Gestaltung der Digitalisierung — Gestaltung öffentlicher Interessen im digitalen Wandel vernetzter Gesellschaften

Buchbeitrag, Was ist Public Interest Design?, transcript Verlag 2018

Wir leben in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationen, die von globaler Vernetzung und technologischer Neuerung aller Lebensbereiche geprägt ist. Die Notwendigkeit der Wahrnehmung, Darstellung, Moderation und Gestaltung öffentlicher Interessen im digitalen Wandel vernetzter Gesellschaften eröffnet Designerinnen und Designern neue Handlungsfelder.

Cov­er Was ist Pub­lic Inter­est Design? (Tran­script Ver­lag)

Designkompetenz für den digitalen Wandel

Wir leben in ein­er Zeit tief­greifend­er gesellschaftlich­er Trans­for­ma­tio­nen, die von glob­aler Ver­net­zung und tech­nol­o­gis­ch­er Neuerung aller Lebens­bere­iche geprägt ist. Die Notwendigkeit der Wahrnehmung, Darstel­lung, Mod­er­a­tion und Gestal­tung öffentlich­er Inter­essen im dig­i­tal­en Wan­del ver­net­zter Gesellschaften eröffnet Designer­in­nen und Design­ern neue Hand­lungs­felder. Als Exper­i­men­tier­feld neuer Tech­nolo­gien und ästhetis­ch­er Prak­tiken ist Design eine starke Triebkraft des soziokul­turellen, wirtschaftlichen, tech­nol­o­gis­chen, wis­senschaftlichen und kom­mu­nika­tiv­en Fortschritts. Das Tätigkeit­spro­fil des Pub­lic Inter­est Designs erfordert ver­stärkt soziale, kom­mu­nika­tive, medi­en­di­dak­tis­che und trans­diszi­plinäre Kom­pe­ten­zen, durch die sich tradierte Stärken des Designs wie Prob­lem­lösen, For­mge­bung und Infor­ma­tionsvi­su­al­isierung strate­gisch erweit­ern lassen.
Designkom­pe­tenz für den dig­i­tal­en Wan­del erfordert, dass Design­er/-innen:

  1. Prob­leme dig­i­tal­en Wan­dels ver­ste­hen kön­nen: Öffentliche Inter­essen am ›Dig­i­tal­en Wan­del‹ unter Nutzung von Forschungsmeth­o­d­en und Fach­wis­sen auf­spüren, Ursachen aufzeigen und Fol­gen analysieren kön­nen
  2. Ein­flussfak­toren dig­i­tal­en Wan­dels all­ge­mein­ver­ständlich darstellen kön­nen: Mit dem dig­i­tal­en Wan­del verknüpfte Prob­lem­stel­lun­gen aufzeigen, ver­ständlich darstellen und mit allen wesentlichen Ein­flussfak­toren verknüpfen kön­nen
  3. In ver­net­zten Gesellschaften wirkungsvoll kom­mu­nizieren kön­nen: The­ma­tisch rel­e­vante Diskurse anstoßen, Beteili­gungs- und Mei­n­ungs­bil­dung­sprozesse mod­erieren, Ideen und Konzepte entwick­eln und sin­nvolle Lösungswege aufzeigen kön­nen
  4. Prob­lem­lö­sun­gen für den dig­i­tal­en Wan­del gestal­ten kön­nen: Lösun­gen für Prob­leme im Feld der dig­i­tal­en Trans­for­ma­tion suchen, erken­nen, darstellen, kom­mu­nizieren und gestal­ten kön­nen
  5. Kon­se­quen­zen dig­i­taler Trans­for­ma­tio­nen evaluieren kön­nen: Ergeb­nisse unter Nutzung geeigneter Meth­o­d­en auf ihre Wirk­samkeit testen und Verbesserungsvorschläge erar­beit­en kön­nen
  6. Aktuelles Fach­wis­sen zur Dig­i­tal­isierung ken­nen: Den Stand der Forschung im Wis­sens­feld der Dig­i­tal­isierung ver­net­zter Gesellschaften ken­nen und in konkreter Pro­jek­t­si­t­u­a­tio­nen anwen­den kön­nen.
  7. Dig­i­tale Forschungsmeth­o­d­en anwen­den kön­nen: Gesellschaftlich rel­e­vante Forschungs­fra­gen for­mulieren, rel­e­vante Wis­sens- und Erfahrungsquellen nutzen, wis­senschaftliche Meth­o­d­en ken­nen und anwen­den sowie Ergeb­nisse darstellen und evaluieren kön­nen

Zukunft vernetzter Gesellschaften gestalten

Die dig­i­tale Trans­for­ma­tion ver­net­zter Gesellschaften hat ger­ade erst begonnen. Die Kon­se­quen­zen dieses tief­greifend­en Wan­dels der Lebens- und Arbeitswelt sind mit hoher Wahrschein­lichkeit heute eben­so wenig vorherse­hbar, wie es die trans­for­ma­tiv­en Kräfte der Mech­a­nisierung und Elek­tri­fizierung in ihrer Frühzeit waren. Wer öffentliche Inter­essen im dig­i­tal­en Wand­lung­sprozess mod­ern­er Gesellschaften erfol­gre­ich und nach­haltig gestal­ten möchte, muss Design daher zuerst aus ein­er Meta­per­spek­tive betreiben. Trends, die heute im Fokus der Öffentlichkeit liegen, kön­nen in kurz­er Zeit wieder uner­wün­scht sein. Nach bish­eri­gen Design­vorstel­lun­gen kön­nen gestal­ter­ische Inter­ven­tio­nen nur erfol­gre­ich sein, wenn sie in der Gegen­wart gebraucht wer­den und auch in der Zukun­ft noch von Nutzen bleiben. Die dig­i­tale Trans­for­ma­tion ist ein Prozess, in dem ver­lässliche Voraus­sagen schwierig und häu­fig auch unmöglich sind. Nach­haltigkeit ist kaum zu erre­ichen, wenn sich Tech­nolo­gien und Anwen­dung­sprak­tiken in ras­an­ter Geschwindigkeit entwick­eln. Um diese den­noch nicht aus dem Blick zu ver­lieren, müssen kom­plexe Entwick­lungsszenar­ien ent­wor­fen wer­den, was Fach­wis­sen und Meth­o­d­enkom­pe­tenz erfordert. Prob­leme kön­nen immer häu­figer nur indi­rekt gelöst wer­den, da sie Fol­gen des dig­i­tal­en Wan­dels kennze­ich­nen, der andere soziale, wirtschaftliche und kul­turelle Voraus­set­zun­gen schafft.

Glob­ale Ver­net­zung, Kün­stliche Intel­li­genz und selb­st­s­teuernde Maschi­nen verän­dern die Rah­menbe­din­gun­gen für die Schöp­fung unser­er materiellen und geisti­gen Kul­tur. Designer­in­nen und Design­er müssen daher zuerst wahrnehmen und analysieren, ob ein Prob­lem im beste­hen­den Kon­text über­haupt noch gelöst wer­den kann oder es sin­nvoller sein kann, die Rah­menbe­din­gun­gen neu zu gestal­ten. Wo ›Wicked prob­lems‹ oder schein­bar unlös­bare Prob­leme auf­tauchen, sind kreative Fähigkeit­en wie Quer­denken gefragt.[1] Durch strate­gis­che Zusam­menset­zung und Mod­er­a­tion von Kreativ­work­shops lassen sich ungeah­nte Human­poten­ziale mobil­isieren. Designer­in­nen und Design­er müssen ler­nen, mit analo­gen und dig­i­tal­en Mit­teln Beteili­gung­sprozesse zu ini­ti­ieren, um Wis­sens- und Erfahrungspoten­ziale zu erschließen, schöpferische Kräfte zu mobil­isieren und gemein­schaftlich­es Han­deln zu bewirken. Durch par­tizipa­tive Pro­jek­te und trans­diszi­plinäres Arbeit­en entste­ht eine neue Form von Urhe­ber­schaft, deren Wert mit Auf­tragge­bern wie Auf­trag­nehmern auszuhan­deln ist. Der Preis für die Pro­duk­tion von Auf­tragswerken lässt sich ein­fach­er kalkulieren, als der Wert von Prozessen, bei denen Ver­lauf, Ziel und Nutzen unvorherse­hbar sind.

[1] vgl. Protzen, Jean-Pierre und David J. Har­ris. The Uni­verse of Design: Horst Rittel’s The­o­ries of Design and Plan­ning. Tay­lor & Fran­cis Ltd 2010

Werte und Gemeinnutzen der Digitalisierung gestalten

Die gesellschaftliche Debat­te zum The­ma Dig­i­tal­isierung wird heute von ähn­lichen Äng­sten und Ephorien begleit­et, wie die Auseinan­der­set­zung über die Risiken der Elek­tri­fizierung am Ende des 19. Jahrhun­derts.[1] Die großen tech­nol­o­gis­chen Rev­o­lu­tio­nen der Mod­erne wie die Mech­a­nisierung, Elek­tri­fizierung und Dig­i­tal­isierung sind den­noch unumkehrbar, da sie die Basis unser­er Arbeits- und Lebenswelt trans­formieren. Der tech­nol­o­gis­che Fortschritt erle­ichtert die Real­isierung viel­er grundle­gen­der Bedürfnisse mod­ern­er Gesellschaften wie Arbeit, Wohl­stand, Freizügigkeit, Kul­tur, Wis­sen, Gesund­heit und Sicher­heit. Der tech­nol­o­gis­che Wan­del hat und hat­te stets auch viele unge­wollte Neben­wirkun­gen. Der Preis des tech­nol­o­gis­chen Fortschritts schließt sozialen Fol­gen wie die Ent­frem­dung, Entwurzelung und Verun­sicherung von Men­schen und ökol­o­gis­chen Fol­gen wie Umweltzer­störung, Luftver­schmutzung, Strahlungs­be­las­tung und Ressourcenver­brauch ein.

Wie jede Tech­nolo­gie ist auch die Dig­i­tal­isierung kein Selb­stzweck, son­dern muss dem Wohl des Men­schen dienen. Bei der Gestal­tung des Trans­for­ma­tion­sprozess­es muss daher der langfristige Nutzen dig­i­taler Tech­nolo­gien für Umwelt und Gesellschaft im Mit­telpunkt ste­hen. Der the­o­retis­che Diskurs zur Dig­i­tal­isierung wird heute in weit­en Teilen von extremen Posi­tio­nen geprägt, die von voll­ständi­ger Ablehnung bis zu eupho­rischen Glaubens­beken­nt­nis­sen reichen. Viele Men­schen glauben an die Selb­stver­wirk­lichungskräfte tech­nol­o­gis­ch­er Utopi­en und hal­ten diese Prozesse für unab­wend­bar.[2] Die neuen dig­i­tal­en Tech­nolo­gien sind für sich betra­chtet wed­er gut noch schlecht. Ihr Nutzen hängt davon ab, zu welchem Zweck wir sie ein­set­zen und wie wir den Ein­satz gestal­ten. Entschei­dend für den Prozess der Dig­i­tal­isierung ist daher, wer über den Ein­satz dig­i­taler Tech­nolo­gien bes­timmt, welche Inter­essen damit ver­fol­gt wer­den und welch­er gesellschaftlich­er Nutzen damit ver­bun­den ist

Der Nutzen der Dig­i­tal­isierung für den Men­schen wird heute zu einem großen Teil von den Inter­essen weniger glob­al tätiger IT-Unternehmen geleit­et. Die nahezu ungeschützte umfassende Erhe­bung, Verknüp­fung und Nutzung pri­vater Dat­en gibt diesen IT-Unternehmen ein Machtin­stru­ment an die Hand, das die Selb­st­bes­tim­mung von Bürg­ern und Sou­veränität von Gesellschaften unter­gräbt.[3] Die Äng­ste der Bevölkerung sind heute mess­bar und objek­tivier­bar.[4] In ein­er 2017 in Deutsch­land erfol­gten Umfrage schätzten 78% der Befragten den Umgang mit ihren per­sön­lichen Dat­en im Inter­net als eher bzw. völ­lig unsich­er ein.[5] Die Bun­des­beauf­tragte für den Daten­schutz und die Infor­ma­tions­frei­heit kommt daher zu fol­gen­der Empfehlung: »Aus daten­schutzrechtlich­er Sicht sollte man sich immer mit der Preis­gabe von per­sön­lichen Infor­ma­tio­nen über sich selb­st oder auch über andere Per­so­n­en zurück­hal­ten.«[6] Wenn man diesem Satz ernst nimmt, müssen Erwach­sene vor jed­er Nutzung des Inter­nets gewarnt, Kinder und Jugendliche hinge­gen von der Nutzung aus­geschlossen wer­den.

