Heute verhandelt der Bundesgerichtshof über eine scheinbar banale Frage:

Gemeint ist der Fall der Baumarktkette OBI und ihres charakteristischen Farbtons (RAL 2008). Was auf den ersten Blick wie ein Spezialthema des Markenrechts wirkt, ist in Wahrheit ein hochpräzises Lehrstück über die strategische Macht von Farbe im Branddesign.

Denn wenn Unternehmen beginnen, um Farben zu streiten, geht es nicht mehr um Gestaltung.


Die Ausgangslage: Jahrzehnte konsistentes Color Branding

OBI hat über viele Jahre hinweg konsequent auf eine visuelle Dominante gesetzt:

  • Fassaden
  • Leitsysteme
  • Preis- und Aktionskommunikation
  • Werbung und POS

Das Ergebnis ist aus Marketingsicht eindeutig:

  • hohe Brand Recognition
  • starke visuelle Kohärenz
  • klare Activation im Retail-Kontext

Und dennoch wurde die Farbmarke gelöscht – durch das Bundespatentgericht.

Warum?


Die zentrale Frage: Marke oder Branchenästhetik?

Das Gericht argumentiert im Kern:

  • Orange ist im Baumarktsegment funktional plausibel
  • und wird daher nicht eindeutig als Herkunftshinweis verstanden

Empirische Daten aus dem Verfahren zeigen:

  • je nach Gutachten nur etwa 30 % bis knapp 50 % eindeutige Zuordnung
  • gleichzeitig nutzten 6 von 7 führenden Baumarktketten vergleichbare Farbräume

Die Konsequenz:


Der Denkfehler vieler Unternehmen

Viele Organisationen verwechseln zwei Dinge:

  • Color Usage (eine Farbe verwenden)
  • Color Ownership (eine Farbe besitzen)

Das sind zwei völlig unterschiedliche strategische Zustände.

Der OBI-Fall zeigt:

  • Hohe Sichtbarkeit ≠ eindeutige Zuordnung
  • Konsistenz ≠ Differenzierung
  • Präsenz ≠ Besitz

Warum es bei anderen funktioniert hat

Es gibt Gegenbeispiele – und sie sind aufschlussreich.

  • jahrzehntelange radikale Konsistenz
  • vollständige Integration in alle Touchpoints
  • aggressive Verteidigung der Farbdomäne

Ergebnis: Magenta ist nicht nur Gestaltung, sondern mentales Eigentum


  • flächendeckende Präsenz im Alltag
  • extrem hohe Wiedererkennung
  • klare Zuordnung im Nutzungskontext

Ergebnis: Rot fungiert als kognitiver Shortcut zur Marke


Der entscheidende Unterschied

Der Unterschied zwischen diesen Fällen und OBI ist subtil – aber strategisch fundamental:

  • Telekom und Sparkasse nutzen Farben, die nicht funktional notwendig für ihre Branche sind
  • OBI nutzt eine Farbe, die perfekt zur Branche passt

Genau darin liegt das Problem.


Die eigentliche Macht der Farbe

Aus Sicht evidenzbasierter Farbpsychologie ist die Wirkung klar erklärbar:

1. Präattentive Verarbeitung

  • Farbe wird schneller wahrgenommen als Form oder Text
  • sie steuert Aufmerksamkeit im Millisekundenbereich

2. Aktivierungssteuerung

  • Orange erzeugt nachweislich:
    • erhöhte Wachheit
    • Handlungsimpulse
    • visuelle Dominanz

3. Kontextuelle Bedeutung

  • Im Baumarkt wird Orange nicht interpretiert – sondern erwartet
  • es ist Teil eines kulturell stabilisierten Wahrnehmungsschemas

Die strategische Konsequenz für Entscheider

Color Branding ist kein ästhetisches Thema.
Es ist ein Managementinstrument.

Es beeinflusst:

  • Brand Positioning
  • Category Differentiation
  • Customer Journey
  • Conversion Behaviour
  • Retail Performance

Und es entscheidet darüber, ob Ihre Marke:

  • gesehen wird
  • erinnert wird
  • oder verwechselt wird

Einladung zum nächsten Schritt

  • wie Farben tatsächlich wirken (jenseits von Mythen)
  • wie Sie Farbentscheidungen empirisch fundieren
  • wie Sie visuelle Differenzierung systematisch aufbauen
  • und wie Sie vermeiden, dass Ihre Marke in der Branche „aufgeht“

Die Frage ist nicht, ob Farbe wirkt. Sondern, ob Sie ihre Wirkung strategisch nutzen.