Farbe und Emotion

Die erlebte Atmosphäre von Räumen korreliert mit der emotionalen Einstimmung unseres Körpers auf die visuelle Situation. Erst wenn dieses emotionale Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt gestört wird, zeigt sich die Bedeutung von Farbe und Licht für unser Sein.

Farbe und Körpergefühl

Die Zus­tand­sän­derun­gen der Umwelt wirken sich auf das Ner­ven­sys­tem des Men­schen aus und spiegeln sich in den Affek­tio­nen seines Kör­pers wieder. Sinkt der Sauer­stof­fge­halt der Luft, so beschle­u­nigt sich die Atmung und erhöht sich der Puls, die Bewe­gun­gen ver­langsamen sich, die Konzen­tra­tions­fähigkeit lässt, was über neu­ronale und hor­monelle Reak­tio­nen let­ztlich das Gefühl des Unwohl­seins in der Sit­u­a­tion aus­löst. Diese Anpas­sun­gen der Kör­per­ak­tiv­itäten an geän­derte Umweltbe­din­gun­gen, zu denen auch die Erschei­n­ungsweisen von Farbe und Licht gehören, erleben wir durch unsere emo­tionalen Reak­tio­nen auf jede Wahrnehmungs- oder Vorstel­lungssi­t­u­a­tion.

Die erlebte Atmo­sphäre von Räu­men kor­re­liert mit der emo­tionalen Ein­stim­mung unseres Kör­pers auf die visuelle Sit­u­a­tion. Unsere Kör­per­funk­tio­nen passen sich an die wech­sel­nden Farb- und Lichtver­hält­nisse in unserem Leben­sraum an, sie kor­re­lieren mit dem Ver­lauf der Tages- und Jahreszeit­en, wie mit den Bedin­gun­gen in kün­stlich geschaf­fe­nen Raum­si­t­u­a­tio­nen. Wir erleben, wie unser Aktion­sraum im Win­ter mit dem käl­ter und schwäch­er scheinen­den Licht zu schrumpfen begin­nt, was sich mit der Erschei­n­ung der Natur verbindet, woge­gen wir diesen mit den inten­siv leuch­t­en­den, viel­stim­mi­gen bun­ten, zarten und reinen Far­ben des Früh­lings wieder neu zurück­gewin­nen. Unser Kör­perge­fühl für die Farb- und Lichtver­hält­nisse jed­er Sit­u­a­tion bes­timmt dabei visuelle Iden­tität unseres Leben­sraums. Erst wenn dieses emo­tionale Ver­hält­nis zwis­chen Men­sch und Umwelt gestört wird, zeigt sich die Bedeu­tung von Farbe und Licht für unser Sein.

Blind­heit, Fehlsichtigkeit, Far­ben­fehlsichtigkeit, Far­ben­blind­heit oder Lichtempfind­lichkeit beschreiben  Störun­gen in den visuellen Beziehun­gen zwis­chen Men­sch und Umwelt, die mit Ein­schränkun­gen und Verän­derun­gen der Erleb­nis- und Hand­lungs­fähigkeit ein­herge­hen. Störun­gen der visuellen Erleb­n­is­fähigkeit kön­nen ange­boren sein oder sie treten nach Schädi­gun­gen im visuellen Sys­tem auf. Die zere­brale Achro­matop­sie, eine Form der total­en Far­ben­blind­heit nach Schädi­gun­gen im assozia­tiv­en Kor­te­xare­al des Gehirns, tritt sel­ten auf, doch lässt sich hier die Bedeu­tung der Farbe für unser Kör­perge­fühl und unser Raumer­leben beson­ders deut­lich her­ausar­beit­en. Das visuelle Zen­trum des Gehirns ver­ar­beit­et die  Infor­ma­tio­nen aus dem Spek­trum der elek­tro­mag­netis­chen Strahlung des Sehfeldes unbeein­trächtigt von der Störung, doch zu sehen sind nur Graustufen, wo eigentlich Far­ben erlebt wer­den müssten. Die Farbe ver­schwindet aus der Wahrnehmungs- und Vorstel­lungswelt, wenn keine neu­ronale Repräsen­ta­tion mehr existiert, die den spek­tralen Infor­ma­tio­nen eine Bedeu­tung ver­lei­hen kann. Was dem Betrof­fe­nen von der Farbe bleibt, ist allein das Kör­perge­fühl, das die Ursache dafür ist, dass er die Erschei­n­ung sein­er Umwelt in jed­er Sit­u­a­tion erneut als fremd und irre­al empfind­et.