Der dig­i­tale Wan­del mod­ern­er Gesellschaften darf nicht nach den Regeln glob­aler IT-Konz­erne aus­ge­han­delt wer­den. Das ist nur dann zu schaf­fen, wenn in jedem Anwen­dungs­fall die öffentlichen Inter­essen for­muliert, aus­ge­han­delt und par­tizipa­tiv gestal­tet wer­den. Das Wohl der Bürg­erin­nen und Bürg­er muss im Vorder­grund demokratis­ch­er Entschei­dungs­find­ung­sprozesse ste­hen. Gesellschaften, Insti­tu­tio­nen und Indi­viduen müssen nicht alles tun oder zulassen, was tech­nol­o­gisch möglich ist. Die Nutzung dig­i­taler Tech­nolo­gien muss mit dem All­ge­mein­wohl vere­in­bar sein. Welche gesellschaftlichen Struk­turen bewahrt oder erneuert wer­den sollen, muss auf Basis öffentlich­er Diskurse, demokratis­ch­er Entschei­dungs­find­un­gen und par­tizipa­tiv­er Gestal­tungsmeth­o­d­en aus­ge­han­delt wer­den.

Wir kön­nen unsere Chan­cen zur Par­tizipa­tion, Mod­er­a­tion und Gestal­tung dieser Trans­for­ma­tion­sprozesse jedoch erst dann ergreifen, wenn wir die Triebkräfte und Struk­turen dieser Entwick­lung erken­nen und ver­ste­hen. Die öffentlichen Inter­essen ger­at­en vor allem deshalb in den Hin­ter­grund, weil sie in weit­en Teilen noch gar nicht erforscht sind oder zu Beginn der gestal­ter­ischen Inter­ven­tion nicht the­ma­tisiert wer­den. Fol­gende drei Punk­te sind für die Gestal­tung der Dig­i­tal­isierung von zen­traler Bedeu­tung:

[1] vgl. Renz, Mar­cel. Die Elek­trotech­nis­che Ausstel­lung in Frank­furt 1891 und die Fol­gen. Vdm Ver­lag Dr. Müller 2011 und Kuhn, Johannes. Schon früher wurde über tech­nis­che Neuheit­en gestrit­ten. Essay Süd­deutsche Zeitung online 27.05.2016 (abgerufen 15.12.2017: http://www.sueddeutsche.de/digital/samstagsessay-vorsicht-zukunft-1.3008159)

[2] vgl. Moro­zov, Evge­ny. Smarte neue Welt: Dig­i­tale Tech­nik und die Frei­heit des Men­schen. Karl Bless­ing Ver­lag 2013

[3] vgl. Han, Byung-Chul. Im Schwarm: Ansicht­en des Dig­i­tal­en. Matthes & Seitz 2013

[4] vgl. dpa Mel­dung. Ver­haf­tungswelle in Türkei. Tausende Ver­fahren gegen Nutzer sozialer Medi­en. FAZ online 26.12.2016 (abgerufen 19.12.2017: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/verhaftungswelle-in-tuerkei-tausende-verfahren-gegen-nutzer-sozialer-medien-14592235.html)

[5] vgl. sta­tista Umfrage unter Inter­net­nutzern. Was glauben Sie: Wie sich­er sind Ihre per­sön­lichen Dat­en im Inter­net im All­ge­meinen? abgerufen 19.12.2017: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/217842/umfrage/sicherheit-von-persoenlichen-daten-im-internet/)

[6] Face­book, Twit­ter und Co.: Daten­schutz in Sozialen Net­zw­erken. Inter­ne­tange­bot: Die Bun­des­beauf­tragte für den Daten­schutz und die Infor­ma­tions­frei­heit. (abgerufen 19.12.2017: https://www.bfdi.bund.de/DE/Datenschutz/Themen/Telefon_Internet/InternetArtikel/DatenschutzInSozialenNetzwerken.html)

  1. Ethik: Die Kon­se­quen­zen der Dig­i­tal­isierung für Men­sch und Umwelt müssen vor dem Hin­ter­grund der Anwen­dungssi­t­u­a­tion recher­chiert, erforscht und mit den Betrof­fe­nen disku­tiert wer­den! Die Auf­gaben­stel­lung muss vor dem Hin­ter­grund umfan­gre­ich­er Beteili­gung­sprozesse erar­beit­et wer­den!
  2. Mehrw­ert: Nutzen und Risiken tech­nol­o­gis­ch­er Neuerun­gen müssen recher­chiert, erforscht und gegeneinan­der abge­wogen wer­den! Die Gestal­tung der Dig­i­tal­isierung darf kein Selb­stzweck wer­den, son­dern muss ihren konkreten Nutzen für Men­sch und Umwelt nach­weisen!
  3. Sicher­heit und Recht: Die Möglichkeit­en des Daten­schutzes müssen recher­chiert, erforscht und in die Def­i­n­i­tion der Auf­gaben­stel­lung ein­be­zo­gen wer­den! Die Dig­i­tal­isierung darf nur insoweit mark­twirtschaftlichen Prinzip­i­en fol­gen, wie sie demokratis­che und rechtsstaatliche Prinzip­i­en ein­hält!

 

Einem der bedeu­tend­sten Physik­er des 20. Jhd. Wern­er Heisen­berg wird der Satz zuge­ord­net: »Die Ideen sind nicht ver­ant­wortlich für das, was die Men­schen aus ihnen machen.«[1] Der Men­sch ist Schöpfer aller Tech­nolo­gien. Wir for­men das Leis­tungsspek­trum von Com­put­ern, Pro­gram­men, Maschi­nen und Ver­net­zungsstruk­turen nach unserem Willen und zu unserem Nutzen. Die Pro­duk­tion, Gestal­tung und Anwen­dung dig­i­taler Tech­nolo­gien muss sich daher stets auf unsere per­sön­liche Ver­ant­wor­tung grün­den. Designer­in­nen und Design­er müssen eine ethis­che Hal­tung zu Entwick­lung und Ein­satz dig­i­taler Tech­nolo­gien entwick­eln und die hier­aus resul­tierende Ver­ant­wor­tung in der Gestal­tung­sprax­is anwen­den. Wir müssen die neuen dig­i­tal­en Tech­nolo­gien zur For­ten­twick­lung und Stärkung der Demokratie nutzen und hier­mit eine Welt gestal­ten, in der wir frei und selb­st­bes­timmt leben kön­nen.

[1] Zitat wird seit 1969 Wern­er Heisen­berg zugeschrieben, die Quelle dafür fehlt.

Zukunft der Arbeit in vernetzten Gesellschaften gestalten

Triebkraft des dig­i­tal­en Wan­dels sind Nutzen und Mehrw­ert, den die neuen Tech­nolo­gien für das Wohl des Men­schen in mod­er­nen Gesellschaften ent­fal­ten. Das dig­i­tale Zeital­ter begann 1941, als Kon­rad Zuse mit seinem Z3 den ersten funk­tions­fähi­gen Com­put­er der Welt erfun­den hat. Diese Leis­tung grün­det sich auf Vorar­beit­en wie der mech­a­nis­chen Rechen­mas­chine von Charles Bab­bage, die bere­its ein Jahrhun­dert früher zum Ein­satz gekom­men ist. Während sich die Weit­er­en­twick­lung dig­i­taler Tech­nolo­gien den zweit­en Weltkrieg in Europa verzögerte, wurde diese in den USA trotz einiger Skep­sis stark vor­angetrieben. Auf Grund von Größe und Her­stel­lungskosten dig­i­taler Tech­nolo­gien im Jahr 1943 wird der dama­lige Chef von IBM, Thomas J. Wat­son wie fol­gt zitiert: »Ich glaube, es gibt einen Welt­markt für vielle­icht 5 Com­put­er.«[1]

Der Durch­bruch des Com­put­ers kam 1981 mit dem IBM-Mod­ell 5150, das von Unternehmen weltweit wegen sein­er gerin­gen Größe, sein­er für Bürotätigkeit­en aus­re­ichen­den Leis­tung, seines wirtschaftlichen Preis­es und des zur Ver­fü­gung ste­hen­den IT-Ser­vices für die Ein­rich­tung per­sön­lich­er Arbeit­splätze genutzt wurde. Durch die Mark­t­macht von IBM im Bere­ich der Indus­triecom­put­er wurde das Betrieb­ssys­tem Microsoft-DOS schnell zum weltweit­en Indus­tri­e­s­tandard für Per­son­al Com­put­er. Tech­nol­o­gisch über­legene Mod­elle wie der Apple-PC oder der Com­modore-PC wur­den hier­durch an den Rand gedrängt. 2007 holte sich Apple den Sta­tus des Tech­nolo­gieführers mit dem ersten iPhone-Mod­ell zurück, mit dem es zum wertvoll­sten Unternehmen der Welt auf­stieg. Heute wer­den weltweit jährlich mehr als 250 Mill. PC-Mod­elle verkauft. Der Höhep­unkt dieser Entwick­lung wurde bere­its 2011 mit mehr als 360 Mill. PC-Mod­ellen erre­icht.[2]

Der Siegeszug der Smart­phones hält bis heute unge­bremst an und hat im Jahr 2017 die Marke von nahezu 1,5 Mrd. verkauften Geräten erre­icht.[3] Die Anzahl der Mobil­funkan­schlüsse hat mit 7,3 Mrd. entspricht bere­its heute der Welt­bevölkerung, wobei die Zahl verz­er­rt ist, da Men­schen, Insti­tu­tio­nen und Unternehmen in Indus­trielän­dern häu­fig mehrere Anschlüsse besitzen. Den­noch beträgt die Zahl der Mobil­funkan­schlüsse in Afri­ka bere­its 709 Mill., was das Poten­zial der Men­schen verdeut­licht, die wir mit dig­i­tal­en Ange­boten erre­ichen kön­nen.[4] Die Exis­tenz weltweit­er dig­i­taler Ver­net­zungsstruk­turen eröffnet neue Denk- und Hand­lungs­felder, die sich zur Verbesserung der Bil­dung-, Lebens- und Arbeits­be­din­gun­gen viel­er Men­schen aus allen sozialen Schicht­en und Herkun­ft­slän­dern der Welt nutzen lassen. Öffentliche Inter­essen lassen sich durch den dig­i­tal­en Wan­del fördern, wo der Ein­satz dig­i­taler Tech­nolo­gien hil­ft, beste­hende Ungle­ich­heit­en und Entwick­lungs­de­fizite abzubauen.

Der dig­i­tale Wan­del ver­net­zter Indus­trie- und Dien­stleis­tungs­ge­sellschaften prägt unsere Gegen­wart und schafft grundle­gende Struk­turen für die Zukun­ft. Die Dig­i­tal­isierung ist ein glob­aler tech­nol­o­gis­ch­er Trans­for­ma­tion­sprozess, ver­gle­ich­bar mit dem der Indus­tri­al­isierung, in dem mit großen ökonomis­chen, kul­turellen und sozialen Fol­gen zu rech­nen ist. Die genauen Kon­se­quen­zen dieser tech­nol­o­gis­chen Umwälzun­gen lassen sich nicht zuver­läs­sig abschätzen, da der begonnene tech­nol­o­gis­che Mod­ernisierung­sprozess noch viele Jahre weit­er­laufen wird. Aktuelle Schätzun­gen zu den Arbeit­splatzver­lus­ten durch die Dig­i­tal­isierung der Wirtschaft, bzw. die Arbeitswelt 4.0 schwanken zwis­chen 47% und 9% [5]. Alle Schätzun­gen zu lokalen und regionalen Auswirkun­gen der Dig­i­tal­isierung schwanken sehr stark, weil Effek­te der Arbeit­splatzra­tional­isierung durch den Zuwachs neuer Arbeit­splätze ver­min­dert oder kom­pen­siert wer­den kön­nen. Die Zukun­ft der Arbeit in ver­net­zten Gesellschaften muss ver­ant­wor­tungsvoll gestal­tet wer­den, da stets alle Ebe­nen der Wertschöp­fungs­kette sowie deren Fol­gen auf Men­sch und Umwelt in den Blick genom­men wer­den müssen.

