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Mit der neu veröffentlichten Open-Source-Studie „Farbatmosphären als nonverbaler Zugang zu Präferenzen und Verhaltenszuständen in der forensischen Psychiatrie“ legen Leila Rudzki und Prof. Dr. Axel Buether erstmals empirische Hinweise darauf vor, dass Farbatmosphären als eigenständige Wirkgröße menschlicher Wahrnehmung verstanden werden können.

👉 Zur Studie (open access) auf Research Gate

Zentrale Erkenntnis

Die Untersuchung zeigt:

  • Patient:innen mit schwersten Kommunikationsbeeinträchtigungen reagieren klar, konsistent und reproduzierbar auf visuelle Farbatmosphären
  • Diese Reaktionen treten sowohl bei gegenständlichen Naturbildern als auch bei deren abstrahierten Farbkompositionen auf
  • Die Übereinstimmung der Reaktionsmuster liegt bei bis zu 90 %

Damit wird eine zentrale Annahme infrage gestellt:
Nicht primär die Gegenständlichkeit, sondern die atmosphärische Farb- und Lichtstimmung scheint entscheidend für emotionales Erleben und Verhalten zu sein.

Warum diese Studie relevant ist

Die Studie wurde nicht im Labor, sondern unter realen Bedingungen einer forensischen Psychiatrie durchgeführt – mit Patienten, die bislang kaum über Sprache erreichbar waren.

Die Ergebnisse zeigen erstmals:

  • Farben können als nonverbales Kommunikationsmedium funktionieren
  • Präferenzen lassen sich über beobachtbares Verhalten erschließen
  • Atmosphärische Gestaltung kann gezielt eingesetzt werden, um:
    • Stress zu reduzieren
    • Aggression zu verringern
    • therapeutische Offenheit zu fördern

Implikationen für Praxis und Forschung

Die Befunde eröffnen neue Perspektiven für:

  • evidenzbasierte Architektur und Innenraumgestaltung
  • klinische und forensische Settings
  • Designprozesse mit nicht-sprachfähigen Nutzergruppen
  • grundlegende Theorien der Wahrnehmung und Farbwirkung

Gleichzeitig handelt es sich um eine explorative Studie mit kleiner Stichprobe, die als Ausgangspunkt für weiterführende Forschung zu verstehen ist.

Ein neuer Blick auf Farbe

Die Studie liefert einen entscheidenden Hinweis: Farbatmosphären sind eine grundlegende Ebene menschlicher Wahrnehmung und Erfahrung.

Besonders bemerkenswert ist dabei, dass selbst stark reduzierte, abstrakte Darstellungen von Farbatmosphären – vergleichbar mit der Farbfeldmalerei – nahezu die gleichen emotionalen und körperlichen Reaktionen auslösen wie gegenständliche Landschaftsbilder, sofern die zugrunde liegende Farb- und Lichtstimmung erhalten bleibt.

Damit rückt die Gegenständlichkeit visueller Darstellungen in eine neue Perspektive: Nicht das „Was“ wir sehen, sondern das „Wie es wirkt“ – die Atmosphäre – könnte die entscheidende Größe sein.