Farbe und Atmosphäre

Der Neu­ropsy­chologe Oliv­er Sacks schildert den Fall eines Malers, welch­er durch eine Hirn­schädi­gung die Far­bigkeit in der Repräsen­ta­tion seines inneren und äußeren Raumes ver­lor. Mit einem Schlag war ihm nicht mehr möglich,  sich Farbe vorzustellen, seine Erin­nerun­gen und Träume ver­loren ihre Far­bigkeit und die Welt erschien ihm far­b­los und ble­ich. (Sacks, Oliv­er „Eine Anthro­polo­gin auf dem Mars“, Rowohlt Taschen­buch Ver­lag GmbH, Ham­burg
1998) Sacks ver­mutet, dass der Maler nach dem Schla­gan­fall die Far­ben nur noch auf Grund seines Sprachgedächt­niss­es beze­ich­nen kon­nte. Das Bewusst­sein für den schmer­zlichen Ver­lust der Farbe in seinem Leben­sraum resul­tiert aus dem plöt­zlich auftre­tenden Wider­spruch zwis­chen seinem Kör­perge­fühl und der Erschei­n­ungsweise seines Leben­sraums. Am Anfang der Schädi­gung war dieses Gefühl des Ver­lustes sehr deut­lich für ihn zu spüren, denn es war zwar nicht sicht­bar, jedoch spür­bar in der Verän­derung seines Kör­perge­fühls in der Begeg­nung mit der sicht­baren Umwelt. Sein gewohn­ter Leben­sraum sah für ihn plöt­zlich schmutzig und unap­peti­tlich aus, alles Weiße erschien ihm ver­schim­melt und jedes Schwarz ver­staubt. Die Men­schen begeg­neten ihm als belebte graue Stat­uen, worauf er sie zu mei­den begann. Die men­schliche Haut erschien ihm nicht mehr „fleis­ch­far­ben“, son­dern „rat­ten­far­ben“, was erhe­bliche Auswirkun­gen auf sein Ver­hal­ten hat­te, vom emp­fun­de­nen Ekel vor der Berührung bis hin zum Fehlen von sex­uellen Vorstel­lun­gen und Bedürfnis­sen. Nahrungsmit­tel waren plöt­zlich eklig und unnatür­lich, wom­it die Lust und Freude am Essen deut­lich abnahm. Auch das Schließen der Augen half ihm nichts, da die Tomate selb­st in der Vorstel­lung schwarz blieb. Er bevorzugte nun schwarze und weiße Lebens­mit­tel, weil er diese noch mit seinen Erin­nerun­gen in Ein­klang brin­gen kon­nte und sie ihm natür­lich erschienen. (ebd. Sacks, S. 25) Blu­men wur­den für ihn unun­ter­schei­d­bar und waren fast nur noch am Duft und an der Form zu erken­nen. Den Him­mel sah er in einem ble­ichen Grau, wovon sich die schmutzig­weis­sen Wolken kaum noch unter­schieden. Rot- und Grün­töne erschienen ihm schwarz, während Gelb- und helle Blautöne weißlich aus­sa­hen. Seine Welt schien ihm leb­los und in Blei gegossen, wie auch seine Träume und Erin­nerun­gen lit­ten, er fühlte deut­lich, dass etwas tiefer­liegen­des zer­stört war als eine Ori­en­tierungs- und Iden­ti­fika­tions­fähigkeit, sein Gefühl die Iden­tität sein­er Kör­perzustände mit den Erschei­n­ungsweisen der Umwelt und damit seine visuelle Iden­tität. Beson­ders deut­lich wird ihm der Ver­lust sein­er Gefühlszustände bei beson­ders emo­tionalen Ereignis­sen, wie dem Son­nenauf­gang, der ihm nun wie eine „riesige Atom­bomben­ex­plo­sion“ erschien. (ebd. Sacks, S.33) Anto­nio Dama­sio berichtet von ähn­lichen Erfahrun­gen eines Far­ben­blind­en, für den selb­st Neuschnee noch ver­dreckt erschien. (Dama­sio, Anto­nio R. „Descartes Irrtum“, List Ver­lag München, 1995, vgl. Cen­tral Achro­matop­sia)