[1] Elek­tro­nen­ro­bot­er in Deutsch­land. Der Spiegel. Aus­gabe 26.05.1965

[2] vgl. sta­tista. Prog­nose zum weltweit­en Absatz von PCs von 2009 bis 2021 (abgerufen 21.12.2017: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/160878/umfrage/prognose-zum-weltweiten-absatz-von-pcs/)

[3] vgl. sta­tista. Prog­nose zum Absatz von Smart­phones weltweit von 2010 bis 2021 (abgerufen 21.12.2017: (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/12865/umfrage/prognose-zum-absatz-von-smartphones-weltweit/)

[4] vgl. sta­tista. Anzahl der Mobil­funkan­schlüsse weltweit nach Regio­nen von 2005 bis 2017 (abgerufen 21.12.2017: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/253072/umfrage/anzahl-der-mobilfunkanschluesse-nach-regionen-weltweit/)

[5] Stu­di­en für den Arbeits­markt der USA: 47% (vgl. Frey und Osborne 2013) oder 6–15% (vgl. Bonin et al. 2015; Den­gler und Matthes 2015; Arntz et al. 2016), für Europa Siehe: Arbeitswelt 4.0: Wohl­stand­szuwachs oder Ungle­ich­heit und Arbeit­splatzver­lust – was bringt die Dig­i­tal­isierung? Oliv­er Stettes, Melanie Arntz, Ter­ry Gre­go­ry und Ulrich Zier­ahn, Katha­ri­na Den­gler, Daniel Veit, Wern­er Eich­horst und Ulf Rinne (Quelle aktu­al­isiert 08.12.2017: http://www.zew.de/publikationen/arbeitswelt-40-wohlstandszuwachs-oder-ungleichheit-und-arbeitsplatzverlust-was-bringt-die-digitalisierung/)

Formen des Zusammenlebens vernetzter Gesellschaften gestalten

Die Hoff­nun­gen, welche sich mit der Dig­i­tal­isierung aller Lebens­bere­iche verbinden, zeigen sich beson­ders deut­lich am Mod­ell der „Smart Cities“, dass bei vie­len gesellschaftlichen Hand­lungsträgern große Euphorie erzeugt, obgle­ich sich damit auch erhe­bliche Risiken verbinden. Smart Cities und das ›Inter­net der Dinge‹ sind nicht länger Utopi­en, son­dern nehmen gegen­wär­tig bere­its Gestalt an.[1] Mit­tels dig­i­taler Tech­nolo­gien soll eine neue Urban­ität entste­hen, in der die Bedürfnisse des Men­schen wie Gesund­heit, Soziales, Arbeit und Freizeit im Mit­telpunkt ste­hen. Smart Peo­ple sind Men­schen, die in Sym­biose mit neuen dig­i­tal­en Tech­nolo­gien leben und davon opti­mal prof­i­tieren. Smart Gov­er­nance erle­ichtert Bürg­ern und Staat die Regelung notwendi­ger Ver­wal­tungsvorgänge. Smart Mobil­i­ty basiert auf intel­li­gen­ten Ideen wie selb­st­fahren­den Autos, die auf Basis von Car­shar­ing-Mod­ellen öffentlich genutzt wer­den kön­nen. Das Prinzip der Smart Econ­o­my bein­hal­tet die effizien­tere Nutzung materieller und ener­getis­ch­er Ressourcen. Infra­struk­turen wie Trans­port und Energiev­er­sorgung sollen zukün­ftig ökol­o­gis­ch­er und effizien­ter gestal­tet wer­den. Bürg­er kön­nen ihre Einkäufe von zu Hause täti­gen und erhal­ten ihre Pro­duk­te frei Haus geliefert. Ein großer Teil der Arbeit kann zu Hause erledigt wer­den.

Wo Arbeit­szeit­en flex­i­bel sind und Wege ent­fall­en, kön­nen viele Tätigkeit­en fam­i­lien­fre­undlich­er und ökol­o­gis­ch­er gestal­tet wer­den. Die Kom­mu­nika­tion soll weit­ge­hend über Instant-Mas­sag­ing-Dien­ste wie E-Mail, IP-Tele­fonie, Videokon­feren­zen, Screen-Shar­ing, Dateiüber­tra­gung und soziale Net­zw­erke erfol­gen. Intel­li­gente Haustech­niksys­teme erken­nen die Bedürfnisse der Nutzer und passen die Lebens- und Arbeits­be­din­gun­gen im Gebäude den Anforderun­gen an. Die Nutzung wird ökol­o­gis­ch­er, da wichtige Energie­ver­brauch­squellen wie Heizung und Licht opti­mal an die Vorgänge im Haus angepasst wer­den. Die Nutzung von Überwachung­stech­nolo­gien ver­min­dert die Krim­i­nal­ität und ermöglicht schnelle Hil­fe, wo Men­schen in Not ger­at­en. Alte Men­schen kön­nten davon beson­ders prof­i­tieren, da sie die meis­ten täglichen Vorgänge von zu Hause aus regeln und regelmäßige Kon­tak­te mit Fam­i­lie, Fre­un­den und Betreuern aufrechter­hal­ten kön­nen. Smart Cities und Bürg­er sind nach innen und außen hochgr­a­dig ver­net­zt.

Die Kri­tik an Smart Cities trifft vor allem die damit ein­herge­hen­den Möglichkeit­en des Miss­brauchs dig­i­taler Tech­nolo­gien für die Real­isierung kom­merzieller Inter­essen und die totale Überwachung der Bürg­er. Smart Cities kön­nten sich zu einem Machtin­stru­ment entwick­eln, das staatlichen oder auch pri­vat­en Insti­tu­tio­nen ein Instru­ment zur total­en Überwachung und Ver­hal­tenss­teuerung aller Bürg­erin­nen und Bürg­er an die Hand gibt. Bei der Gestal­tung von Smart Cities müssen öffentliche Inter­essen demokratis­ch­er Gesellschaften berück­sichtigt wer­den, was gestal­ter­ischen Diszi­plinen zwis­chen Architek­tur, Städte­bau und Design neue Hand­lungs­felder eröffnet. Gesellschaftliche Hand­lungsträger brauchen gute Argu­mente und wirk­same Strate­gien für die Durch­set­zung öffentlich­er Inter­essen gegen die Macht glob­aler IT- und Inter­net-Unternehmen, deren Mark­tkap­i­tal­isierung schon heute das Brut­tosozial­pro­dukt viel­er Volk­wirtschaften über­schre­it­et.[2]

Die Dig­i­tal­isierung unser­er Lebens-, Lern- und Arbeitswelt rev­o­lu­tion­iert sys­tem­rel­e­vante Grund­la­gen demokratis­ch­er Gesellschaften wie Sicher­heit, Bil­dung, Presse, Recht und Frei­heit. Geset­zes­texte und gesellschaftliche Prak­tiken lassen sich vielfach nicht direkt vom analo­gen in den dig­i­tal­en Raum über­tra­gen. Die Gren­zen zwis­chen Pri­vatheit und Öffentlichkeit ger­at­en ins Fließen und müssen in öffentlichen Diskursen definiert und von demokratisch legit­imierten Instanzen neu bew­ertet wer­den. Seit Aris­tote­les wis­sen wir, das ethis­che Prinzip­i­en und moralis­che Hal­tun­gen auf Gewohn­heit­en, Sit­ten und Gebräuchen basieren. [3] Wenn lebensweltliche Prak­tiken starken gesellschaftlichen Trans­for­ma­tion­sprozessen aus­ge­set­zt sind, ger­at­en ethis­che und moralis­che Fun­da­mente unter Druck. Der durch Dig­i­tal­isierung und Ver­net­zung erzeugte Verän­derungs­druck fördert Verun­sicherung und Äng­ste, schafft jedoch auch Freiräume für die Neugestal­tung der For­men unseres Zusam­men­lebens. Die Dig­i­tal­isierung birgt nicht nur unkalkulier­bare Risiken, son­dern eben­so auch Chan­cen zur Erneuerung von Gesellschaft. Die Verän­derungs­dy­namiken der Dig­i­tal­isierung sind heute bere­its in zen­tralen gesellschaftlichen Denk- und Hand­lungs­feldern wie Umwelt, Bil­dung, Forschung, Wis­senschaft, Wirtschaft, Energie, Jus­tiz, Gesund­heit, Vertei­di­gung, Verkehr, Poli­tik, Arbeit, Fam­i­lie, Soziales und Kul­tur spür­bar. Fra­gen nach Strate­gien zur Gestal­tung der Dig­i­tal­isierung­sprozesse rück­en hier­durch in das Zen­trum des öffentlichen Diskurs­es. Wenn wir die Zukun­ft der Urban­ität mit­gestal­ten wollen, müssen wir öffentliche Inter­essen der Bürg­erin­nen und Bürg­er wahrnehmen, Chan­cen und Risiken bew­erten sowie die Möglichkeit­en für erfol­gre­iche Inter­ven­tio­nen ent­deck­en und nutzen.

[1] vgl. Jaekel, Michael. Smart City wird Real­ität: Weg­weis­er für neue Urban­itäten in der Dig­i­talmod­erne. Springer Vieweg 2015

[2] vgl. Price­wa­ter­house­C­oop­ers LLP: https://www.pwc.com/gx/en/services/audit-assurance/publications/global-top-100-companies-2017.html (abgerufen: 16.11.2017)

[3] vgl. Aris­tote­les. Niko­machis­che Ethik. Reclam 2017

Nutzerrechte und Nutzerverhalten in digitalen Welten gestalten

Die Begriffe und das Ver­hält­nis von Öffentlichkeit und Pri­vatheit müssen in ver­net­zten Gesellschaften neu aus­ge­han­delt und rechtlich gesichert wer­den. Die ethis­che Grund­lage für unser Han­deln kann nicht prob­lem­los vom analo­gen in den dig­i­tal­en Raum über­tra­gen wer­den, da viele wert­bildende Fak­toren wie Ein­fluss, Ver­trauen, Fre­und­schaft, Zus­tim­mung, Macht und Gewalt ihre Bedeu­tung ändern. Wer im virtuellen Raum des Inter­nets als Fre­und gelikt wird, kann in der physis­chen Begeg­nung ein Fremder sein. Wer im Inter­net Has­skom­mentare ver­fasst, kann im analo­gen Leben ganz andere Ansicht­en vertreten. Die gegen­wär­ti­gen Regelun­gen zu den Per­sön­lichkeit­srecht­en von Indi­viduen, wie auch zum Ver­hält­nis von Öffentlichkeit und Pri­vatheit spiegeln die lebensweltlichen Prak­tiken und demokratisch aus­ge­han­del­ten Recht­sauf­fas­sun­gen analoger Gesellschaften wider. Wenn wir uns im analo­gen Raum aufhal­ten, uns physisch zwis­chen Orten bewe­gen, kör­per­lich mit Men­schen in Kon­takt treten und ihre Dien­stleis­tun­gen in Anspruch nehmen, kön­nen wir darauf ver­trauen, dass unsere Per­sön­lichkeit­srechte gewahrt bleiben. Wir wis­sen zumeist, wo unsere Hand­lun­gen pri­vat bleiben oder wo sie öffentlich wer­den und kön­nen unser Ver­hal­ten darauf aus­richt­en. Das gilt in gle­ich­er Weise für die Wahrnehmung und Respek­tierung der Pri­vat­sphäre ander­er Men­schen. Eine totale Überwachung, die mit der Nutzung dig­i­taler Medi­en ein­herge­ht, wäre unvere­in­bar mit unseren Grun­drecht­en.

Wenn wir uns im Inter­net bewe­gen oder mit dem mobilen Endgerät unseren Aufen­thalt­sort wech­seln, wer­den all unsere Aktio­nen von ver­schiede­nen dig­i­tal­en Akteuren aufgeze­ich­net. Durch diese Vor­rats­daten­spe­icherung wer­den Bürg­er zu Verdächti­gen und pri­vate Hand­lun­gen zur Ware.[1] Glob­ale IT-Unternehmen ver­w­erten unsere Dat­en in einem dynamisch wach­senden Geschäfts­feld, in dem unser Recht auf Pri­vatheit eine neue Bedeu­tung erlangt. Unsere Daten­schutzge­set­zge­bung zeigt, dass staatliche Insti­tu­tio­nen noch keinen Weg gefun­den haben, Recht­sicher­heit herzustellen. Statt Regeln wer­den War­nun­gen her­aus­gegeben, die weit­er zur Verun­sicherung der Bürg­er beitra­gen.[2]

Com­put­er­pro­gramme und Apps erle­ichtern uns das Leben, sie sparen Arbeit, dienen als Wis­sensarchiv, überwachen unsere Gesund­heit, fördern unsere soziale Kom­mu­nika­tion und erle­ichtern uns die All­t­ag­sor­gan­i­sa­tion. Algo­rith­men helfen uns bei der Infor­ma­tion­ssuche, geben Ori­en­tierung, steuern soziale Kom­mu­nika­tion und wer­ben für unsere Anliegen. Kaum jemand möchte daher heute im Pri­vatleben auf die Nutzung von Com­put­ern und Smart­phones verzicht­en. Die dig­i­tale Öffentlichkeit des Inter­nets wird zum Schau­platz unseres Lebens und wirkt in alle Bere­iche unser­er physis­chen Real­ität hinein. Wir stellen unsere Dat­en daher auch zumeist sor­g­los und frei­willig ins Netz, da die gebote­nen Vorteile konkret und oft kosten­frei zu haben sind, während Nachteile wie man­gel­nde Daten­sicher­heit und zunehmende Abhängigkeit abstrakt bleiben.[3] Wir stim­men Lizenz- und Geschäfts­be­din­gun­gen häu­fig mit einem Klick zu, ohne diese zuvor genau gele­sen und in ihrer Trag­weite zu über­prüft zu haben. Die meis­ten Pro­gramme sind für uns alter­na­tiv­los, weil wir uns hierüber bere­its stark ver­net­zt haben, mit anderen Men­schen und Insti­tu­tio­nen, mit dem eige­nen Datenbe­stand, anderen Pro­gram­men und der Hard­ware. Zudem kön­nen wir davon aus­ge­hen, dass Konkur­renten auf ver­gle­ich­bare Weise mit unseren Per­sön­lichkeit­srecht­en umge­hen. Der Abschluss von Lizenz- und Geschäftsverträ­gen mit Soft­ware­an­bi­etern ist daher häu­fig von Gefühlen wie Sor­glosigkeit und Zweck­op­ti­mis­mus oder Abhängigkeit und Macht­losigkeit geprägt. Das führt dazu, dass wir immer häu­figer nicht wis­sen und uns immer weniger dafür inter­essieren, wer unsere Dat­en spe­ichert, auswertet, nutzt und weit­ergibt. Der Über­gang von der analo­gen in die dig­i­tale Gesellschaft stürzt uns in Krisen, die gewaltige Risiken bergen und hier­durch zugle­ich Chan­cen für tief­greifende Erneuerun­gen eröff­nen.[4] Die Diskus­sion, Neude­f­i­n­i­tion und Gestal­tung der Per­sön­lichkeit­srechte aller Bürg­er gehört zu den wichtig­sten Her­aus­forderun­gen ver­net­zter Gesellschaften.

