Far­be und Emo­ti­on

Die erlebte Atmosphäre von Räumen korreliert mit der emotionalen Einstimmung unseres Körpers auf die visuelle Situation. Erst wenn dieses emotionale Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt gestört wird, zeigt sich die Bedeutung von Farbe und Licht für unser Sein.

Far­be und Kör­per­ge­fühl

Die Zustands­än­de­run­gen der Umwelt wir­ken sich auf das Ner­ven­sys­tem des Men­schen aus und spie­geln sich in den Affek­tio­nen sei­nes Kör­pers wie­der. Sinkt der Sauer­stoff­ge­halt der Luft, so beschleu­nigt sich die Atmung und erhöht sich der Puls, die Bewe­gun­gen ver­lang­sa­men sich, die Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit lässt, was über neu­ro­na­le und hor­mo­nel­le Reak­tio­nen letzt­lich das Gefühl des Unwohl­seins in der Situa­ti­on aus­löst. Die­se Anpas­sun­gen der Kör­per­ak­ti­vi­tä­ten an geän­der­te Umwelt­be­din­gun­gen, zu denen auch die Erschei­nungs­wei­sen von Far­be und Licht gehö­ren, erle­ben wir durch unse­re emo­tio­na­len Reak­tio­nen auf jede Wahr­neh­mungs- oder Vor­stel­lungs­si­tua­ti­on.

Die erleb­te Atmo­sphä­re von Räu­men kor­re­liert mit der emo­tio­na­len Ein­stim­mung unse­res Kör­pers auf die visu­el­le Situa­ti­on. Unse­re Kör­per­funk­tio­nen pas­sen sich an die wech­seln­den Farb- und Licht­ver­hält­nis­se in unse­rem Lebens­raum an, sie kor­re­lie­ren mit dem Ver­lauf der Tages- und Jah­res­zei­ten, wie mit den Bedin­gun­gen in künst­lich geschaf­fe­nen Raum­si­tua­tio­nen. Wir erle­ben, wie unser Akti­ons­raum im Win­ter mit dem käl­ter und schwä­cher schei­nen­den Licht zu schrump­fen beginnt, was sich mit der Erschei­nung der Natur ver­bin­det, woge­gen wir die­sen mit den inten­siv leuch­ten­den, viel­stim­mi­gen bun­ten, zar­ten und rei­nen Far­ben des Früh­lings wie­der neu zurück­ge­win­nen. Unser Kör­per­ge­fühl für die Farb- und Licht­ver­hält­nis­se jeder Situa­ti­on bestimmt dabei visu­el­le Iden­ti­tät unse­res Lebens­raums. Erst wenn die­ses emo­tio­na­le Ver­hält­nis zwi­schen Mensch und Umwelt gestört wird, zeigt sich die Bedeu­tung von Far­be und Licht für unser Sein.

Blind­heit, Fehl­sich­tig­keit, Far­ben­fehl­sich­tig­keit, Far­ben­blind­heit oder Licht­emp­find­lich­keit beschrei­ben  Stö­run­gen in den visu­el­len Bezie­hun­gen zwi­schen Mensch und Umwelt, die mit Ein­schrän­kun­gen und Ver­än­de­run­gen der Erleb­nis- und Hand­lungs­fä­hig­keit ein­her­ge­hen. Stö­run­gen der visu­el­len Erleb­nis­fä­hig­keit kön­nen ange­bo­ren sein oder sie tre­ten nach Schä­di­gun­gen im visu­el­len Sys­tem auf. Die zereb­ra­le Achro­ma­t­op­sie, eine Form der tota­len Far­ben­blind­heit nach Schä­di­gun­gen im asso­zia­ti­ven Kort­e­x­are­al des Gehirns, tritt sel­ten auf, doch lässt sich hier die Bedeu­tung der Far­be für unser Kör­per­ge­fühl und unser Raum­er­le­ben beson­ders deut­lich her­aus­ar­bei­ten. Das visu­el­le Zen­trum des Gehirns ver­ar­bei­tet die  Infor­ma­tio­nen aus dem Spek­trum der elek­tro­ma­gne­ti­schen Strah­lung des Seh­fel­des unbe­ein­träch­tigt von der Stö­rung, doch zu sehen sind nur Grau­stu­fen, wo eigent­lich Far­ben erlebt wer­den müss­ten. Die Far­be ver­schwin­det aus der Wahr­neh­mungs- und Vor­stel­lungs­welt, wenn kei­ne neu­ro­na­le Reprä­sen­ta­ti­on mehr exis­tiert, die den spek­tra­len Infor­ma­tio­nen eine Bedeu­tung ver­lei­hen kann. Was dem Betrof­fe­nen von der Far­be bleibt, ist allein das Kör­per­ge­fühl, das die Ursa­che dafür ist, dass er die Erschei­nung sei­ner Umwelt in jeder Situa­ti­on erneut als fremd und irre­al emp­fin­det.