Farbe und Verhalten

Es gilt als gesichert, dass die Farb­wahrnehmung dem Men­schen einen evo­lu­tionären Vorteil in seinem Leben­sraum bietet. (Purves, Dale und Lot­to, R. Beau „Why We See What We Do“, Sin­auer Asso­ciates, Inc. USA 2003, S.103) So sind ess­bare Früchte und viele Beutetiere oder auch Gefahren­quellen für Far­ben­blinde nicht zu erken­nen. Neben dem Über­leben der men­schlichen Spezies lässt sich auch die Frage nach dem Zusam­men­hang zwis­chen dem Far­bense­hen und dem Erleben und Ver­hal­ten stellen. Der far­ben­blinde Maler wurde zu einem Nacht­men­schen, wobei er seine verbesserte Ori­en­tierungs­fähigkeit im dun­klen Raum der Nacht zu nutzen begann, er begab sich an däm­merige Orte, deren Erschei­n­ungsweisen mit seinem Raumge­fühl in Ein­klang standen. Diese Nachträume existieren bei allen Sehen­den, weil unsere Far­brezep­toren in der Net­zhaut erst bei ein­er hohen Licht­stärke aktiv wer­den, während die Stäbchen mit weitaus gerin­geren Licht­in­ten­sitäten auskom­men. In der Nacht sind alle Men­schen far­ben­blind, was den Nachträu­men eine andere Iden­tität ver­lei­ht, als sie den Tagräu­men eigen ist. Sie erscheinen uns in vie­len Hel­ligkeitsab­stu­fun­gen zwis­chen Schwarz und Weiss und nicht in den Graustufen­bildern, die der far­ben­blinde Maler bei Tag erlebt hat. Nachträume ähneln der Stim­mung von Schwarz-Weiss-Fil­men und -fotos, woge­gen sie in einem ent­färbten Farb­bild fremd wirken. Dadurch kon­nte der far­ben­blinde Maler allein in den Nachträu­men zurück zu sein­er visuellen Iden­tität find­en. Er beze­ich­nete sich als Nacht­men­schen und fing an, auch weit­er ent­fer­nte neue Orte gezielt bei Nacht zu erkun­den und kon­nte dort auch seine Arbeit als Maler wieder aufnehmen. (ebd. Sacks, S.65) Allein noch in der Dunkel­heit der Nacht fühlte er sich mit den Men­schen und Din­gen ver­traut, weshalb er sich allein oder mit seinen Bekan­nten und Fre­un­den dort ganz ungezwun­gen ver­hal­ten kon­nte. Eine von Robert Boyle beschriebene Pati­entin mit Achro­matop­sie änderte ihr Ver­hal­ten auch auf diese Weise und ging nur noch in den Abend­stun­den spazieren, mit der Begrün­dung, dass sie sich auss­chließlich hier gut fühlen würde.