Der ›Gläserne Bürg­er‹, der seine Pri­vat­sphäre im dig­i­tal­en Raum des Inter­nets nahezu voll­ständig preis­gibt, gehört zu den Kennze­ichen ver­net­zter Gesellschaften. Kaum jemand ist sich bewusst, dass leis­tungs­fähige Algo­rith­men aus weni­gen Kennze­ichen wie Angaben von Fre­un­den, Stan­dorten, Einkäufen oder Gewohn­heit­en die Iden­tität ein­er Per­son ermit­teln kön­nen.[5] Sobald wir das Inter­net nutzen, wer­den unsere Hand­lun­gen von Pro­gram­men im Hin­ter­grund aufgeze­ich­net, aus­gew­ertet und mit vorhan­de­nen Dat­en verknüpft. Durch die Summe unser­er Hand­lun­gen erzeu­gen wir selb­st ein Per­sön­lichkeit­spro­fil im Inter­net, in dem sich unsere pri­vate Lebenssi­t­u­a­tion repräsen­tiert. Die Verknüp­fung unser­er Dat­en mit denen unser­er Fam­i­lie, Fre­unde und Kol­le­gen erzeugt ein soziales Pro­fil, das niemals zuvor in dieser Weise sicht­bar war. Mit der Doku­men­ta­tion unser­er gesamten dig­i­tal­en Kom­mu­nika­tion, der Reg­istrierung der Art und Häu­figkeit unser­er Kon­tak­te, wie auch der Verknüp­fun­gen von Gesprächen, Tex­ten, Bildern und Fil­men wächst, ver­tieft und ver­fein­ert sich diese Struk­tur.

Daten­schutz wird heute weit­ge­hend von den Unternehmen betrieben, die gle­ichzeit­ig Geld mit der Nutzung unser­er Dat­en ver­di­enen. Wir dig­i­tal­isieren unsere Dat­en selb­st und sor­gen mit dem Anschluss ans Inter­net und der Nutzung von Pro­gram­men selb­st für ihre Ver­bre­itung. Die Daten­er­fas­sung macht wed­er an der Schwelle zum eige­nen Wohn­raum, noch an der Kör­per­gren­ze halt. Wenn wir Ange­bote des Inter­nets nutzen, dig­i­tal­isieren wir bewusst oder unbe­wusst viele Infor­ma­tio­nen über unseren Lebensweg und unsere Bil­dung, unsere sozialen Kon­tak­te und unser Sozialver­hal­ten, unser Bewe­gung­spro­fil und unsere Hand­lun­gen, unsere Ein­stel­lun­gen, Prob­leme, Präferen­zen und Wün­sche. Die Summe der Veröf­fentlichun­gen pri­vater Infor­ma­tio­nen bildet das Datenkap­i­tal gigan­tis­ch­er IT-Unternehmen, deren wirtschaftliche Macht staatliche Reg­ulierungsver­suche immer wieder erfol­gre­ich unterbindet.[6] Das Inter­net legt ein auto­bi­ographis­ches Gedächt­nis sein­er Nutzer an, über das wir keine voll­ständi­ge Ver­fü­gung haben. Löschungsver­suche erweisen sich häu­fig als erfol­g­los, da unsere Dat­en unzäh­lige Male vervielfältigt und so gespe­ichert wer­den, dass sie dem direk­ten Zugriff von Staat und Bürg­ern ent­zo­gen bleiben. Nationale Daten­schutzge­set­zte find­en am Spe­icherort der Dat­en keine Anwen­dung, wenn dieser außer­halb der Lan­des­gren­zen liegt. Ganz anders als US-Amerikan­er sind EU-Bürg­er bei der Nutzung sozialer Medi­en wie What­sApp, face­book, Insta­gram, Snapchat , Twit­ter und Xing, von Video­por­tal­en wie YouTube und vimeo, von Such­maschi­nen wie google und Bing sowie online-Händlern wie ama­zon und eBay, weit­ge­hend recht­los.[7] Die Sou­veränität von Staat­en wird durch den glob­alen Daten­trans­fer erhe­blich eingeschränkt.[8]

Unsere Dat­en sind nir­gend­wo sich­er, da die Cyberkrim­i­nal­ität auf Grund steigen­der Werte, weltweit­er Ver­net­zung, rechts­freier Räume und fehlen­der Strafver­fol­gung stetig wächst. Bei einem 2011 erfol­gten Cyberan­griff auf das dig­i­tale Ser­vi­ce­por­tal Playsta­tion Net­work wur­den Kred­itkarten­in­for­ma­tio­nen und per­sön­liche Dat­en von 77 Mil­lio­nen Abon­nen­ten gestohlen, die erst 6 Tage danach darüber informiert wur­den. 2013 erhiel­ten Hack­er durch einen Cyberan­griff Zugriff auf die Kon­ten von ca. 1 Mrd. Yahoo-Usern, die Namen, E-Mail-Adressen, Tele­fon­num­mern, Geburts­dat­en und ver­schlüs­selte Pass­wörter enthiel­ten. Eben­falls 2013 erbeuteten Hack­er die Dat­en von 38 Mil­lio­nen Adobe-Kun­den. 2014 wur­den 145 Mil­lio­nen reg­istri­erten Kun­den des Online-Mark­t­platzes ebay zum Opfer von Cyberkrim­inellen. 2015 wur­den Anschriften, Kred­itkarten­num­mern und sex­uelle Vor­lieben von cir­ca 40 Mil­lio­nen Usern des Onlinepor­tals Ash­ley Madi­son von ein­er Hack­er­gruppe veröf­fentlicht, das zur Kon­tak­tauf­nahme von Sex­u­al­part­nern für Seit­en­sprünge dient. Darunter waren darunter 15.000 Regierungs- und Mil­itäradressen. Durch die Veröf­fentlichung hat sich zudem her­aus­gestellt, dass Löschun­gen von Dat­en nach Kündi­gung oder Kun­den­wun­sch nicht erfol­gt sind.[9] Hier­aus wird deut­lich, dass die Sicher­heit von Bürg­ern in ver­net­zten Gesellschaften auf Grund der geän­derten Rah­menbe­din­gun­gen nicht mehr gegeben ist. Das offen­bart sich ein gewaltiges Gestal­tungspoten­zial, da vorhan­dene Prob­lem­lö­sungsstrate­gien wie nationale Geset­ze und Verord­nun­gen in einem glob­alen Kon­text nur geringe Wirkung erre­ichen. Selb­st inter­na­tionale Regelun­gen wer­den sich kaum durch­set­zen lassen, da Rechts­brüche zu jed­er Zeit aus jedem Teil der Welt unter Nutzung mobil­er kostengün­stiger Tech­nolo­gien erfol­gen kön­nen.

Ein weitre­ichen­der Verzicht auf die Nutzung dig­i­taler Tech­nolo­gien bietet im Moment den einzig wirk­samen Schutz gegen das Ein­drin­gen staatlich­er und pri­vater Akteure in unsere Pri­vat­sphäre! Doch ist das über­haupt möglich oder reicht es vielle­icht aus, wenn wir unser Kom­mu­nika­tionsver­hal­ten verän­dern und wirk­same Sicherung­spro­gramme nutzen? Vielle­icht brauchen wir auch keine neuen Geset­ze, son­dern Pro­gramme, denen wir ver­trauen kön­nen oder die den Daten­hunger ander­er Pro­gramme ein­hegen? Vielle­icht müssen wir uns im virtuellen Raum des Inter­nets auch nur anders ver­hal­ten? Die Gestal­tung unser­er Leben­sumwelt hat einen großen Ein­fluss auf das Nutzerver­hal­ten, weshalb diese Auf­gabe ein gesellschaftlich hochrel­e­vantes Tätigkeits­feld für Designer­in­nen und Design­ern bietet. Die Gestal­tung von Nutzerver­hal­ten im Inter­net gehört zu den großen Her­aus­forderun­gen der Gegen­wart und wird uns in Zukun­ft noch lange beschäfti­gen!

[1] Ab dem 1. Juli 2017 sind wir alle verdächtig. Unab­hängiges Lan­deszen­trum für Daten­schutz Schleswig-Hol­stein
(abgerufen 06.02.2018: https://www.datenschutz.de/ab-dem-1-juli-2017-sind-wir-alle-verdaechtig/)

[2] vgl. Bun­des­daten­schutz Grun­dord­nung (BDSG) 2017 (4) Dieses Gesetz find­et Anwen­dung auf öffentliche Stellen. Auf nichtöf­fentliche Stellen find­et es Anwen­dung, sofern (3) der Ver­ant­wortliche oder Auf­tragsver­ar­beit­er per­so­n­en­be­zo­gene Dat­en im Inland ver­ar­beit­et, der Ver­ant­wortliche oder Auf­tragsver­ar­beit­er zwar keine Nieder­las­sung in einem Mit­glied­staat der Europäis­chen Union oder in einem anderen Ver­tragsstaat des Abkom­mens über den Europäis­chen Wirtschaft­sraum hat, er aber in den Anwen­dungs­bere­ich der Verord­nung (EU) 2016/679 des Europäis­chen Par­la­ments … fällt.

Daten­schutz-Grund­verord­nung (EU) 2016/679 (116) Wenn per­so­n­en­be­zo­gene Dat­en in ein anderes Land außer­halb der Union über­mit­telt wer­den, beste­ht eine erhöhte Gefahr, dass natür­liche Per­so­n­en ihre Daten­schutzrechte nicht wahrnehmen kön­nen und sich ins­beson­dere gegen die unrecht­mäßige Nutzung oder Offen­le­gung dieser Infor­ma­tio­nen zu schützen.

Eben­so kann es vorkom­men, dass Auf­sichts­be­hör­den Beschw­er­den nicht nachge­hen oder Unter­suchun­gen nicht durch­führen kön­nen, die einen Bezug zu Tätigkeit­en außer­halb der Gren­zen ihres Mit­glied­staats haben.

[3] vgl. Moro­zov, Evge­ny. Smarte neue Welt: Dig­i­tale Tech­nik und die Frei­heit des Men­schen. Karl Bless­ing Ver­lag 2013

[4] vgl. Han, Byung-Chul. Im Schwarm: Ansicht­en des Dig­i­tal­en. Matthes & Seitz 2013

[5] vgl. Kuck­lick, Christoph. Die gran­u­lare Gesellschaft: Wie das Dig­i­tale unsere Wirk­lichkeit auflöst. Ull­stein Taschen­buch 2016

[6] vgl. S&P Index data. Veröf­fentlicht auf der Web­site: http://fortune.com/global500 (abgerufen 08.12.2017)

[7] vgl. Spehr, Michael. Abge­fis­cht von Face­book. FAZ-online 29.12.2016 (abgerufen 08.12.2017: http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/digital/datenkrake-abgefischt-von-facebook-14590869-p2.html)

Jan­nis Brühl und Thomas Kirch­n­er. Mehr Sicher­heit für EU-Bürg­er in den USA. Süd­deutsche Zeitung 12.07.2016 (abgerufen am 08.12.2017: http://www.sueddeutsche.de/politik/datenschutz-mehr-sicherheit-fuer-eu-buerger-in-den-usa-1.3074903)

[8] vgl. The Spy Files. wik­ileaks (abgerufen 08.12.2017: https://wikileaks.org/the-spyfiles.html) On Thurs­day, Decem­ber 1st, 2011 Wik­iLeaks began pub­lish­ing The Spy Files, thou­sands of pages and oth­er mate­ri­als expos­ing the glob­al mass sur­veil­lance indus­try.

