Farbe und Emotion

Die erlebte Atmosphäre von Räumen korreliert mit der emotionalen Einstimmung unseres Körpers auf die visuelle Situation. Erst wenn dieses emotionale Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt gestört wird, zeigt sich die Bedeutung von Farbe und Licht für unser Sein.

Farbe und Körpergefühl

Die Zustandsänderungen der Umwelt wirken sich auf das Nervensystem des Menschen aus und spiegeln sich in den Affektionen seines Körpers wieder. Sinkt der Sauerstoffgehalt der Luft, so beschleunigt sich die Atmung und erhöht sich der Puls, die Bewegungen verlangsamen sich, die Konzentrationsfähigkeit lässt, was über neuronale und hormonelle Reaktionen letztlich das Gefühl des Unwohlseins in der Situation auslöst. Diese Anpassungen der Körperaktivitäten an geänderte Umweltbedingungen, zu denen auch die Erscheinungsweisen von Farbe und Licht gehören, erleben wir durch unsere emotionalen Reaktionen auf jede Wahrnehmungs- oder Vorstellungssituation.

Die erlebte Atmosphäre von Räumen korreliert mit der emotionalen Einstimmung unseres Körpers auf die visuelle Situation. Unsere Körperfunktionen passen sich an die wechselnden Farb- und Lichtverhältnisse in unserem Lebensraum an, sie korrelieren mit dem Verlauf der Tages- und Jahreszeiten, wie mit den Bedingungen in künstlich geschaffenen Raumsituationen. Wir erleben, wie unser Aktionsraum im Winter mit dem kälter und schwächer scheinenden Licht zu schrumpfen beginnt, was sich mit der Erscheinung der Natur verbindet, wogegen wir diesen mit den intensiv leuchtenden, vielstimmigen bunten, zarten und reinen Farben des Frühlings wieder neu zurückgewinnen. Unser Körpergefühl für die Farb- und Lichtverhältnisse jeder Situation bestimmt dabei visuelle Identität unseres Lebensraums. Erst wenn dieses emotionale Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt gestört wird, zeigt sich die Bedeutung von Farbe und Licht für unser Sein.

Blindheit, Fehlsichtigkeit, Farbenfehlsichtigkeit, Farbenblindheit oder Lichtempfindlichkeit beschreiben  Störungen in den visuellen Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt, die mit Einschränkungen und Veränderungen der Erlebnis- und Handlungsfähigkeit einhergehen. Störungen der visuellen Erlebnisfähigkeit können angeboren sein oder sie treten nach Schädigungen im visuellen System auf. Die zerebrale Achromatopsie, eine Form der totalen Farbenblindheit nach Schädigungen im assoziativen Kortexareal des Gehirns, tritt selten auf, doch lässt sich hier die Bedeutung der Farbe für unser Körpergefühl und unser Raumerleben besonders deutlich herausarbeiten. Das visuelle Zentrum des Gehirns verarbeitet die  Informationen aus dem Spektrum der elektromagnetischen Strahlung des Sehfeldes unbeeinträchtigt von der Störung, doch zu sehen sind nur Graustufen, wo eigentlich Farben erlebt werden müssten. Die Farbe verschwindet aus der Wahrnehmungs- und Vorstellungswelt, wenn keine neuronale Repräsentation mehr existiert, die den spektralen Informationen eine Bedeutung verleihen kann. Was dem Betroffenen von der Farbe bleibt, ist allein das Körpergefühl, das die Ursache dafür ist, dass er die Erscheinung seiner Umwelt in jeder Situation erneut als fremd und irreal empfindet.