Farbe und Identität

Edwin Land, der sich auch als Erfind­er der Polaroid-Kam­era einen Namen machte, zeigte bere­its 1957 auf, dass Farbe und Licht keine absoluten räum­lichen Gegeben­heit­en sind, wie New­ton es noch annahm, son­dern dass die visuelle Wahrnehmung auf den Bezü­gen zwis­chen allen Teilen des Sehfeldes beruht. Die Farb- und Lichtver­hält­nisse ein­er homo­ge­nen Fläche ändern sich mit der Trans­for­ma­tion ihrer Umge­bung, was auch als Simul­tankon­trast bekan­nt ist. Land demon­stri­erte, dass sich bere­its mit einem roten und einem grü­nen Farb­fil­ter und zwei aus leicht ver­schobe­nen Winkeln aufgenomme­nen Bildern ein­er Sit­u­a­tion ein real­is­tisch erscheinen­der Far­bein­druck erzie­len lässt. Die Wellen­länge des Licht­es kor­re­liert nur unter kün­stlich hergestell­ten Normbe­din­gun­gen mit der wahrgenomme­nen Farbe, da sie sich bei viel­far­bigen Erschei­n­un­gen durch die Umge­bungs­far­ben ändert. Die Beobach­tun­gen von Land erhiel­ten mit der Ent­deck­ung ver­schieden­er visueller Areale im Gehirn eine neu­ronale Erk­lärung. Es gibt ein Are­al im Gehirn, welch­es speziell auf die Wellen­länge der elek­tro­mag­netis­chen Strahlung der Umwelt anspricht, nach­dem diese durch die Net­zhaut der Augen in entsprechende vom Gehirn decodier­bare Impulse gewan­delt wurde, das Hirn­rinden­feld V1 und es gibt noch weit­ere Areale im assozia­tiv­en Kor­tex, dem Hirn­rinden­feld V4, die für die Entste­hung von Far­ber­leb­nis­sen unent­behrlich sind. Die Zwis­chen­welt der spek­tralen Infor­ma­tion aus dem visuellen Kor­tex dringt nur in Folge der zere­bralen Achro­matop­sie in das Bewusst­sein eines Sehen­den. Anschaulich wird dieser Zwis­chen­bere­ich an dem Ver­such des far­ben­blind­en Malers, eine Vielzahl von ver­schieden­far­bigen Gar­nrollen nach ihrer Hel­ligkeit zu ord­nen. Seine Anord­nung erscheint dem Sehen­den in der direk­ten Betra­ch­tung falsch, da das Erleb­nis der Far­bigkeit die Hel­ligkeitswahrnehmung des Licht­es bee­in­flusst. Eine Schwarz-Weiß-Abbil­dung sein­er Anord­nung jedoch näherte sich dem Gefühl des Sehen­den für die Hel­ligkeit des Licht­es weit gehend an. (ebd. Sacks, S.36)

Mit dem Ver­lust der Farbe ver­schwand auch die Kon­stanz im visuellen Raum des Far­ben­blind­en, was bewirk­te, dass sich seine Umge­bung bei einem Wech­sel der Beleuch­tungsver­hält­nisse für ihn nun plöt­zlich zu trans­formieren schien. Alle Dinge verän­derten ständig ihre Erschei­n­ung und standen immer­fort in neuen Beziehun­gen zueinan­der, was ihm den Ein­druck ein­er insta­bilen Welt ver­mit­telte. (ebd. Sacks, S.44) Die Farbe erhöht dem­nach nicht nur die Infor­ma­tions­dichte im visuellen Raum, sie ver­lei­ht diesem kom­plex­en Beziehungsnetz auch zusät­zliche Sta­bil­ität. Mit jedem neuen nutzbaren Far­bkanal steigen die Kom­plex­ität, die Sta­bil­ität und der Infor­ma­tion­s­ge­halt unser­er visuellen Repräsen­ta­tion von der Umwelt. Die Iden­ti­fika­tion­s­möglichkeit von Objek­ten, wie auch unsere Ori­en­tierungs­fähigkeit verbessert sich mit der Far­bigkeit des Leben­sraumes, was sich auch am Erleben und Ver­hal­ten von kleinen Kindern zeigen lässt. (Gib­son, James J.; „Die Sinne und der Prozess der Wahrnehmung“ (1966), Ver­lag Hans Huber Bern, 1973 sowie Gib­son, James J.; „Die Wahrnehmung der visuellen Welt“ (1950), Beltz Ver­lag Wein­heim und Basel1973) Wir reagieren schneller auf far­bige Ereignisse, kön­nen bess­er Bewe­gun­gen ver­fol­gen und For­men erken­nen, wir schmeck­en, riechen, hören und tas­ten Farbe, so dass mit dem Ver­lust der Farbe auch ein Teil des erfahre­nen Leben­sraumes aufhört zu existieren. Der far­ben­blinde Maler verzichtete nach sein­er Schädi­gung lange auf das Erleb­nis der Kun­st, weil er den Ver­lust seines Zugangs zur Ebene der kul­turellen Auseinan­der­set­zung des Men­schen mit der Farbe nicht ertra­gen kon­nte.