Far­be und Atmo­sphä­re

Der Neu­ro­psy­cho­lo­ge Oli­ver Sacks schil­dert den Fall eines Malers, wel­cher durch eine Hirn­schä­di­gung die Far­big­keit in der Reprä­sen­ta­ti­on sei­nes inne­ren und äuße­ren Rau­mes ver­lor. Mit einem Schlag war ihm nicht mehr mög­lich,  sich Far­be vor­zu­stel­len, sei­ne Erin­ne­run­gen und Träu­me ver­lo­ren ihre Far­big­keit und die Welt erschien ihm farb­los und bleich. (Sacks, Oli­ver „Eine Anthro­po­lo­gin auf dem Mars“, Rowohlt Taschen­buch Ver­lag GmbH, Ham­burg
1998) Sacks ver­mu­tet, dass der Maler nach dem Schlag­an­fall die Far­ben nur noch auf Grund sei­nes Sprach­ge­dächt­nis­ses bezeich­nen konn­te. Das Bewusst­sein für den schmerz­li­chen Ver­lust der Far­be in sei­nem Lebens­raum resul­tiert aus dem plötz­lich auf­tre­ten­den Wider­spruch zwi­schen sei­nem Kör­per­ge­fühl und der Erschei­nungs­wei­se sei­nes Lebens­raums. Am Anfang der Schä­di­gung war die­ses Gefühl des Ver­lus­tes sehr deut­lich für ihn zu spü­ren, denn es war zwar nicht sicht­bar, jedoch spür­bar in der Ver­än­de­rung sei­nes Kör­per­ge­fühls in der Begeg­nung mit der sicht­ba­ren Umwelt. Sein gewohn­ter Lebens­raum sah für ihn plötz­lich schmut­zig und unap­pe­tit­lich aus, alles Wei­ße erschien ihm ver­schim­melt und jedes Schwarz ver­staubt. Die Men­schen begeg­ne­ten ihm als beleb­te graue Sta­tu­en, wor­auf er sie zu mei­den begann. Die mensch­li­che Haut erschien ihm nicht mehr „fleisch­far­ben“, son­dern „rat­ten­far­ben“, was erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf sein Ver­hal­ten hat­te, vom emp­fun­de­nen Ekel vor der Berüh­rung bis hin zum Feh­len von sexu­el­len Vor­stel­lun­gen und Bedürf­nis­sen. Nah­rungs­mit­tel waren plötz­lich eklig und unna­tür­lich, womit die Lust und Freu­de am Essen deut­lich abnahm. Auch das Schlie­ßen der Augen half ihm nichts, da die Toma­te selbst in der Vor­stel­lung schwarz blieb. Er bevor­zug­te nun schwar­ze und wei­ße Lebens­mit­tel, weil er die­se noch mit sei­nen Erin­ne­run­gen in Ein­klang brin­gen konn­te und sie ihm natür­lich erschie­nen. (ebd. Sacks, S. 25) Blu­men wur­den für ihn unun­ter­scheid­bar und waren fast nur noch am Duft und an der Form zu erken­nen. Den Him­mel sah er in einem blei­chen Grau, wovon sich die schmut­zig­weis­sen Wol­ken kaum noch unter­schie­den. Rot- und Grün­tö­ne erschie­nen ihm schwarz, wäh­rend Gelb- und hel­le Blau­tö­ne weiß­lich aus­sa­hen. Sei­ne Welt schien ihm leb­los und in Blei gegos­sen, wie auch sei­ne Träu­me und Erin­ne­run­gen lit­ten, er fühl­te deut­lich, dass etwas tie­fer­lie­gen­des zer­stört war als eine Ori­en­tie­rungs- und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fä­hig­keit, sein Gefühl die Iden­ti­tät sei­ner Kör­per­zu­stän­de mit den Erschei­nungs­wei­sen der Umwelt und damit sei­ne visu­el­le Iden­ti­tät. Beson­ders deut­lich wird ihm der Ver­lust sei­ner Gefühls­zu­stän­de bei beson­ders emo­tio­na­len Ereig­nis­sen, wie dem Son­nen­auf­gang, der ihm nun wie eine „rie­si­ge Atom­bom­ben­ex­plo­si­on“ erschien. (ebd. Sacks, S.33) Anto­nio Dama­sio berich­tet von ähn­li­chen Erfah­run­gen eines Far­ben­blin­den, für den selbst Neu­schnee noch ver­dreckt erschien. (Dama­sio, Anto­nio R. „Des­car­tes Irr­tum“, List Ver­lag Mün­chen, 1995, vgl. Cen­tral Achro­ma­t­op­sia)