Farbe und Atmosphäre

Der Neuropsychologe Oliver Sacks schildert den Fall eines Malers, welcher durch eine Hirnschädigung die Farbigkeit in der Repräsentation seines inneren und äußeren Raumes verlor. Mit einem Schlag war ihm nicht mehr möglich,  sich Farbe vorzustellen, seine Erinnerungen und Träume verloren ihre Farbigkeit und die Welt erschien ihm farblos und bleich. (Sacks, Oliver „Eine Anthropologin auf dem Mars“, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Hamburg
1998) Sacks vermutet, dass der Maler nach dem Schlaganfall die Farben nur noch auf Grund seines Sprachgedächtnisses bezeichnen konnte. Das Bewusstsein für den schmerzlichen Verlust der Farbe in seinem Lebensraum resultiert aus dem plötzlich auftretenden Widerspruch zwischen seinem Körpergefühl und der Erscheinungsweise seines Lebensraums. Am Anfang der Schädigung war dieses Gefühl des Verlustes sehr deutlich für ihn zu spüren, denn es war zwar nicht sichtbar, jedoch spürbar in der Veränderung seines Körpergefühls in der Begegnung mit der sichtbaren Umwelt. Sein gewohnter Lebensraum sah für ihn plötzlich schmutzig und unappetitlich aus, alles Weiße erschien ihm verschimmelt und jedes Schwarz verstaubt. Die Menschen begegneten ihm als belebte graue Statuen, worauf er sie zu meiden begann. Die menschliche Haut erschien ihm nicht mehr „fleischfarben“, sondern „rattenfarben“, was erhebliche Auswirkungen auf sein Verhalten hatte, vom empfundenen Ekel vor der Berührung bis hin zum Fehlen von sexuellen Vorstellungen und Bedürfnissen. Nahrungsmittel waren plötzlich eklig und unnatürlich, womit die Lust und Freude am Essen deutlich abnahm. Auch das Schließen der Augen half ihm nichts, da die Tomate selbst in der Vorstellung schwarz blieb. Er bevorzugte nun schwarze und weiße Lebensmittel, weil er diese noch mit seinen Erinnerungen in Einklang bringen konnte und sie ihm natürlich erschienen. (ebd. Sacks, S. 25) Blumen wurden für ihn ununterscheidbar und waren fast nur noch am Duft und an der Form zu erkennen. Den Himmel sah er in einem bleichen Grau, wovon sich die schmutzigweissen Wolken kaum noch unterschieden. Rot- und Grüntöne erschienen ihm schwarz, während Gelb- und helle Blautöne weißlich aussahen. Seine Welt schien ihm leblos und in Blei gegossen, wie auch seine Träume und Erinnerungen litten, er fühlte deutlich, dass etwas tieferliegendes zerstört war als eine Orientierungs- und Identifikationsfähigkeit, sein Gefühl die Identität seiner Körperzustände mit den Erscheinungsweisen der Umwelt und damit seine visuelle Identität. Besonders deutlich wird ihm der Verlust seiner Gefühlszustände bei besonders emotionalen Ereignissen, wie dem Sonnenaufgang, der ihm nun wie eine „riesige Atombombenexplosion“ erschien. (ebd. Sacks, S.33) Antonio Damasio berichtet von ähnlichen Erfahrungen eines Farbenblinden, für den selbst Neuschnee noch verdreckt erschien. (Damasio, Antonio R. „Descartes Irrtum“, List Verlag München, 1995, vgl. Central Achromatopsia)