Das Schick­sal des far­ben­blind­en Malers zeigt deut­lich, dass die Far­bigkeit der Umwelt eine Kon­struk­tion des men­schlichen Gehirns ist, eine Fähigkeit, die er mit anderen Lebe­we­sen teilt. Aus weni­gen pho­to­chemisch sen­si­blen Zellen leit­et sich bere­its die Fähigkeit der niederen Tiere ab, ihr Ver­hal­ten auf die Licht­si­t­u­a­tio­nen der Umge­bung einzustellen, doch kön­nen wir erst vom Sehen sprechen, wenn Organ­is­men die vorge­fun­de­nen Lichtver­hält­nisse in der Umwelt­si­t­u­a­tion mit bere­its erlebten ver­gle­ichen und ihr Han­deln danach aus­richt­en kön­nen. Die Iden­tität unseres gesamten Leben­sraumes, ein­schließlich sein­er gegen­ständlichen Erschei­n­ungsweise ist mit dem Erleb­nis der Farbe ver­bun­den. Unsere Umwelt erscheint uns in ihrer Far­bigkeit gegeben, wie sie auch in ihrer Stof­flichkeit, in ihrem Geruch und Geschmack und in ihrem Klang existiert. Eine Ober­fläche ohne die gewohnte Farbe ver­liert ihre Iden­tität und erscheint uns kün­stlich und fremd, ein Gefühl, welch­es dem von Geburt an Far­ben­blind­en fremd ist. Diese Ver­hal­tensän­derun­gen des far­ben­blind­en Malers ver­loren sich bei ihm mit der Gewöh­nung an den Zus­tand der Far­ben­blind­heit, die mit dem nach­lassenden Gefühl der Ent­frem­dung in eine voll­ständi­ge Far­be­nam­ne­sie überg­ing. Seine Träume, Vorstel­lun­gen und Wahrnehmungen erschienen ihm zunehmend wirk­lich­er. Erst dann war es so, als hätte es nie Far­ben in seinem Leben gegeben. (Sacks, S.69) Ver­misst hat er in der Zeit nach dem Unfall nicht die Farbe selb­st, da sich diese voll­ständig seinem Vorstel­lungsver­mö­gen ent­zog, ver­misst hat er die Gefüh­le, die sich mit der far­bigen Erschei­n­ungsweise der Umwelt beim Men­schen ein­stellen. Farbe ist eine Gefühlsqual­ität, die, wie auch andere emo­tionale Befind­lichkeit­en, unser Sein in der Umwelt auf ihre eigene Weise bes­timmt.

Farbordnung und Modelle

Farb- und Licht­mod­elle stellen immer eine Reduk­tion der Kom­plex­ität unser­er visuellen Repräsen­ta­tion von Raum dar, sie sind Sys­teme, deren Aus­sagen immer nur inner­halb der fest­gelegten Sys­tem­gren­zen Gültigkeit besitzen. Für Farb- und Licht­sys­teme kön­nen das nur Laborbe­din­gun­gen sein, in denen die Kom­plex­ität der visuellen Welt aus­ge­blendet wird, um dadurch spez­i­fis­che Beziehun­gen sicht­bar wer­den zu lassen. Wie es das gezeigte Beispiel des far­ben­blind­en Malers verdeut­licht, führt die Tren­nung von Farb­wahrnehmung und der damit ver­bun­de­nen Bedeu­tung auf neu­ronaler Ebene zur Far­ben­blind­heit. Darum ist es auch in der Prax­is unmöglich, die Aus­sagen von Farb- und Licht­sys­te­men zu ver­all­ge­mein­ern. Eine mod­ell­hafte Vorstel­lung der Begrif­flichkeit­en von Farbe und Licht stellt kein Abbild der Wirk­lichkeit dar, son­dern es ver­an­schaulicht das, was den Erfahrun­gen viel­er gemein­sam ist. Mod­elle beruhen immer auf Abstrak­tio­nen von konkreten Erleb­nis­sen zu sym­bol­haften Ver­all­ge­meinerun­gen, wom­it sie zur Grund­lage der Begriffs­bil­dung und damit der Kom­mu­nika­tion wer­den kön­nen. Neben den Bedin­gun­gen ihrer eige­nen Kon­struk­tion kön­nen sie nur quan­ti­ta­tive Aus­sagen über das machen, was beim Sehen­den bere­its an qual­i­ta­tiv­en Bedeu­tun­gen vorhan­den sein muss. Ohne das Gefühl für die Erschei­n­ungsweisen von Farbe und Licht in unser­er Umwelt ist jede Aus­sage eines Farb- und Licht­sys­tems leer, was Blind­ge­bore­nen ver­wehrt, darüber irgend etwas über die Natur von Farbe und Licht zu erfahren.