Far­be und Ver­hal­ten

Es gilt als gesi­chert, dass die Farb­wahr­neh­mung dem Men­schen einen evo­lu­tio­nä­ren Vor­teil in sei­nem Lebens­raum bie­tet. (Pur­ves, Dale und Lot­to, R. Beau „Why We See What We Do“, Sinau­er Asso­cia­tes, Inc. USA 2003, S.103) So sind ess­ba­re Früch­te und vie­le Beu­te­tie­re oder auch Gefah­ren­quel­len für Far­ben­blin­de nicht zu erken­nen. Neben dem Über­le­ben der mensch­li­chen Spe­zi­es lässt sich auch die Fra­ge nach dem Zusam­men­hang zwi­schen dem Far­ben­se­hen und dem Erle­ben und Ver­hal­ten stel­len. Der far­ben­blin­de Maler wur­de zu einem Nacht­men­schen, wobei er sei­ne ver­bes­ser­te Ori­en­tie­rungs­fä­hig­keit im dunk­len Raum der Nacht zu nut­zen begann, er begab sich an däm­me­ri­ge Orte, deren Erschei­nungs­wei­sen mit sei­nem Raum­ge­fühl in Ein­klang stan­den. Die­se Nachträu­me exis­tie­ren bei allen Sehen­den, weil unse­re Farb­re­zep­to­ren in der Netz­haut erst bei einer hohen Licht­stär­ke aktiv wer­den, wäh­rend die Stäb­chen mit weit­aus gerin­ge­ren Licht­in­ten­si­tä­ten aus­kom­men. In der Nacht sind alle Men­schen far­ben­blind, was den Nachträu­men eine ande­re Iden­ti­tät ver­leiht, als sie den Tag­räu­men eigen ist. Sie erschei­nen uns in vie­len Hel­lig­keits­ab­stu­fun­gen zwi­schen Schwarz und Weiss und nicht in den Grau­stu­fen­bil­dern, die der far­ben­blin­de Maler bei Tag erlebt hat. Nachträu­me ähneln der Stim­mung von Schwarz-Weiss-Fil­men und -fotos, woge­gen sie in einem ent­färb­ten Farb­bild fremd wir­ken. Dadurch konn­te der far­ben­blin­de Maler allein in den Nachträu­men zurück zu sei­ner visu­el­len Iden­ti­tät fin­den. Er bezeich­ne­te sich als Nacht­men­schen und fing an, auch wei­ter ent­fern­te neue Orte gezielt bei Nacht zu erkun­den und konn­te dort auch sei­ne Arbeit als Maler wie­der auf­neh­men. (ebd. Sacks, S.65) Allein noch in der Dun­kel­heit der Nacht fühl­te er sich mit den Men­schen und Din­gen ver­traut, wes­halb er sich allein oder mit sei­nen Bekann­ten und Freun­den dort ganz unge­zwun­gen ver­hal­ten konn­te. Eine von Robert Boyle beschrie­be­ne Pati­en­tin mit Achro­ma­t­op­sie änder­te ihr Ver­hal­ten auch auf die­se Wei­se und ging nur noch in den Abend­stun­den spa­zie­ren, mit der Begrün­dung, dass sie sich aus­schließ­lich hier gut füh­len wür­de.