Farbe und Verhalten

Es gilt als gesichert, dass die Farbwahrnehmung dem Menschen einen evolutionären Vorteil in seinem Lebensraum bietet. (Purves, Dale und Lotto, R. Beau „Why We See What We Do“, Sinauer Associates, Inc. USA 2003, S.103) So sind essbare Früchte und viele Beutetiere oder auch Gefahrenquellen für Farbenblinde nicht zu erkennen. Neben dem Überleben der menschlichen Spezies lässt sich auch die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Farbensehen und dem Erleben und Verhalten stellen. Der farbenblinde Maler wurde zu einem Nachtmenschen, wobei er seine verbesserte Orientierungsfähigkeit im dunklen Raum der Nacht zu nutzen begann, er begab sich an dämmerige Orte, deren Erscheinungsweisen mit seinem Raumgefühl in Einklang standen. Diese Nachträume existieren bei allen Sehenden, weil unsere Farbrezeptoren in der Netzhaut erst bei einer hohen Lichtstärke aktiv werden, während die Stäbchen mit weitaus geringeren Lichtintensitäten auskommen. In der Nacht sind alle Menschen farbenblind, was den Nachträumen eine andere Identität verleiht, als sie den Tagräumen eigen ist. Sie erscheinen uns in vielen Helligkeitsabstufungen zwischen Schwarz und Weiss und nicht in den Graustufenbildern, die der farbenblinde Maler bei Tag erlebt hat. Nachträume ähneln der Stimmung von Schwarz-Weiss-Filmen und -fotos, wogegen sie in einem entfärbten Farbbild fremd wirken. Dadurch konnte der farbenblinde Maler allein in den Nachträumen zurück zu seiner visuellen Identität finden. Er bezeichnete sich als Nachtmenschen und fing an, auch weiter entfernte neue Orte gezielt bei Nacht zu erkunden und konnte dort auch seine Arbeit als Maler wieder aufnehmen. (ebd. Sacks, S.65) Allein noch in der Dunkelheit der Nacht fühlte er sich mit den Menschen und Dingen vertraut, weshalb er sich allein oder mit seinen Bekannten und Freunden dort ganz ungezwungen verhalten konnte. Eine von Robert Boyle beschriebene Patientin mit Achromatopsie änderte ihr Verhalten auch auf diese Weise und ging nur noch in den Abendstunden spazieren, mit der Begründung, dass sie sich ausschließlich hier gut fühlen würde.

Farbe und Identität

Edwin Land, der sich auch als Erfinder der Polaroid-Kamera einen Namen machte, zeigte bereits 1957 auf, dass Farbe und Licht keine absoluten räumlichen Gegebenheiten sind, wie Newton es noch annahm, sondern dass die visuelle Wahrnehmung auf den Bezügen zwischen allen Teilen des Sehfeldes beruht. Die Farb- und Lichtverhältnisse einer homogenen Fläche ändern sich mit der Transformation ihrer Umgebung, was auch als Simultankontrast bekannt ist. Land demonstrierte, dass sich bereits mit einem roten und einem grünen Farbfilter und zwei aus leicht verschobenen Winkeln aufgenommenen Bildern einer Situation ein realistisch erscheinender Farbeindruck erzielen lässt. Die Wellenlänge des Lichtes korreliert nur unter künstlich hergestellten Normbedingungen mit der wahrgenommenen Farbe, da sie sich bei vielfarbigen Erscheinungen durch die Umgebungsfarben ändert. Die Beobachtungen von Land erhielten mit der Entdeckung verschiedener visueller Areale im Gehirn eine neuronale Erklärung. Es gibt ein Areal im Gehirn, welches speziell auf die Wellenlänge der elektromagnetischen Strahlung der Umwelt anspricht, nachdem diese durch die Netzhaut der Augen in entsprechende vom Gehirn decodierbare Impulse gewandelt wurde, das Hirnrindenfeld V1 und es gibt noch weitere Areale im assoziativen Kortex, dem Hirnrindenfeld V4, die für die Entstehung von Farberlebnissen unentbehrlich sind. Die Zwischenwelt der spektralen Information aus dem visuellen Kortex dringt nur in Folge der zerebralen Achromatopsie in das Bewusstsein eines Sehenden. Anschaulich wird dieser Zwischenbereich an dem Versuch des farbenblinden Malers, eine Vielzahl von verschiedenfarbigen Garnrollen nach ihrer Helligkeit zu ordnen. Seine Anordnung erscheint dem Sehenden in der direkten Betrachtung falsch, da das Erlebnis der Farbigkeit die Helligkeitswahrnehmung des Lichtes beeinflusst. Eine Schwarz-Weiß-Abbildung seiner Anordnung jedoch näherte sich dem Gefühl des Sehenden für die Helligkeit des Lichtes weit gehend an. (ebd. Sacks, S.36)