Der Ver­such, Farb- und Licht­mod­elle von unser­er Erfahrung zu lösen und als eigen­ständi­ge Erken­nt­nis­sys­teme zu definieren, wirkt absurd, wie das Beispiel der deutschen DIN-Norm zeigt: „Farbe ist diejenige Gesicht­sempfind­ung eines im Auge struk­tur­los erscheinen­den Teiles des Gesichts­feldes, durch die sich dieser Teil bei einäugiger Beobach­tung mit unbe­wegtem Auge von einem gle­ichzeit­ig gese­henen, eben­falls struk­tur­losen angren­zen­den Bezirks allein unter­schei­den kann“. Nur ein einäugiger und nahezu erblind­e­ter Men­sch, welch­er die Welt von Geburt an als dif­fus­es Feld von Hel­ligkeit­en und Fär­bun­gen erlebt hat, und der auch noch so voll­ständig gelähmt sein müsste, dass ihm keine Kör­p­er- und Augen­be­we­gun­gen mehr möglich wären, kön­nte diese Vorbe­din­gun­gen erfüllen. Das ruhende Auge sieht nichts, da erst durch die ständi­ge Bewe­gung der Rezep­toren, das so genan­nte Augen­zit­tern, die Unter­schiede im visuellen Feld reg­istri­ert wer­den kön­nen. Farbe und Licht sind keine objek­tiv beschreib­baren Mess­größen, da sie ihre Bedeu­tung erst durch den Ver­gle­ich erhal­ten, dem Her­stellen von Beziehun­gen zu Gedächt­nis­in­hal­ten und zur gesamten sicht­baren Umge­bung. Der Ver­gle­ich all dieser Ein­flussgrößen mün­det nicht in ein­er ein­deuti­gen Aus­sage, son­dern in einem Gefühl für die Sit­u­a­tion. Alle natur­wis­senschaftlichen Beschrei­bungssys­teme für Farbe und Licht, wie die Spek­tralthe­o­rie der Brechung, Reflek­tion und Absorp­tion von Lichtwellen, die The­o­rie der Farb­mis­chung durch Addi­tion und Sub­trak­tion, wie auch die The­o­rie eines Far­braumes, der von den Dimen­sio­nen des Bunt­tons, der Hel­ligkeit und der Sät­ti­gung aufges­pan­nt wird, ermöglichen uns die Sys­tem­a­tisierung einzel­ner Aspek­te unser­er visuellen Erleb­nisse zum Zweck der quan­tifizieren­den Beschrei­bung in Form von logis­chen Mod­ellen. Bere­its Schopen­hauer hielt es für möglich, dass ein hochin­tel­li­gen­ter Blind­er, auf­grund von Aus­sagen ander­er Per­so­n­en über die Farbe, selb­st­ständig eine Far­ben­lehre kon­stru­ieren kön­nte. (ebd. Sacks, S.64) Diese quan­tifizieren­den Beschrei­bun­gen sind leis­tungs­fähig, weil sie dem sub­jek­tiv­en Erleb­nis­ge­halt der Phänomene Farbe und Licht eine Begrif­flichkeit ver­lei­hen, welche die Arbeit mit Farb­mit­teln auf eine ein­heitliche kom­mu­nizier­bare Grund­lage stellt. In der Farb­ma­trix des Com­pu­t­er­dis­plays oder den Pig­menten der Druck­farbe ist die Erschei­n­ung längst von ihrer Exis­tenz als Ober­fläche geschieden. Die ästhetis­chen Erwartun­gen an die Erschei­n­ungsweisen unseres Leben­sraumes befind­en sich durch die neuen tech­nis­chen Frei­heit­en in der Gestal­tung unser­er Umwelt im Umbruch. Farbe und Licht bleiben darin die Ver­mit­tler ein­er Wirk­lichkeit, in der das Gefühl allein noch qual­i­ta­tive Aus­sagen über das Ver­hält­nis von Men­sch und Umwelt zulässt. Das begin­nt beim Kauf eines Apfels und reicht bis zur Gestal­tung unser­er Lebenswelt.