Far­be und Iden­ti­tät

Edwin Land, der sich auch als Erfin­der der Pola­ro­id-Kame­ra einen Namen mach­te, zeig­te bereits 1957 auf, dass Far­be und Licht kei­ne abso­lu­ten räum­li­chen Gege­ben­hei­ten sind, wie New­ton es noch annahm, son­dern dass die visu­el­le Wahr­neh­mung auf den Bezü­gen zwi­schen allen Tei­len des Seh­fel­des beruht. Die Farb- und Licht­ver­hält­nis­se einer homo­ge­nen Flä­che ändern sich mit der Trans­for­ma­ti­on ihrer Umge­bung, was auch als Simul­tan­kon­trast bekannt ist. Land demons­trier­te, dass sich bereits mit einem roten und einem grü­nen Farb­fil­ter und zwei aus leicht ver­scho­be­nen Win­keln auf­ge­nom­me­nen Bil­dern einer Situa­ti­on ein rea­lis­tisch erschei­nen­der Farb­ein­druck erzie­len lässt. Die Wel­len­län­ge des Lich­tes kor­re­liert nur unter künst­lich her­ge­stell­ten Norm­be­din­gun­gen mit der wahr­ge­nom­me­nen Far­be, da sie sich bei viel­far­bi­gen Erschei­nun­gen durch die Umge­bungs­far­ben ändert. Die Beob­ach­tun­gen von Land erhiel­ten mit der Ent­de­ckung ver­schie­de­ner visu­el­ler Area­le im Gehirn eine neu­ro­na­le Erklä­rung. Es gibt ein Are­al im Gehirn, wel­ches spe­zi­ell auf die Wel­len­län­ge der elek­tro­ma­gne­ti­schen Strah­lung der Umwelt anspricht, nach­dem die­se durch die Netz­haut der Augen in ent­spre­chen­de vom Gehirn deco­dier­ba­re Impul­se gewan­delt wur­de, das Hirn­rin­den­feld V1 und es gibt noch wei­te­re Area­le im asso­zia­ti­ven Kor­tex, dem Hirn­rin­den­feld V4, die für die Ent­ste­hung von Farb­er­leb­nis­sen unent­behr­lich sind. Die Zwi­schen­welt der spek­tra­len Infor­ma­ti­on aus dem visu­el­len Kor­tex dringt nur in Fol­ge der zereb­ra­len Achro­ma­t­op­sie in das Bewusst­sein eines Sehen­den. Anschau­lich wird die­ser Zwi­schen­be­reich an dem Ver­such des far­ben­blin­den Malers, eine Viel­zahl von ver­schie­den­far­bi­gen Garn­rol­len nach ihrer Hel­lig­keit zu ord­nen. Sei­ne Anord­nung erscheint dem Sehen­den in der direk­ten Betrach­tung falsch, da das Erleb­nis der Far­big­keit die Hel­lig­keits­wahr­neh­mung des Lich­tes beein­flusst. Eine Schwarz-Weiß-Abbil­dung sei­ner Anord­nung jedoch näher­te sich dem Gefühl des Sehen­den für die Hel­lig­keit des Lich­tes weit gehend an. (ebd. Sacks, S.36)

