­liger Dunkel­heit, ganz gle­ich ob im Traum- oder Wachzu­s­tand, bleibt uns die erwor­bene Gedächt­nis­ref­erenz des Anschau­ungsraums in der Vorstel­lung zugänglich. Sobald wir ein­mal gel­ernt haben zu sehen, kön­nen wir daher nicht mehr von ein­er räum­lich-visuellen Inter­pre­ta­tion unser­er Lebenswelt abse­hen. Selb­st Bilder wer­den zur Pro­jek­tions­fläche unser­er Vorstel­lun­gen. Nach ein­er Erblind­ung hinge­gen tritt die wech­sel­seit­ige Abhängigkeit zwis­chen der inneren und äußeren Welt klar zu Tage. Die intel­li­gi­ble Welt existiert wie zuvor in unserem Gedächt­nis. Sie bietet uns jedoch nur insoweit Ori­en­tierung, wie uns die Sin­nesme­di­en Farbe und Licht Bedeu­tun­gen und Hand­lungszusam­men­hänge ver­mit­teln.

Der Glaube an eine Umwelt, deren Zuständigkeit­en uns über die empirische Beobach­tung objek­tiv erkennbar sind, zieht sich tief in das Wis­senschaftsver­ständ­nis unser­er Zeit. Daran wer­den auch die Fak­ten der mod­er­nen Neu­rowis­senschaften so schnell nichts ändern. Die Wirk­lichkeitsvorstel­lun­gen und Werte von Gesellschaften wer­den von der sehfähi­gen Mehrheit bes­timmt, für welche sich die Iden­tität von Men­schen, Städten und Arte­fak­ten auf anschauliche Weise zeigt.

Wenn wir die Welt dage­gen mit den „Augen eines Erblind­e­ten“ wahrnehmen, müssen wir unsere Wirk­lichkeitsvorstel­lun­gen über Worte, Gerüche, Töne, For­men, Bewe­gun­gen und Mate­ri­alien ver­räum­lichen. Der visuelle Sinn hat sich im Ver­lauf der Evo­lu­tion zu unser­er primären Quelle von Erfahrung entwick­elt, weshalb wir von Geburt an ler­nen, uns inner­halb der Zeichen­struk­tur aus Farbe und Licht zu ori­en­tieren. Aus den Kon­se­quen­zen unser­er mul­ti­sen­suellen Erfahrun­gen bildet sich unsere anschauliche Wis­sensstruk­tur im Gehirn. Darauf grün­det sich jede Form der Erken­nt­nis und Ver­ständi­gung mit der natür­lichen und soziokul­turellen Umwelt. Unsere Lebensweise, die Gestal­tung unser­er Städte und Arte­fak­te uns selb­st die Struk­tur der Wort­sprache bilden einen inte­gralen Bestandteil unser­er anschaulichen Vorstel­lungswelt.

Pub­lika­tion “Die Bil­dung der räum­lich-visuellen Kom­pe­tenz”

14.12.10 in Wissenstransfer
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