[9] vgl. Die größten Cyberan­griffe auf Unternehmen. Com­put­er­woche. (abgerufen 21.12.2017: https://www.computerwoche.de/a/die-groessten-cyberangriffe-auf-unternehmen,3214326)

Bildung, Wissenschaft und Forschung in vernetzten Gesellschaften gestalten

Die dig­i­tale Trans­for­ma­tion mod­ern­er Gesellschaften wirkt sich beson­ders stark auf Bil­dung, Wis­senschaft und Forschung aus. Dabei hat die Trans­for­ma­tion der Art und Weise, wie wir ler­nen und forschen, wie wir Wis­sen gener­ieren, ver­bre­it­en und nutzen, ger­ade erst begonnen. Da wir nicht in die Zukun­ft sehen kön­nen, kön­nen wir Ver­gle­iche mit his­torischen Ereignis­sen nutzen, um uns die Auswirkun­gen der Dig­i­tal­isierung vorzustellen. Häu­fig wer­den an dieser Stelle Ver­gle­iche zwis­chen den trans­for­ma­tiv­en Kräften des Buch­drucks und des Inter­nets gezo­gen. Die Erfind­ung des Buch­drucks im 15. Jahrhun­dert wurde zur Triebkraft ein­er umfassenden Mod­ernisierung mit­te­lal­ter­lich­er Gesellschaften.[1] Das Gelin­gen ein­er weit­ge­hen­den Alpha­betisierung und Aufk­lärung der Bevölkerung lässt sich jedoch nicht allein auf direk­te Vorteile der Druck­tech­nik wie niedrige Her­stel­lungskosten, hoher Aufla­gen, schnelle Ver­bre­itung und ein­fache Ver­füg­barkeit zurück­führen. Genau­so wichtig waren indi­rek­te Vorteile wie Mehrsprachigkeit, All­ge­mein­ver­ständlichkeit und Nutzer­fre­undlichkeit der Inhalte. Die Druck­wirtschaft ori­en­tierte sich mit ihren Pro­duk­ten nicht mehr nur an den Wün­schen ein­er winzi­gen Bil­dungselite, son­dern sie ent­deck­te das ökonomis­che Poten­zial der Masse, die zuvor jedoch noch gebildet wer­den musste. Die Ver­bre­itung von Druck­erzeug­nis­sen in allen Sprachen und Län­dern dieser Erde sorgt seit­dem nicht nur für eine expo­nen­tielle Aus­dehnung und Ver­net­zung des Wis­sens­be­standes unser­er Spezies.

Die wirtschaftliche, soziale und kul­turelle Trans­for­ma­tion mit­te­lal­ter­lich­er Gesellschaften schuf das Zeital­ter der Mod­erne, das mit der Dig­i­tal­isierung nicht endet, son­dern eine weit­ere Entwick­lungsstufe erre­icht. Der nach mein­er Auf­fas­sung rein pro­gram­ma­tisch zu ver­ste­hende Begriff der Post­mod­erne wen­det sich gegen das Inno­va­tion­sstreben freier glob­al ori­en­tiert­er Mark­twirtschaften. Die Mod­erne ist keineswegs am Ende, son­dern tritt mit der Dig­i­tal­isierung ger­ade in eine neue Stufe ein, die von ein­er immer höheren Ver­net­zung in allen gesellschaftlichen Hand­lungs­feldern geprägt wird. Mit dem gegen­wär­ti­gen Date­naufkom­men im Inter­net erre­icht unser Infor­ma­tions­be­stand erneut einen Quan­ten­sprung. Das monatliche weltweite Date­naufkom­men wird auf mehr als 15,3 Zetabyte (1021 Byte) geschätzt, was die Daten­menge aller existieren­den Druck­erzeug­nisse um ein Vielfach­es über­trifft.[2]  Die Qual­ität der dig­i­tal­en Infor­ma­tio­nen ist jedoch weitaus het­ero­gen­er als die von Druckme­di­en, da die Ver­bre­itung von Dat­en im Inter­net nahezu kosten­los von jedem pri­vat­en Net­zan­schluss möglich ist. Nur ein winziger Teil der Daten­menge wird durch pro­fes­sionelle Autorschaft und in redak­tioneller Ver­ant­wor­tung pro­duziert. Der größte Teil aller Veröf­fentlichun­gen erfol­gt durch Pri­vat­per­so­n­en, deren Authen­tiz­ität und Qual­i­fika­tion oft­mals im Ver­bo­ge­nen bleibt. Täglich entste­hen neue Infor­ma­tion­skanäle auf redak­tionell betreuten Web­seit­en, per­sön­lichen Blogs, Vide­o­for­mat­en wie YouTube, sozialen Net­zw­erken wie Face­book oder Kurz­nachricht­enkanälen wie Twit­ter.

Die meis­ten Men­schen nutzen heute bere­its das Inter­net als primäre Quelle für Ler­nak­tiv­itäten wie Recherche, Erfahrungser­werb, und Wis­sens­bil­dung. Das gilt nicht nur für den Freizeit­bere­ich, son­dern inzwis­chen auch für schulis­ches Ler­nen und Hochschul­studi­um.[3] Der Zugang zu Infor­ma­tio­nen aller Art erfol­gt über Inter­net-Such­maschi­nen wie Google, die allein pro Tag über 3 Mrd. Suchan­fra­gen von mehr als 1,17 Mrd. Nutzern bear­beit­et. Die näch­st­fol­gen­den Such­maschi­nen wie Baidu, Yahoo und Microsoft wer­den von jew­eils knapp 300 Mill. Nutzer ange­fragt.[4] In Deutsch­land nutzen heute bere­its mehr als 17 Mill. Per­so­n­en über 14 Jahre das Inter­net als Nach­schlagew­erk.[5] In der Alters­gruppe der 14- bis 29- jähri­gen Inter­net­nutzer ver­wen­den hierzu­lande bere­its 92% die welt­größte Inter­net-Enzyk­lopädie Wikipedia.[6] Diese enthält heute einen Wis­sens­be­stand von ca. 45 Mill. Artikeln, die in annäh­ernd 300 Sprachen von weit über hun­dert­tausend freien Autoren erstellt, redak­tionell betreut und per­ma­nent aktu­al­isiert wer­den. Dieses kosten­freie Wis­sensange­bot ste­ht jedem Inter­net-Nutzer der Welt zur Ver­fü­gung, was Prob­leme verur­sachen kann, wenn Wikipedia dauer­haft eigene Rechercheleis­tun­gen und umfassende Infor­ma­tion erset­zt. Betra­chtet man dieses häu­fig benan­nte Prob­lem jedoch aus ein­er anderen Per­spek­tive, wird der Nutzen öffentlich­er dig­i­taler Wis­sensarchive für die Bil­dung der Welt­bevölkerung erkennbar. Die meis­ten Men­schen der Welt haben heute Zugang zum Inter­net, doch noch immer keinen Zugang zu Bib­lio­theken und kein Geld für Büch­er.

Durch die Ver­bre­itung und Nutzung des Inter­nets als Infor­ma­tion­squelle und Kom­mu­nika­tion­splat­tform wer­den dig­i­tale Medi­en zunehmend auch für Bil­dung, Wis­senschaft und Forschung ver­wen­det. Nahezu alle pri­vat­en und öffentlichen Ein­rich­tun­gen dieser Art nutzen das Inter­net als dig­i­tale Repräsen­tanz ihrer Insti­tu­tion für interne und externe Kom­mu­nika­tion­szwecke. Zielset­zung, Struk­tur und Tätigkeits­felder lassen sich hier­aus eben­so ableit­en, wie Ange­bote und Kon­tak­t­möglichkeit­en. Darüber hin­aus bieten viele Bil­dungsin­sti­tu­tio­nen zahlre­iche E-Learn­ing Ange­bote an, wie Webina­re, Pod­casts, Cha­t­rooms und Moocs oder kom­binierte For­men wie Blend­ed Learn­ing.[7] Andere Bil­dungsin­sti­tu­tio­nen verzicht­en ganz auf den direk­ten Kon­takt mit Lern­ern und set­zen kom­plett auf E-Learn­ing. Durch Ini­tia­tiv­en wie die Free Online Cours­es – edX, unter­stützt von Uni­ver­sitäten wie MIT, Har­vard, Berke­ley, Sor­bonne, TU Delft, RWTH Aachen, wird es möglich, dass lern­willige Men­schen aus aller Welt ungeachtet ihrer Herkun­ft, ihres Ver­mö­gens oder ihre Wohnorts an den besten Bil­dung­sein­rich­tun­gen der Welt studieren kön­nen.[8] Das dig­i­tale Studi­um ist noch lange kein gle­ich­w­er­tiger Ersatz für den Besuch von Schulen und Hochschulen und wird es vielle­icht auch niemals sein. Durch dig­i­tales Ler­nen wer­den Men­schen vielle­icht schlauer, doch niemals Teil eines Net­zw­erkes, dass auf per­sön­lichen Kon­tak­ten, Ver­ste­hen und Ver­trauen basiert. Physis­che Begeg­nun­gen mit Lehren­den und anderen Ler­nen­den während und nach den Lernzeit­en ermöglichen Diskurse und neue Ein­sicht­en, bilden Ver­trauensver­hält­nisse und fördern die Per­sön­lichkeits­bil­dung. Die Bil­dung von Wis­sen basiert auf der Bil­dung mul­ti­sen­suell erwor­ben­er Erfahrun­gen, in der Real­ität begrün­de­ter Vorstel­lungswel­ten und dem Ver­trauen von Per­sön­lichkeit­en, die sich nicht in Pro­jek­tio­nen zeigen, son­dern in zwis­chen­men­schlichen Begeg­nun­gen offen­baren. Dig­i­tale Lehr- und Lern­meth­o­d­en bieten eine große Chance zur Erneuerung und Erweiterung analoger Bil­dungsange­bote, doch keinen Ersatz. Die Wis­sensver­mit­tlung durch Print­me­di­en hat nicht die Abschaf­fung des gesproch­enen Worts bewirkt, son­dern dessen Wert und Nach­haltigkeit erhöht.

Die Entwick­lung und Gestal­tung von dig­i­tal­en Ange­boten für Bil­dung, Wis­senschaft und Forschung eröffnet Designer­in­nen und Design­ern ein wach­sendes und gesellschaftlich hochrel­e­vantes Tätigkeits­feld. Dig­i­tale Tech­niken kön­nen in jedem Alter und allen Bil­dungsstufen zum Ein­satz kom­men, ange­fan­gen bei der Vorschul­bil­dung, über die All­ge­mein­bil­dung bis hin zur fach­lichen Bil­dung und lebenslan­gen Weit­er­bil­dung. Die Konzep­tion und Pro­duk­tion von Bil­dungsange­boten fordert fach­liche Kom­pe­ten­zen und Ver­ant­wor­tung in Feldern wie Medi­engestal­tung, Medi­en­nutzung und medi­aler Kom­mu­nika­tion. Par­tizipa­tive Meth­o­d­en der Design­forschung sind dabei beson­ders wirk­sam, wenn neue Bil­dungsange­bote auf die fol­gen­den Punk­ten grün­den:[9]

  • Ver­ste­hen: Beobach­tung von Lehr- und Lern­prozessen im Kon­text real­er Anwen­dungssi­t­u­a­tio­nen und Def­i­n­i­tion des Mehrw­ertes neuer Bil­dungsange­bote
  • Informieren: Gründlichen Recherche der Ziel­gruppe, Nutzungssi­t­u­a­tion und vorhan­de­nen Ange­bote unter Ein­beziehung der Entwick­lungs­geschichte, Gegen­wart­szustände und Zukun­ftsper­spek­tive
  • Erar­beitung und For­mulierung der Ziel­stel­lung: Par­tizipa­tive Begeg­nun­gen unter Beteili­gung von Lehren­den und Ler­nen­den, von Ver­ant­wor­tungsträger/-innen und Fach­ex­pert/-innen vor dem Kon­text der Anwen­dungssi­t­u­a­tion
  • Konzep­tion: Ideen­suche, Entwurf und schöpferische Gestal­tung der For­men und Meth­o­d­en zur Prob­lem­lö­sung unter Nutzung von Usabil­i­ty Strate­gien wie User Expe­ri­ence Design und Visionärem Denken
  • Pro­to­typ­ing: exem­plar­ische Umset­zung eines Funk­tion­s­mod­ells, an dem sich die favorisierte Lösung erproben, analysieren, erk­lären, kri­tisieren und weit­er­en­twick­eln lässt
  • Test: Eval­u­a­tion der Nutzung­seigen­schaften, Beobach­tung des Nutzerver­hal­tens und Analyse offen­er Nutzungspoten­ziale durch Anwen­dung quan­ti­ta­tiv­er und qual­i­ta­tiv­er Forschungsmeth­o­d­en sowie direk­ter User Feed­back Strate­gien

[1] vgl. Moro­zov, Evge­ny. Smarte neue Welt: Dig­i­tale Tech­nik und die Frei­heit des Men­schen. Karl Bless­ing Ver­lag 2013

[2] vgl. IDC Studie. Neue Ansätze für ein neues Daten­zeital­ter. (abgerufen 30.04.2018: https://www.seagate.com/de/de/our-story/data-age-2025/#)

[3] vgl. Klöck, Gerd. Zeit-online. Stu­den­ten sind ohne Google aufgeschmis­sen. (abgerufen 11.12.2017 http://www.zeit.de/studium/hochschule/2011–05/lehre-google)

[4] vgl. Sta­tista. 1.17 Bil­lion Peo­ple Use Google Search. (abgerufen 11.12.2017: https://www.statista.com/chart/899/unique-users-of-search-engines-in-december-2012/)

[5] vgl. Sta­tista: Anzahl der Inter­net­nutzer in Deutsch­land, die das Inter­net für die Nutzung von Nach­schlagew­erken ver­wen­den, nach Häu­figkeit der Nutzung von 2013 bis 2016 (in Mil­lio­nen) (abgerufen 11.12.2017: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/168882/umfrage/internet-fuer-die-nutzung-von-nachschlagewerken/ )https://de.statista.com/statistik/daten/studie/168882/umfrage/internet-fuer-die-nutzung-von-nachschlagewerken/