Mit dem Ver­lust der Far­be ver­schwand auch die Kon­stanz im visu­el­len Raum des Far­ben­blin­den, was bewirk­te, dass sich sei­ne Umge­bung bei einem Wech­sel der Beleuch­tungs­ver­hält­nis­se für ihn nun plötz­lich zu trans­for­mie­ren schien. Alle Din­ge ver­än­der­ten stän­dig ihre Erschei­nung und stan­den immer­fort in neu­en Bezie­hun­gen zuein­an­der, was ihm den Ein­druck einer insta­bi­len Welt ver­mit­tel­te. (ebd. Sacks, S.44) Die Far­be erhöht dem­nach nicht nur die Infor­ma­ti­ons­dich­te im visu­el­len Raum, sie ver­leiht die­sem kom­ple­xen Bezie­hungs­netz auch zusätz­li­che Sta­bi­li­tät. Mit jedem neu­en nutz­ba­ren Farb­ka­nal stei­gen die Kom­ple­xi­tät, die Sta­bi­li­tät und der Infor­ma­ti­ons­ge­halt unse­rer visu­el­len Reprä­sen­ta­ti­on von der Umwelt. Die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keit von Objek­ten, wie auch unse­re Ori­en­tie­rungs­fä­hig­keit ver­bes­sert sich mit der Far­big­keit des Lebens­rau­mes, was sich auch am Erle­ben und Ver­hal­ten von klei­nen Kin­dern zei­gen lässt. (Gib­son, James J.; „Die Sin­ne und der Pro­zess der Wahr­neh­mung“ (1966), Ver­lag Hans Huber Bern, 1973 sowie Gib­son, James J.; „Die Wahr­neh­mung der visu­el­len Welt“ (1950), Bel­tz Ver­lag Wein­heim und Basel1973) Wir reagie­ren schnel­ler auf far­bi­ge Ereig­nis­se, kön­nen bes­ser Bewe­gun­gen ver­fol­gen und For­men erken­nen, wir schme­cken, rie­chen, hören und tas­ten Far­be, so dass mit dem Ver­lust der Far­be auch ein Teil des erfah­re­nen Lebens­rau­mes auf­hört zu exis­tie­ren. Der far­ben­blin­de Maler ver­zich­te­te nach sei­ner Schä­di­gung lan­ge auf das Erleb­nis der Kunst, weil er den Ver­lust sei­nes Zugangs zur Ebe­ne der kul­tu­rel­len Aus­ein­an­der­set­zung des Men­schen mit der Far­be nicht ertra­gen konn­te.

Das Schick­sal des far­ben­blin­den Malers zeigt deut­lich, dass die Far­big­keit der Umwelt eine Kon­struk­ti­on des mensch­li­chen Gehirns ist, eine Fähig­keit, die er mit ande­ren Lebe­we­sen teilt. Aus weni­gen pho­to­che­misch sen­si­blen Zel­len lei­tet sich bereits die Fähig­keit der nie­de­ren Tie­re ab, ihr Ver­hal­ten auf die Licht­si­tua­tio­nen der Umge­bung ein­zu­stel­len, doch kön­nen wir erst vom Sehen spre­chen, wenn Orga­nis­men die vor­ge­fun­de­nen Licht­ver­hält­nis­se in der Umwelt­si­tua­ti­on mit bereits erleb­ten ver­glei­chen und ihr Han­deln danach aus­rich­ten kön­nen. Die Iden­ti­tät unse­res gesam­ten Lebens­rau­mes, ein­schließ­lich sei­ner gegen­ständ­li­chen Erschei­nungs­wei­se ist mit dem Erleb­nis der Far­be ver­bun­den. Unse­re Umwelt erscheint uns in ihrer Far­big­keit gege­ben, wie sie auch in ihrer Stoff­lich­keit, in ihrem Geruch und Geschmack und in ihrem Klang exis­tiert. Eine Ober­flä­che ohne die gewohn­te Far­be ver­liert ihre Iden­ti­tät und erscheint uns künst­lich und fremd, ein Gefühl, wel­ches dem von Geburt an Far­ben­blin­den fremd ist. Die­se Ver­hal­tens­än­de­run­gen des far­ben­blin­den Malers ver­lo­ren sich bei ihm mit der Gewöh­nung an den Zustand der Far­ben­blind­heit, die mit dem nach­las­sen­den Gefühl der Ent­frem­dung in eine voll­stän­di­ge Far­ben­a­mne­sie über­ging. Sei­ne Träu­me, Vor­stel­lun­gen und Wahr­neh­mun­gen erschie­nen ihm zuneh­mend wirk­li­cher. Erst dann war es so, als hät­te es nie Far­ben in sei­nem Leben gege­ben. (Sacks, S.69) Ver­misst hat er in der Zeit nach dem Unfall nicht die Far­be selbst, da sich die­se voll­stän­dig sei­nem Vor­stel­lungs­ver­mö­gen ent­zog, ver­misst hat er die Gefüh­le, die sich mit der far­bi­gen Erschei­nungs­wei­se der Umwelt beim Men­schen ein­stel­len. Far­be ist eine Gefühls­qua­li­tät, die, wie auch ande­re emo­tio­na­le Befind­lich­kei­ten, unser Sein in der Umwelt auf ihre eige­ne Wei­se bestimmt.