Mit dem Verlust der Farbe verschwand auch die Konstanz im visuellen Raum des Farbenblinden, was bewirkte, dass sich seine Umgebung bei einem Wechsel der Beleuchtungsverhältnisse für ihn nun plötzlich zu transformieren schien. Alle Dinge veränderten ständig ihre Erscheinung und standen immerfort in neuen Beziehungen zueinander, was ihm den Eindruck einer instabilen Welt vermittelte. (ebd. Sacks, S.44) Die Farbe erhöht demnach nicht nur die Informationsdichte im visuellen Raum, sie verleiht diesem komplexen Beziehungsnetz auch zusätzliche Stabilität. Mit jedem neuen nutzbaren Farbkanal steigen die Komplexität, die Stabilität und der Informationsgehalt unserer visuellen Repräsentation von der Umwelt. Die Identifikationsmöglichkeit von Objekten, wie auch unsere Orientierungsfähigkeit verbessert sich mit der Farbigkeit des Lebensraumes, was sich auch am Erleben und Verhalten von kleinen Kindern zeigen lässt. (Gibson, James J.; „Die Sinne und der Prozess der Wahrnehmung“ (1966), Verlag Hans Huber Bern, 1973 sowie Gibson, James J.; „Die Wahrnehmung der visuellen Welt“ (1950), Beltz Verlag Weinheim und Basel1973) Wir reagieren schneller auf farbige Ereignisse, können besser Bewegungen verfolgen und Formen erkennen, wir schmecken, riechen, hören und tasten Farbe, so dass mit dem Verlust der Farbe auch ein Teil des erfahrenen Lebensraumes aufhört zu existieren. Der farbenblinde Maler verzichtete nach seiner Schädigung lange auf das Erlebnis der Kunst, weil er den Verlust seines Zugangs zur Ebene der kulturellen Auseinandersetzung des Menschen mit der Farbe nicht ertragen konnte.

Das Schicksal des farbenblinden Malers zeigt deutlich, dass die Farbigkeit der Umwelt eine Konstruktion des menschlichen Gehirns ist, eine Fähigkeit, die er mit anderen Lebewesen teilt. Aus wenigen photochemisch sensiblen Zellen leitet sich bereits die Fähigkeit der niederen Tiere ab, ihr Verhalten auf die Lichtsituationen der Umgebung einzustellen, doch können wir erst vom Sehen sprechen, wenn Organismen die vorgefundenen Lichtverhältnisse in der Umweltsituation mit bereits erlebten vergleichen und ihr Handeln danach ausrichten können. Die Identität unseres gesamten Lebensraumes, einschließlich seiner gegenständlichen Erscheinungsweise ist mit dem Erlebnis der Farbe verbunden. Unsere Umwelt erscheint uns in ihrer Farbigkeit gegeben, wie sie auch in ihrer Stofflichkeit, in ihrem Geruch und Geschmack und in ihrem Klang existiert. Eine Oberfläche ohne die gewohnte Farbe verliert ihre Identität und erscheint uns künstlich und fremd, ein Gefühl, welches dem von Geburt an Farbenblinden fremd ist. Diese Verhaltensänderungen des farbenblinden Malers verloren sich bei ihm mit der Gewöhnung an den Zustand der Farbenblindheit, die mit dem nachlassenden Gefühl der Entfremdung in eine vollständige Farbenamnesie überging. Seine Träume, Vorstellungen und Wahrnehmungen erschienen ihm zunehmend wirklicher. Erst dann war es so, als hätte es nie Farben in seinem Leben gegeben. (Sacks, S.69) Vermisst hat er in der Zeit nach dem Unfall nicht die Farbe selbst, da sich diese vollständig seinem Vorstellungsvermögen entzog, vermisst hat er die Gefühle, die sich mit der farbigen Erscheinungsweise der Umwelt beim Menschen einstellen. Farbe ist eine Gefühlsqualität, die, wie auch andere emotionale Befindlichkeiten, unser Sein in der Umwelt auf ihre eigene Weise bestimmt.