[6] vgl. Sta­tista: Nutzen Sie das Online-Lexikon Wikipedia? (abgerufen 11.12.2017: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/500757/umfrage/anteil-der-nutzer-von-wikipedia-nach-altersgruppen-in-deutschland/

[7] vgl. Ker­res, Michael. Medi­en­di­dak­tik: Konzep­tion und Entwick­lung medi­engestützter Ler­nange­bote. De Gruyter 2013

[8] vgl. Har­vard Online Learn­ing por­tal: http://online-learning.harvard.edu/ (abgerufen 03.11.2017)

[9] vgl. Buether, Axel. Design. in Lexikon der Kun­st­päd­a­gogik. Athena Ver­lag Ober­hausen 2017

Kommunikationsformen vernetzter Gesellschaften gestalten

Das Inter­net bringt seinen Nutzern einen erhe­blichen Zuwachs an Infor­ma­tions- und Mei­n­ungs­frei­heit. Wir kön­nen uns zumeist frei entschei­den, wo und wie wir uns informieren und welche Inhalte wir pub­lizieren wollen. Selb­st dort, wo autoritäre Regierun­gen bürg­er­liche Frei­heit­en wie das Recht auf freie Mei­n­ungsäußerung unter­drück­en, lassen sich die man­nig­falti­gen Infor­ma­tion­skanäle des Inter­nets niemals voll­ständig auss­chal­ten. Proteste und rev­o­lu­tionäre Bewe­gun­gen wie der ›Ara­bis­che Früh­ling‹ wur­den trotz Inter­net-Zen­sur maßge­blich von sozialen Medi­en gefördert.[1] Die neue dig­i­tale Infor­ma­tions- und Kom­mu­nika­tions­frei­heit bleibt jedoch nicht ohne Risiken für einzelne Indi­viduen, Insti­tu­tio­nen und Gesellschaften. ›Fake News‹ und krim­inelle Aktio­nen, wie dig­i­tale Het­ze, Cyber­mob­bing, -Bul­ly­ing und -Stalk­ing, bilden die Schat­ten­seite der neuen Frei­heit­en des Inter­nets.[2]

Ein Prob­lem beste­ht auch mit der Valid­ität von Infor­ma­tio­nen aus dem Inter­net, die häu­fig eben­so ungesichert bleiben wie die ethis­che Hal­tung und Inten­tion ihrer oft anony­men oder unbekan­nten Ver­fass­er. Die Nutzer sozialer Net­zw­erke sind davon beson­ders stark betrof­fen, da sie nur sel­ten erken­nen kön­nen, welche Quellen den Infor­ma­tio­nen zu Grunde liegen oder welche Glaub­würdigkeit deren Ver­bre­it­er besitzen. Die unkri­tis­che und unre­flek­tierte Hal­tung von Nutzern trägt maßge­blich zum Miss­brauch der neuen Frei­heit­en des Inter­nets bei. Kri­te­rien für pro­fes­sionelle Suchan­fra­gen sowie die Auswahl valid­er Infor­ma­tio­nen soll­ten daher zur All­ge­mein­bil­dung jedes Men­schen gehören. Im Rah­men ein­er notwendi­gen dig­i­tal­en Aufk­lärung soll­ten alle Men­schen in die Lage ver­set­zt wer­den:

  1. Recherchefähigkeit: Nach vali­den Infor­ma­tio­nen im Inter­net suchen zu kön­nen
  2. Kri­tik­fähigkeit: Kri­te­rien für die Glaub­würdigkeit dig­i­taler Infor­ma­tio­nen bilden zu kön­nen
  3. Eval­u­a­tions­fähigkeit: Im Zweifel den Wahrheits­ge­halt dig­i­taler Infor­ma­tio­nen über­prüfen zu kön­nen
  4. Urteils­fähigkeit: Ein eigenes Urteil auf Grund­lage sorgfältiger Recherchen bilden zu kön­nen
  5. Ver­ant­wor­tungs­fähigkeit: Mit per­so­n­en­be­zo­ge­nen Dat­en und eige­nen Mei­n­un­gen ver­ant­wortlich umge­hen zu kön­nen
  6. Empathiefähigkeit: Das eigene Han­deln an berechtigten Inter­essen ander­er Per­so­n­en und der Gesellschaft aus­richt­en zu kön­nen

 

Net­zpoli­tis­che The­men wie die Bewahrung dig­i­taler Frei­heit­srechte, medi­en­poli­tis­ches und net­zkul­turelles Engage­ment wer­den heute bere­its von vie­len pri­vat­en und öffentlichen Ini­tia­tiv­en aufge­grif­f­en und gefördert. Zu nen­nen sind hier Inter­net-Plat­tfor­men wie netzpolitik.org, die gesellschaftlich rel­e­vante The­men wie: Daten­schutz, Überwachung, Big Data, Scor­ing, Daten­lecks, Cyber­mil­itär, Net­zneu­tral­ität, Bre­it­ban­daus­bau, freie Net­ze, Mei­n­ungs- und Presse­frei­heit, Zen­sur, Men­schen­rechte, Whistle­blow­ing, Trans­parenz, Öffentlichkeitswan­del, Daten­jour­nal­is­mus, Open Data, Urhe­ber­recht, Cre­ative Com­mons, freies Wis­sen, Bil­dung, Infor­ma­tions­frei­heit, Ver­brauch­er­schutz, AGB, Algo­rith­men, Kün­stliche Intel­li­genz, Drohnen, Cyborgs, Robot­er, IT-Sicher­heit, Kun­st, Musik, Com­put­er­spiele, Dig­i­tale Demokratie, e-Gov­ern­ment, Lob­by­is­mus, Cam­paign­ing und soziale Bewe­gun­gen ver­fol­gt.[3]

Eine beson­dere poli­tis­che Bedeu­tung ent­fal­ten neue dig­i­tale Enthül­lungsplat­tfor­men wie Wik­iLeaks. Durch die anonyme Veröf­fentlichung von Dat­en, an denen nach Ansicht der Betreiber ein öffentlich­es Inter­esse beste­ht, sollen uneingeschränk­te Mei­n­ungs- und Infor­ma­tions­frei­heit im Inter­net fördern.[4] Die teils drastis­chen Neben­wirkun­gen wer­den dafür von den Aktion­is­ten in Kauf genom­men. Cyper­ak­tivis­tis­che For­men von poli­tis­chem Engage­ment zeigen auch weltweit aktive Hacker­be­we­gun­gen wie Anony­mous, die ihren Protesten durch mas­sive Öffentlichkeit­sar­beit und Angriffe auf dig­i­tale Repräsen­tanzen ihrer Geg­n­er Aus­druck geben.[5] Das Recht auf Infor­ma­tions­frei­heit und freie Mei­n­ungsäußerung im Inter­net kann nur dann Bestand haben, wenn die Gesellschaft sich gegen jede Form von Miss­brauch wehrt. Dafür müssen immer wieder Lösun­gen gefun­den wer­den, was ein neues gesellschaftlich rel­e­vantes Tätigkeits­feld für Designer­in­nen und Design­er schafft.

[1] vgl. Net­zpub­lika­tion Bun­deszen­trale für poli­tis­che Bil­dung. Die Rolle der neuen Medi­en im Ara­bis­chen Früh­ling. (abgerufen 11.12.2017: http://www.bpb.de/internationales/afrika/arabischer-fruehling/52420/die-rolle-der-neuen-medien?p=all)

[2] vgl. Ingrid Brod­nig. Lügen im Netz — Wie Fake News, Pop­ulis­ten und unkon­trol­lierte Tech­nik uns manip­ulieren. Brand­stät­ter Ver­lag 2017

[3] vgl. Web­site netzpolitik.org. Plat­tform für dig­i­tale Frei­heit­srechte. (abgerufen 11.12.2017: https://netzpolitik.org/team/)

[4] vgl. Web­site der Enthül­lungsplat­tform Wik­iLeaks (abgerufen 11.12.2017: https://wikileaks.org/)

[5] vg. Herb, Ulrich (Hrsg.). Open Ini­tia­tives: Offen­heit in der dig­i­tal­en Welt und Wis­senschaft. uni­ver­saar, Saar­brück­en 2012. Open Access (abgerufen 11.12.2017: http://universaar.uni-saarland.de/monographien/volltexte/2012/87/)

Digitale Wissensnetzwerke und Forschungsmethoden gestalten

Der sprach­lich beschriebene Wis­sens­be­stand unser­er Spezies wurde anfangs im Gedächt­nis einzel­ner Indi­viduen bewahrt und über mündliche Erzählfor­men weit­ergegeben. Mit der Erfind­ung der Schrift haben wir diesem Wis­sen eine materielle Form gegeben, die unab­hängig von unserem Gedächt­nis Bestand hat. Der Buch­druck wiederum hat die Erzeu­gung, Vervielfäl­ti­gung und Ver­bre­itung unseres Wis­sens­be­standes beschle­u­nigt, dessen materielle Form stets abhängig von Zeit und Raum war. Durch die fortschre­i­t­ende Dig­i­tal­isierung ver­lagern sich unsere Wis­sens­bestände kon­tinuier­lich in das Inter­net, wo sie an jed­er Stelle für jeden Nutzer gegen Ent­gelt oder vielfach auch frei ver­füg­bar sind. Die Dig­i­tal­isierung unser­er Wis­sens­bestände befre­it uns von Zwän­gen wie Zeit, Raum und Mate­r­i­al. Jede dig­i­tale Quelle kön­nte the­o­retisch gle­ichzeit­ig von der gesamten Men­schheit gele­sen wer­den, da alle Dat­en an jedem Stan­dort zu jed­er Zeit ver­füg­bar sind. Utopi­en von der uneingeschränk­ten Ver­füg­barkeit men­schlichen Wis­sens enden bish­er an lös­baren Prob­le­men wie der Daten­bere­it­stel­lung und Daten­nutzung, an Daten­sicher­heit und Daten­recht­en. Für die Gegen­wart sind hier prag­ma­tis­che Lösun­gen gefragt, die unter Wahrung öffentlich­er Inter­essen gestal­tet wer­den müssen. Für die Gestal­tung der Zukun­ft des Inter­nets sind hinge­gen Visio­nen gefragt, die uns dem Traum vom freien Wis­sen näher­brin­gen.

Die Dig­i­tal­isierung unser­er materiellen Schriftkul­tur fördert die Pro­duk­tion von neuem Wis­sen auf ganz unter­schiedliche Weise. Immer mehr Pub­lika­tio­nen wer­den heute von ein­er wach­senden Zahl von Autorin­nen und Autoren direkt für das Inter­net pro­duziert, da die Dig­i­tal­isierung eine erhe­bliche Kostensenkung bewirkt und die Ver­trieb­swege vere­in­facht. Immer mehr wis­senschaftliche Pub­lika­tio­nen erscheinen englis­chsprachig und adressieren hier­durch ein weltweites Fach­pub­likum. Englisch erre­ichte im Jahr 2017 bere­its einen Anteil von über 50% aller Web­seit­en und wird durch den weit­eren Anstieg immer mehr zur glob­alen Sprache der Wis­senspro­duk­tion im Inter­net.[1] Im Inter­net find­en sich zunehmend auch dig­i­tal­isierte Print­me­di­en, die in der analo­gen Welt nur unter großen zeitlichen und finanziellen Anstren­gun­gen erre­ich­bar sind, wie Hand­schriften, Bilder und ver­grif­f­ene Pub­lika­tio­nen aller Art. Von dem IT-Unternehmen Google stammt die Schätzung, dass auf der Erde bish­er 129 Mill. unter­schiedliche Büch­er gedruckt wur­den. 20% davon sollen frei von pri­vat­en Nutzungsrecht­en sein. Von den 80% der verbleiben­den Büch­er sind die meis­ten nach Angabe von Google nicht mehr im Han­del erhältlich.[2] Die Unternehmenss­parte Google Books gab für sich selb­st das Ziel aus, bis zum Jahr 2015 etwa 15 Mill. Büch­er mit­tels Retrodig­i­tal­isierung für Nutzer ein­se­hbar in seine Daten­bank zu stellen. [3] Da das Unternehmen wegen viel­er ungek­lärter Urhe­ber­rechtsstre­ite selb­st keine Zahlen dazu veröf­fentlicht, kann über die bis heute erre­ichte Größenord­nung nur spekuliert wer­den. Das Unternehmen schafft damit Tat­sachen und ver­sucht zugle­ich, eine umfassende Eini­gung mit Autoren und Autoren­vertre­tun­gen aus aller Welt zu erre­ichen. Das Google Books Set­tle­ment sieht vor, dass ein Monopol des gesamten Weltwissens entste­ht, an dessen Ver­mark­tung Autoren und Ver­lage mit einem zu vere­in­baren­den Prozentsatz beteiligt wer­den sollen. [4] Die Monopol­stel­lung weniger weltweit­er Konz­erne verur­sacht Äng­ste in der Gesellschaft, weshalb vielfach die Forderung laut wird, dass Staat und Öffentlichkeit Ver­ant­wor­tung für die Bere­it­stel­lung dig­i­taler Wis­sens- und Kul­tur­ange­bote übernehmen müssen.[5]