Farbordnung und Bedeutung

Jede Farbe existiert in einem sub­jek­tiv­en Bedeu­tungsraum, dessen Erleb­nis­ge­halt auf die Erin­nerung an ver­gan­gene Ereignisse zurück­ge­ht. Der blaue Him­mel an der See, die blaue Schürze der Mut­ter und die blauen Augen des Lieblingss­chaus­piel­ers verdicht­en sich zum Gefühl dessen, was den Bedeu­tungsraum der Farbe Blau beschreibt. Das Blau­sein, Grün­sein, Rot­sein usw. der Dinge lässt sich bere­its von jedem Kleinkind auf diese Weise voneinan­der abgren­zen, obgle­ich die gefühlten Beziehun­gen inner­halb der Erschei­n­ungsweise eige­nen Leben­sraums immer vor dem Hin­ter­grund der topographis­chen, kli­ma­tis­chen, kul­turellen und sozialen Hin­ter­grundbe­din­gun­gen des Einzel­nen oder der Gemein­schaft betra­chtet wer­den müssen. Die Qual­itäten jed­er Farb- und Lichter­schei­n­ung lassen sich aus unserem Gefühl für deren Bedeu­tun­gen beschreiben, wie die Inten­sität und Leuchtkraft ein­er Farbe immer rel­a­tiv zu den bere­its erfahre­nen Erschei­n­ungsweisen erlebt wird. Weiße, gelbe und orange Farbtöne leucht­en für uns mehr als schwarze, vio­lette oder braune, so dass sich hier kein lin­ear­er Zusam­men­hang zwis­chen der gefühlten Hel­ligkeit oder Inten­sität und der mess­baren und daher natur­wis­senschaftlich beschreib­baren her­stellen lässt. Die visuelle Repräsen­ta­tion der Erschei­n­ungsweisen von Farbe und Licht beruht auf den Beziehun­gen zwis­chen dem eige­nen Kör­p­er und sein­er Umwelt. Ord­nen lassen sich die visuellen Beziehun­gen inner­halb der Umwelt, soweit sich der Zusam­men­hang zwis­chen Ursache und Wirkung in Mod­ellen darstellen und ver­an­schaulichen lässt. Ord­nung lässt sich auch in unsere Gefüh­le brin­gen, wobei wir die Ursachen in den Bedeu­tun­gen der Erschei­n­un­gen von Farbe und Licht für unsere kör­per­liche Exis­tenz zu suchen haben. Die Umwelt dient dem Men­schen als Gedächt­nis­spe­ich­er, wie Gegen­furt­ner es for­muliert, denn die Kapaz­itäten unseres Gehirns sind begren­zt. (Gegen­furt­ner, Karl R „Gehirn und Wahrnehmung“, Fis­ch­er Taschen­buch Ver­lag 2003) Beim Sehen sind unge­fähr 60% der Großhirn­rinde des Men­schen aktiv, so dass die Frage bleibt, was von den bere­its erlebten Sit­u­a­tio­nen eigentlich in unserem Gedächt­nis gespe­ichert sein kann und ob dort nicht nur ein ver­schwindend geringer Teil unser­er Ver­gan­gen­heit präsent ist, der sich erst in der lebendi­gen Begeg­nung immer wieder neu man­i­festiert. Wie viele Erschei­n­un­gen kom­men uns ver­traut vor, wenn wir sie erneut oder in anderem Zusam­men­hang sehen und wie viel davon kön­nen wir uns in der Vorstel­lung verge­gen­wär­ti­gen. Wir tra­gen viele Erin­nerun­gen an ver­gan­gene Erleb­nisse in uns, doch das unendliche Reser­voir des vorstell­baren und wahrnehm­baren Raums existiert außer­halb von uns selb­st. Die lebendi­ge Beziehung zwis­chen unserem Leben­sraum und unserem Kör­p­er wird in jedem neuen Erleb­nis von Farbe und Licht über die Augen hergestellt und find­et sich im Gefühl für die Sit­u­a­tion repräsen­tiert.

 

Weit­er­führende Lit­er­atur “Die Bil­dung der räum­lich-visuellen Kom­pe­tenz”

15.12.06 in
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