Farbordnung und Modelle

Farb- und Lichtmodelle stellen immer eine Reduktion der Komplexität unserer visuellen Repräsentation von Raum dar, sie sind Systeme, deren Aussagen immer nur innerhalb der festgelegten Systemgrenzen Gültigkeit besitzen. Für Farb- und Lichtsysteme können das nur Laborbedingungen sein, in denen die Komplexität der visuellen Welt ausgeblendet wird, um dadurch spezifische Beziehungen sichtbar werden zu lassen. Wie es das gezeigte Beispiel des farbenblinden Malers verdeutlicht, führt die Trennung von Farbwahrnehmung und der damit verbundenen Bedeutung auf neuronaler Ebene zur Farbenblindheit. Darum ist es auch in der Praxis unmöglich, die Aussagen von Farb- und Lichtsystemen zu verallgemeinern. Eine modellhafte Vorstellung der Begrifflichkeiten von Farbe und Licht stellt kein Abbild der Wirklichkeit dar, sondern es veranschaulicht das, was den Erfahrungen vieler gemeinsam ist. Modelle beruhen immer auf Abstraktionen von konkreten Erlebnissen zu symbolhaften Verallgemeinerungen, womit sie zur Grundlage der Begriffsbildung und damit der Kommunikation werden können. Neben den Bedingungen ihrer eigenen Konstruktion können sie nur quantitative Aussagen über das machen, was beim Sehenden bereits an qualitativen Bedeutungen vorhanden sein muss. Ohne das Gefühl für die Erscheinungsweisen von Farbe und Licht in unserer Umwelt ist jede Aussage eines Farb- und Lichtsystems leer, was Blindgeborenen verwehrt, darüber irgend etwas über die Natur von Farbe und Licht zu erfahren.

Der Versuch, Farb- und Lichtmodelle von unserer Erfahrung zu lösen und als eigenständige Erkenntnissysteme zu definieren, wirkt absurd, wie das Beispiel der deutschen DIN-Norm zeigt: „Farbe ist diejenige Gesichtsempfindung eines im Auge strukturlos erscheinenden Teiles des Gesichtsfeldes, durch die sich dieser Teil bei einäugiger Beobachtung mit unbewegtem Auge von einem gleichzeitig gesehenen, ebenfalls strukturlosen angrenzenden Bezirks allein unterscheiden kann“. Nur ein einäugiger und nahezu erblindeter Mensch, welcher die Welt von Geburt an als diffuses Feld von Helligkeiten und Färbungen erlebt hat, und der auch noch so vollständig gelähmt sein müsste, dass ihm keine Körper- und Augenbewegungen mehr möglich wären, könnte diese Vorbedingungen erfüllen. Das ruhende Auge sieht nichts, da erst durch die ständige Bewegung der Rezeptoren, das so genannte Augenzittern, die Unterschiede im visuellen Feld registriert werden können. Farbe und Licht sind keine objektiv beschreibbaren Messgrößen, da sie ihre Bedeutung erst durch den Vergleich erhalten, dem Herstellen von Beziehungen zu Gedächtnisinhalten und zur gesamten sichtbaren Umgebung. Der Vergleich all dieser Einflussgrößen mündet nicht in einer eindeutigen Aussage, sondern in einem Gefühl für die Situation. Alle naturwissenschaftlichen Beschreibungssysteme für Farbe und Licht, wie die Spektraltheorie der Brechung, Reflektion und Absorption von Lichtwellen, die Theorie der Farbmischung durch Addition und Subtraktion, wie auch die Theorie eines Farbraumes, der von den Dimensionen des Bunttons, der Helligkeit und der Sättigung aufgespannt wird, ermöglichen uns die Systematisierung einzelner Aspekte unserer visuellen Erlebnisse zum Zweck der quantifizierenden Beschreibung in Form von logischen Modellen. Bereits Schopenhauer hielt es für möglich, dass ein hochintelligenter Blinder, aufgrund von Aussagen anderer Personen über die Farbe, selbstständig eine Farbenlehre konstruieren könnte. (ebd. Sacks, S.64) Diese quantifizierenden Beschreibungen sind leistungsfähig, weil sie dem subjektiven Erlebnisgehalt der Phänomene Farbe und Licht eine Begrifflichkeit verleihen, welche die Arbeit mit Farbmitteln auf eine einheitliche kommunizierbare Grundlage stellt. In der Farbmatrix des Computerdisplays oder den Pigmenten der Druckfarbe ist die Erscheinung längst von ihrer Existenz als Oberfläche geschieden. Die ästhetischen Erwartungen an die Erscheinungsweisen unseres Lebensraumes befinden sich durch die neuen technischen Freiheiten in der Gestaltung unserer Umwelt im Umbruch. Farbe und Licht bleiben darin die Vermittler einer Wirklichkeit, in der das Gefühl allein noch qualitative Aussagen über das Verhältnis von Mensch und Umwelt zulässt. Das beginnt beim Kauf eines Apfels und reicht bis zur Gestaltung unserer Lebenswelt.