Unser Weltwissen lässt sich nicht allein auf Dat­en reduzieren, die in Form pro­fes­sionell gestal­teter, redak­tionell betreuter und sys­tem­a­tisch ver­trieben­er Medi­en­pro­duk­te für eine bre­ite Öffentlichkeit pro­duziert wur­den und wer­den. In den unzäh­li­gen Tex­ten, Sprachauf­nah­men, Bildern, Musik­stück­en und Fil­men pri­vater Inter­net-Nutzer repräsen­tiert sich die All­t­agskul­tur von Indi­viduen, Grup­pen und Gesellschaften. Diese auch als Big-Data beze­ich­neten Leben­säußerun­gen weit­er Bevölkerungss­chicht­en stellen eine einzi­gar­tige Ressource für Bil­dung, Wis­senschaft und Forschung dar. Wir kön­nen uns über Texte, Bilder und Videos ein tage­sak­tuelles Bild davon machen, wie andere Men­schen leben, was sie bewegt und was sich in ihrer Umge­bung ger­ade ereignet. Wenn es uns gelingt, hin­ter die insze­nierten For­men der Selb­stauskun­ft in sozialen Medi­en zu schauen, lässt sich ein Bild von Men­schen und Milieus zeich­nen, mit dem sich quan­ti­ta­tive und qual­i­ta­tive Meth­o­d­en der Sozial­forschung wirkungsvoll erweit­ern lassen. Das Daten­ma­te­r­i­al sozialer Net­zw­erke wird heute weit­ge­hend für kom­merzielle Zwecke wie inter­essen­be­zo­gene Wer­bung oder die Her­stel­lung von Kun­den­bindung ver­wen­det. Die Authen­tiz­ität der Dat­en ist darüber hin­aus auch für wis­senschaftliche Zwecke beson­ders wertvoll, da sie alltägliche Leben­säußerun­gen von Men­schen darstellen, die keine oder nur sehr grobe redak­tionelle Fil­ter durch­laufen haben. Wenn dieser Wis­senss­chatz in anonymisiert­er Form zum Wohl der All­ge­mein­heit ver­wen­det wird, ist ein öffentlich­es Inter­esse an der Nutzung dieser Infor­ma­tio­nen gegeben.

Eine Form kün­stlich­er Intel­li­genz stellen selb­stler­nende Pro­gramme dar. Mit enor­men Rechen­leis­tun­gen, Spe­icherka­paz­itäten und selb­stler­nen­den Algo­rith­men durch­suchen diese Pro­gramme unvorstell­bar große Daten­ströme nach bedeut­samen Mustern und find­en immer neue sin­nvolle Verknüp­fungsmöglichkeit­en. Intel­li­gente Such­pro­gramme berück­sichti­gen heute bere­its etwa 200 Kri­te­rien wie Bekan­ntheit, Glaub­würdigkeit, Ver­net­zung und Nutzer­fre­undlichkeit, nach denen sie das gefun­dene Wis­sen hier­ar­chisieren. Text- und Bild­in­for­ma­tio­nen wer­den dabei eben­so aus­gew­ertet und verknüpft, wie Nutzer­dat­en, Ver­linkun­gen, Ver­weise, Orts- und Zei­tangaben. Der Stand der Forschung grün­det sich auf die Entwick­lung leis­tungs­fähiger Algo­rith­men, die gle­ich neu­ronalen Net­zw­erken nicht nur selb­stler­nend sind, son­dern diese Infor­ma­tio­nen eigen­ständig zur Neuen­twick­lung von Pro­gram­men gebrauchen.[6] Durch die Dig­i­tal­isierung unsere Wis­sens und die Entwick­lung von For­men kün­stlich­er Intel­li­genz eröff­nen sich weite Tätigkeits­felder für Designer­in­nen und Design­er, da dig­i­tale Wis­sensnet­zw­erke und Forschungsmeth­o­d­en in Zusam­me­nar­beit mit Exper­tin­nen und Experten aller Wis­sens- und Forschungs­felder entwick­elt und gestal­tet wer­den müssen.

[1] vgl. sta­tista: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2961/umfrage/anteil-der-verbreitetsten-sprachen-im-internet-seit-2006/ (abgerufen 2.11.2017)

[2] vgl. Jack­son, Joab. Google: 129 Mil­lion Dif­fer­ent Books Have Been Pub­lished. PCWorld. (abgerufen 22.12.2017: https://www.pcworld.com/article/202803/google_129_million_different_books_have_been_published.html)

[3] vgl. Reitz, Tobias. Richter set­zt Stre­it­parteien unter Druck. Zeit online (abgerufen 07.03.2018: http://www.zeit.de/digital/2009–10/google-book-settlement-vergleich)

[4] vgl. Google Book Set­tle­ment. Aktuelle Ver­laut­barun­gen des Unternehmens Google zu diesem The­ma. (abgerufen am 07.03.2017: https://web.archive.org/web/20130210211417/http://www.googlebooksettlement.com/)

[5] Infor­ma­tion­splat­tfor­men wie iRights informieren zum The­ma Urhe­ber­recht und zu anderen Rechts­ge­bi­eten in der dig­i­tal­en Welt. Quelle: https://irights.info/

[6] vgl. Zoph, Bar­ret; Quoc V. Le. Neur­al Archi­tec­ture Search with Rein­force­ment Learn­ing. Cor­nell Uni­ver­si­ty Library arXiv.org > cs > arXiv:1611.01578 (abgerufen 13.12.2017: https://arxiv.org/abs/1611.01578)

Die Erforschung und Nutzung von Big Data gestalten

Zu den wichtig­sten Inno­va­tio­nen des Inter­nets gehören die großen Daten­men­gen oder „Big Data“, deren Spe­icherung, Auswer­tung und Nutzung so kom­plex ist, dass dafür spez­i­fis­che Pro­gramme wie Such­maschi­nen benötigt wer­den. Erken­nt­nis­poten­zial und Nutzen der Big Data sind so hoch, dass ein Trans­for­ma­tions­druck entste­ht, dessen Auswirkun­gen bere­its in vie­len Lebens­bere­ichen wie Bil­dung, Wis­senschaft und Forschung, Gesund­heit und Ernährung oder Arbeit und Freizeit zu spüren sind.[1] Durch die Nutzung von Big Data müssen wir uns nicht mehr an Mehrheit­en, Durch­schnittswerten und Stan­dards ori­en­tieren. Akteure aus Wis­senschaft, Kul­tur und Wirtschaft kön­nen den Willen und die Bedürfnisse von Indi­viduen an ihren jew­eili­gen Aufen­thalt­sorten und in ihren spez­i­fis­chen Lebenssi­t­u­a­tio­nen deut­lich­er wahrnehmen, genauer ver­ste­hen und geziel­ter fördern. Die Erfas­sung, Samm­lung und Verknüp­fung großer Daten­men­gen zeigt das Erleben, Denken, Ver­hal­ten und Han­deln einzel­ner Per­so­n­en, wodurch wir vie­len Utopi­en und Dystopi­en vom „gläser­nen“ oder „trans­par­enten“ Bürg­er näher kom­men. Das Phänomen des gläser­nen Bürg­ers hat sowohl pos­i­tive als auch neg­a­tive Effek­te für Indi­viduen und Gesellschaft. Big Data kön­nen zum Wohl der All­ge­mein­heit und damit im Inter­esse der Öffentlichkeit ver­wen­det wer­den oder für pri­vate Inter­essen instru­men­tal­isiert wer­den. Schwierig wird es, wenn öffentliche Belange wie Forschung, Gesund­heit oder Sicher­heit berührt wer­den. Hier zeigt sich, dass wir schnell­st­möglich eine ethis­che Hal­tung für den Umgang mit Dat­en entwick­eln müssen, die im gesellschaftlichen Diskurs aus­ge­han­delt und über rechtliche Rah­menbe­din­gun­gen abgesichert wer­den muss.

Die Nutzung von Big Data kann die Per­sön­lichkeit­srechte betrof­fen­er Men­schen ver­let­zen, wenn diese darüber nicht aus­re­ichend informiert sind und expliz­it zus­tim­men. Doch was bedeutet der Akt unser­er Zus­tim­mung im Kon­text von Dig­i­tal­isierung. Das Eigen­tum und Nutzungsrecht per­so­n­en­spez­i­fis­ch­er Dat­en geht heute durch den Gebrauch von Pro­gram­men fast automa­tisch an die dahin­ter­ste­hen­den Unternehmen über. Nach ein­er Befra­gung akzep­tieren 72% der Nutzer in Deutsch­land die AGB, Lizenz-, Nutzungs­be­din­gun­gen von Pro­gram­men bei Instal­la­tion oder Update, ohne sich die Geschäfts­be­din­gun­gen vorher gründlich durchzule­sen. Dieses Ver­hal­ten geht nicht allein auf Ver­trauen oder Sor­glosigkeit zurück, denn die Befragten gaben gle­icher­maßen an, dass sie für die Sicher­heit ihrer Dat­en bezahlen wür­den.[2] Hier sind die Inter­essen der Öffentlichkeit nicht aus­re­ichend gewahrt, weshalb drin­gend nach­haltige Lösun­gen zur Erhöhung der Sicher­heit, Kon­trolle und Ver­ant­wor­tung im Umgang mit per­so­n­en­be­zo­ge­nen Dat­en gesucht und gestal­tet wer­den müssen.

Die Nutzung von Big Data ver­spricht jedoch auch große Chan­cen, wo sie im öffentlichen Inter­esse zum Nutzen der Gesellschaft erfol­gt. Ein großes Poten­zial liegt in der Syn­these von analo­gen und dig­i­tal­en Forschungsmeth­o­d­en. Quan­ti­ta­tive Forschungsmeth­o­d­en gel­ten der repräsen­ta­tiv­en Erfas­sung von Einzel­dat­en, die sta­tis­tisch zu Durch­schnittswerten hochgerech­net und im Ergeb­nis ver­all­ge­mein­ert wer­den. Quan­ti­ta­tive Forschung grün­det sich zudem meist auf The­sen und Fragestel­lun­gen, die im Vor­feld der Unter­suchung fest­gelegt und anhand der erhobe­nen Aus­sagen bestätigt oder fal­si­fiziert wer­den. Phänomene hinge­gen wer­den in exper­i­mentellen Ver­such­sanord­nun­gen häu­fig so weit reduziert und von ihrem Kon­text isoliert, dass sie sich in kon­trol­lierten Umge­bun­gen beobacht­en lassen. Das gewährleis­tet die Wieder­hol­barkeit der Exper­i­mente und die Über­prü­fung der The­sen. Die mit­tels quan­ti­ta­tiv­er Forschungsmeth­o­d­en erlangten Ergeb­nisse wer­den zwar als repräsen­ta­tiv betra­chtet, wer­den jedoch häu­fig keinem Einzelfall gerecht, da die Kom­plex­ität der Wirkun­gen in der Real­ität wesentlich kom­plex­er ist.[3] Durch die Menge und Ver­net­zung per­so­n­en­be­zo­gen­er Dat­en bildet sich im Inter­net ein gesellschaftlich­er Raum ab, der sich unter anderem mit Meth­o­d­en der Netno­gra­phie[4], Cyber­an­thro­polo­gie[5] oder Inter­net­sozi­olo­gie[6] erforschen lässt. Es muss erst noch unter­sucht und gek­lärt wer­den, inwieweit sich analoge und dig­i­tale Repräsen­ta­tio­nen unseres Seins gle­ichen oder unter­schei­den.

Die Erhe­bung und Auswer­tung von Big Data gibt uns ein neues wis­senschaftlich­es Ver­fahren an die Hand, mit dessen Hil­fe wir ziel­ge­naue Infor­ma­tio­nen über Per­so­n­en, Orte und Ereignisse erhal­ten kön­nen. Pro­fes­sionelle Big-Data-Analy­sen wie die Algo­rith­men von Such­maschi­nen wer­den kaum noch von Hin­dernissen wie Zeit, Daten­menge, Ver­ar­beitungska­paz­ität, Aufen­thalt­sort oder Sprachken­nt­nis­sen beschränkt.[7] Analoge Ver­fahren sind zudem auf die Begrif­flichkeit­en unser­er Sprache reduziert. So wer­den Krankheit­en in der Regel von Begrif­f­en charak­ter­isiert, durch Symp­tome beschrieben und nach stan­dar­d­isierten Ver­fahren behan­delt, während indi­vidu­elle Charak­ter­is­ti­ka und Ther­a­piemöglichkeit­en ver­nach­läs­sigt wer­den.[8] Über Big-Data erhal­ten wir Infor­ma­tio­nen über Mikro-Aktio­nen von Per­so­n­en wie Augen­be­we­gun­gen, Gesten und Hand­lungs­de­tails, über die wir ihre Lebenswirk­lichkeit in hoher räum­lich­er und zeitlich­er Auflö­sung wahrnehmen, beobacht­en und bee­in­flussen kön­nen. Big-Data ermöglichen uns ein tief­eres Ver­ständ­nis kom­plex­er Prozesse in Natur und Gesellschaft, über das wir im pos­i­tiv­en Fall zu wahrhaftigeren Erk­lärungsmod­ellen und wirk­sameren Prob­lem­lö­sun­gen gelan­gen kön­nen. Die Erforschung und Nutzung von Big Data erre­icht zunehmend Bedeu­tung in den Geistes- und Kul­tur­wis­senschaften, die bei der Gestal­tung dieser Prozesse von der Zusam­me­nar­beit mit Designer­in­nen und Design­ern prof­i­tieren kön­nen.

[1] vgl. Stalder, Felix. Kul­tur der Dig­i­tal­ität. Suhrkamp 2016

[2] vgl. Daten­schutz. Die Sicht der Ver­braucherin­nen und Ver­brauch­er in Deutsch­land. TNS Emnid Ergeb­nis­bericht Umfrage im Auf­trag des Bun­desver­band der Ver­braucherzen­tralen und Ver­braucherver­bände Okto­ber 2015 (Abgerufen 14.12.2017: https://www.vzbv.de/pressemitteilung/verbraucher-wuerden-fuer-mehr-datenschutz-zahlen)

[3] vgl. Kuck­lick, Christoph. Die Gran­u­lare Gesellschaft. Ull­stein 2016

[4] vgl. Kozinets, Robert V.. Netnog­ra­phy. Sage Pub­li­ca­tions 2015

[5] vgl. Knorr, Alexan­der. Cyber­an­thro­pol­o­gy. Ham­mer 2011

[6] vgl. Bartsch, Simone. … wür­den Sie mir dazu Ihre E-Mail-Adresse ver­rat­en? Nomos Uni­ver­sitätss­chriften 2012

[7] vgl. Reichert, Ramón (Hrg.). Big Data: Analy­sen zum dig­i­tal­en Wan­del von Wis­sen, Macht und Ökonomie. tran­script 2014

[8] vgl. Ming, Vivi­enne. Track­ing my Son’s Dia­betes. Lec­ture Glob­al Con­fer­ence Quan­ti­fied Self 2013. Weblink: https://vimeo.com/81272562 (abgerufen 02.11.2017)

Demokratie und Freiheit in vernetzten Gesellschaften gestalten

Die Erfol­gs­geschichte des Inter­nets begann mit der weltweit­en Öff­nung ersten World-Wide-Web-Servers “httpd”, der Entwick­lung des ersten Client-Pro­gramms (Brows­er und Edi­tor) sowie der „Hyper Text Markup Lan­guage“ (HTML) durch Tim Bern­ers-Lee im Jahr 1990.[1] Die Voraus­set­zung für den Erfolg des Inter­nets schuf Bern­ers-Lee durch die Stan­dar­d­isierung der dig­i­tal­en Struk­turen und die Grün­dung des World Wide Web Con­sor­tiums (W3C), dessen 431 Mit­gliederor­gan­i­sa­tio­nen den freien Daten­fluss gewährleis­ten.[2] Alle von der W3C entwick­el­ten Stan­dards wer­den als Open-Source-Soft­ware veröf­fentlicht und zur Verbesserung und Weit­er­en­twick­lung durch die Gemein­schaft aller Nutzer freigegeben. Der Verzicht auf Patent­ge­bühren und die freie Zugänglichkeit zu allen Quell­codes bildet bis heute die Grund­lage für die Offen­heit, Zugänglichkeit, Kosten­frei­heit und Neu­tral­ität des glob­alen Net­zw­erks.

Dieser Frei­heits­gedanke liegt dem Inter­net zu Grunde, weshalb es bis heute jedem Nutzer der Welt trotz vielfach vorhan­de­nen Ein­schränkun­gen noch immer möglich ist:

  1. sich im Rah­men der Möglichkeit­en auch unab­hängig von der gewalti­gen Macht kom­merzieller und insti­tu­tioneller Anwen­dun­gen zu informieren
  2. sich vor dem Hin­ter­grund der Bemühun­gen und Fähigkeit­en seine eigene Mei­n­ung zu bilden
  3. nahezu jed­wede Botschaft zu veröf­fentlichen

 

Unab­hängig von der in vie­len Fällen dur­chaus berechtigten Kri­tik gilt es zu beacht­en, dass die nach innen hin demokratis­che und nach außen hin demokratiefördernde Kraft des Inter­nets bewahrt wer­den muss. Gle­icher­maßen gilt es zu beacht­en, dass undemokratis­ches und asoziales Ver­hal­ten im Inter­net die frei­heitlichen Struk­turen der gesamten Gesellschaft in Frage stellt. Was Demokratie bedeutet, muss daher im analo­gen wie dig­i­tal­en Raum ver­net­zter Gesellschaften aus­ge­han­delt und vertei­digt wer­den, da bei­de Wel­ten längst zu ein­er neuen Ein­heit ver­schmolzen sind. Das Inter­net ist schon heute das wichtig­ste Kom­mu­nika­tion­s­medi­um mod­ern­er Gesellschaften. Jeden Tag sind mehr als 3 Mrd. Men­schen weltweit online untere­inan­der ver­bun­den, eine gewaltige Zahl von Nutzern, die stetig weit­er wächst und erhe­blichen Ein­fluss auf unser Leben gewin­nt.[3]

Die trans­for­ma­tiv­en Poten­ziale der Dig­i­tal­isierung eröff­nen kom­menden Gen­er­a­tio­nen völ­lig neue Möglichkeit­en zur Mit­gestal­tung ver­net­zter Gesellschaften. Schon jet­zt existieren weltweit Mil­lio­nen dig­i­taler Räume, in denen junge Men­schen ihre Lebenswelt unab­hängig von den Regeln und Kon­ven­tio­nen der Mehrheits­ge­sellschaft gestal­ten. Diese dig­i­tal­en Frei­heit­en bleiben nicht auf das Netz begren­zt, son­dern nehmen mit­tel­bar Ein­fluss auf Mei­n­ungs­bil­dung­sprozesse und Aktions­dy­namiken in der Gesellschaft, was an vie­len Reform­be­we­gun­gen rund um die Welt ables­bar wird. Der dig­i­tale Wan­del erschüt­tert gesellschaftliche Machzen­tren und etablierte Insti­tu­tio­nen, was starke Äng­ste und Unsicher­heit ver­bre­it­et, ander­er­seits auch Chan­cen und Poten­ziale für fortschrit­tliche Kräfte bietet. Etablierte Net­zw­erke aus Poli­tik[4], Wirtschaft[5], Wis­senschaft[6], Medi­en[7] und Kul­tur[8] ver­lieren an Ein­fluss, ver­schwinden oder wer­den durch neue leis­tungs­fähige Konkur­renten zu Mod­ernisierun­gen und Erneuerun­gen gezwun­gen. Dig­i­tale Infor­ma­tio­nen kön­nen in Bruchteilen von Sekun­den glob­ale Wirkungs­di­men­sio­nen erre­ichen und gesellschaftliche Verän­derungs­dy­namiken bewirken, die sich wed­er steuern noch eindäm­men lassen. Die pos­i­tiv­en wie neg­a­tiv­en Auswirkun­gen dig­i­taler Trans­for­ma­tion­sprozesse deuten sich gegen­wär­tig bere­its an. Die Kon­se­quen­zen des tech­nis­chen und gesellschaftlichen Wan­dels sind heute jedoch noch nicht abzuse­hen. Daher brauchen wir ein neues Aufk­lärung­spro­jekt für ver­net­zte Gesellschaften, damit sich alle Bürg­erin­nen und Bürg­er ihre eigene Mei­n­ung bilden kön­nen. Wir brauchen ein glob­ales dig­i­tales Alpha­betisierung­spro­jekt, das in unseren Bil­dung­sein­rich­tun­gen unter staatlich­er Ver­ant­wor­tung betrieben wird, damit alle Men­schen ihr Wis­sen, ihre Ver­nun­ft und Ver­ant­wor­tung zur Gestal­tung ver­net­zter Gesellschaften nutzen kön­nen. Das Aufk­lärung­spro­jekt kann nur dann erfol­gre­ich sein, wenn es in der Prax­is Gestalt annimmt. Dazu kön­nen Designer­in­nen und Design­er einen wichti­gen Beitrag leis­ten.

Dig­i­tale Aufk­lärung und Alpha­betisierung erfordern:

  1. Hand­lungsver­ant­wor­tung: Jed­er Men­sch ist sich der sozialen, kul­turellen und gesellschaftlichen Ver­ant­wor­tung bewusst, die mit den Möglichkeit­en zur freien Pub­lika­tion und uneingeschränk­ten Kom­mu­nika­tion von Infor­ma­tio­nen im öffentlichen Raum des Inter­nets ver­bun­den ist.
  2. Demokratieförderung: Jed­er Men­sch fördert die demokratis­che Grund­struk­tur des Inter­nets durch sein Ver­hal­ten und achtet Men­schen­würde, Bürg­er- und Men­schen­rechte, freie Ent­fal­tung der Per­sön­lichkeit, Infor­ma­tions- und Mei­n­ungs­frei­heit, Wahrheit, Gle­ich­berech­ti­gung, Glaubens­frei­heit und Daten­schutz.
  3. Wis­senser­werb: Jed­er Men­sch kann rel­e­vante Infor­ma­tio­nen im Inter­net recher­chieren, auf Bedeu­tung und Wahrheits­ge­halt über­prüfen, in den Kon­text einord­nen und bew­erten.
  4. Kri­tik­fähigkeit: Jed­er Men­sch entwick­elt eine kri­tis­che Grund­hal­tung gegenüber Infor­ma­tio­nen aus dem Inter­net und ist in der Lage, die Ver­trauenswürdigkeit von Quellen zu beurteilen.
  5. Gestal­tungskom­pe­tenz: Jed­er Men­sch ist in der Lage, unter Nutzung rhetorisch­er Mit­tel eigene Botschaften in textlich­er, bildlich­er, grafis­ch­er, filmis­ch­er Form medi­al zu gestal­ten und unter Nutzung geeigneter Tech­nolo­gien und medi­en­spez­i­fis­ch­er Meth­o­d­en im Inter­net zu veröf­fentlichen.

 

Aus der vor­liegen­den The­men­samm­lung zur Gestal­tung des dig­i­tal­en Wan­dels ver­net­zter Gesellschaften ergibt sich ein weites Feld zukun­fts­fähiger und gesellschaftlich rel­e­van­ter Tätigkeit­en für Designer­in­nen und Design­er. Die Punk­te dienen wed­er der wis­senschaftlichen Darstel­lung des Sachge­bi­etes in Umfang und Tiefe, noch erheben sie einen Anspruch auf Voll­ständigkeit. Sie sind in ein­er pop­ulär­wis­senschaftlichen Sprache beschrieben, die Designer­in­nen und Design­er motivieren soll, sich mit diesen oder anderen Forschungs- und Hand­lungs­feldern im Rah­men eines Pub­lic Inter­est Design Studi­ums auseinan­derzuset­zen und eigene Inter­essen an der The­matik zu bilden.

[1] vgl. Bern­ers-Lee, Tim. Der Web-Report. Der Schöpfer des World Wide Web über das gren­zen­lose Poten­zial des Inter­nets. Econ Ver­lag 1999

[2] vgl. Home­page World Wide Web Con­sor­tium W3C (abgerufen 15.12.2017: https://www.w3.org/Consortium/facts)

[3] vgl. S&P Index data. Veröf­fentlicht auf der Web­site: http://fortune.com/global500 (abgerufen 1.11.2017)

[4] vgl. Pick, Yus­si. Das Echo-Prinzip. Wie Onlinekom­mu­nika­tion offline Wirkung zeigt. Czernin 2013

[5] vgl. Schwab, Klaus. Die Vierte Indus­trielle Rev­o­lu­tion. Pan­theon 2016

[6] vgl. Kuck­lick, Christoph. Die gran­u­lare Gesellschaft: Wie das Dig­i­tale unsere Wirk­lichkeit auflöst. Ull­stein 2016

[7] vgl. Berg­er, Hannes. Der öffentlich-rechtliche Rund­funk und die Dig­i­tal­isierung. Ibi­dem 2016

[8] vgl. Beck­er, Jörg. Die Dig­i­tal­isierung von Medi­en und Kul­tur. Springer VS 2013

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Bartsch, Simone. … wür­den Sie mir dazu Ihre E-Mail-Adresse ver­rat­en? Nomos Uni­ver­sitätss­chriften Baden-Baden 2012.

Beck­er, Jörg. Die Dig­i­tal­isierung von Medi­en und Kul­tur. Springer VS Wies­baden 2013.

Berg­er, Hannes. Der öffentlich-rechtliche Rund­funk und die Dig­i­tal­isierung. Ibi­dem Stuttgart 2016.

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Kuhn, Johannes. Schon früher wurde über tech­nis­che Neuheit­en gestrit­ten. Essay Süd­deutsche Zeitung online 27.05.2016 (abgerufen 15.12.2017: http://www.sueddeutsche.de/digital/samstagsessay-vorsicht-zukunft-1.3008159)

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Schwab, Klaus. Die Vierte Indus­trielle Rev­o­lu­tion. Pan­theon München 2016.

Stalder, Felix. Kul­tur der Dig­i­tal­ität. Suhrkamp Berlin 2016.

 

Link Bezugsquelle Buch­pub­lika­tion: Was ist Pub­lic Inter­est Design?

 

 

10.09.18 in Forschung, Wissenstransfer
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