Farbordnung und Bedeutung

Jede Farbe existiert in einem subjektiven Bedeutungsraum, dessen Erlebnisgehalt auf die Erinnerung an vergangene Ereignisse zurückgeht. Der blaue Himmel an der See, die blaue Schürze der Mutter und die blauen Augen des Lieblingsschauspielers verdichten sich zum Gefühl dessen, was den Bedeutungsraum der Farbe Blau beschreibt. Das Blausein, Grünsein, Rotsein usw. der Dinge lässt sich bereits von jedem Kleinkind auf diese Weise voneinander abgrenzen, obgleich die gefühlten Beziehungen innerhalb der Erscheinungsweise eigenen Lebensraums immer vor dem Hintergrund der topographischen, klimatischen, kulturellen und sozialen Hintergrundbedingungen des Einzelnen oder der Gemeinschaft betrachtet werden müssen. Die Qualitäten jeder Farb- und Lichterscheinung lassen sich aus unserem Gefühl für deren Bedeutungen beschreiben, wie die Intensität und Leuchtkraft einer Farbe immer relativ zu den bereits erfahrenen Erscheinungsweisen erlebt wird. Weiße, gelbe und orange Farbtöne leuchten für uns mehr als schwarze, violette oder braune, so dass sich hier kein linearer Zusammenhang zwischen der gefühlten Helligkeit oder Intensität und der messbaren und daher naturwissenschaftlich beschreibbaren herstellen lässt. Die visuelle Repräsentation der Erscheinungsweisen von Farbe und Licht beruht auf den Beziehungen zwischen dem eigenen Körper und seiner Umwelt. Ordnen lassen sich die visuellen Beziehungen innerhalb der Umwelt, soweit sich der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung in Modellen darstellen und veranschaulichen lässt. Ordnung lässt sich auch in unsere Gefühle bringen, wobei wir die Ursachen in den Bedeutungen der Erscheinungen von Farbe und Licht für unsere körperliche Existenz zu suchen haben. Die Umwelt dient dem Menschen als Gedächtnisspeicher, wie Gegenfurtner es formuliert, denn die Kapazitäten unseres Gehirns sind begrenzt. (Gegenfurtner, Karl R „Gehirn und Wahrnehmung“, Fischer Taschenbuch Verlag 2003) Beim Sehen sind ungefähr 60% der Großhirnrinde des Menschen aktiv, so dass die Frage bleibt, was von den bereits erlebten Situationen eigentlich in unserem Gedächtnis gespeichert sein kann und ob dort nicht nur ein verschwindend geringer Teil unserer Vergangenheit präsent ist, der sich erst in der lebendigen Begegnung immer wieder neu manifestiert. Wie viele Erscheinungen kommen uns vertraut vor, wenn wir sie erneut oder in anderem Zusammenhang sehen und wie viel davon können wir uns in der Vorstellung vergegenwärtigen. Wir tragen viele Erinnerungen an vergangene Erlebnisse in uns, doch das unendliche Reservoir des vorstellbaren und wahrnehmbaren Raums existiert außerhalb von uns selbst. Die lebendige Beziehung zwischen unserem Lebensraum und unserem Körper wird in jedem neuen Erlebnis von Farbe und Licht über die Augen hergestellt und findet sich im Gefühl für die Situation repräsentiert.

 

Weiterführende Literatur “Die Bildung der räumlich-visuellen Kompetenz”

15.12.06 in
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