Farb­ord­nung und Model­le

Farb- und Licht­mo­del­le stel­len immer eine Reduk­ti­on der Kom­ple­xi­tät unse­rer visu­el­len Reprä­sen­ta­ti­on von Raum dar, sie sind Sys­te­me, deren Aus­sa­gen immer nur inner­halb der fest­ge­leg­ten Sys­tem­gren­zen Gül­tig­keit besit­zen. Für Farb- und Licht­sys­te­me kön­nen das nur Labor­be­din­gun­gen sein, in denen die Kom­ple­xi­tät der visu­el­len Welt aus­ge­blen­det wird, um dadurch spe­zi­fi­sche Bezie­hun­gen sicht­bar wer­den zu las­sen. Wie es das gezeig­te Bei­spiel des far­ben­blin­den Malers ver­deut­licht, führt die Tren­nung von Farb­wahr­neh­mung und der damit ver­bun­de­nen Bedeu­tung auf neu­ro­na­ler Ebe­ne zur Far­ben­blind­heit. Dar­um ist es auch in der Pra­xis unmög­lich, die Aus­sa­gen von Farb- und Licht­sys­te­men zu ver­all­ge­mei­nern. Eine modell­haf­te Vor­stel­lung der Begriff­lich­kei­ten von Far­be und Licht stellt kein Abbild der Wirk­lich­keit dar, son­dern es ver­an­schau­licht das, was den Erfah­run­gen vie­ler gemein­sam ist. Model­le beru­hen immer auf Abs­trak­tio­nen von kon­kre­ten Erleb­nis­sen zu sym­bol­haf­ten Ver­all­ge­mei­ne­run­gen, womit sie zur Grund­la­ge der Begriffs­bil­dung und damit der Kom­mu­ni­ka­ti­on wer­den kön­nen. Neben den Bedin­gun­gen ihrer eige­nen Kon­struk­ti­on kön­nen sie nur quan­ti­ta­ti­ve Aus­sa­gen über das machen, was beim Sehen­den bereits an qua­li­ta­ti­ven Bedeu­tun­gen vor­han­den sein muss. Ohne das Gefühl für die Erschei­nungs­wei­sen von Far­be und Licht in unse­rer Umwelt ist jede Aus­sa­ge eines Farb- und Licht­sys­tems leer, was Blind­ge­bo­re­nen ver­wehrt, dar­über irgend etwas über die Natur von Far­be und Licht zu erfah­ren.

Der Ver­such, Farb- und Licht­mo­del­le von unse­rer Erfah­rung zu lösen und als eigen­stän­di­ge Erkennt­nis­sys­te­me zu defi­nie­ren, wirkt absurd, wie das Bei­spiel der deut­schen DIN-Norm zeigt: „Far­be ist die­je­ni­ge Gesichts­emp­fin­dung eines im Auge struk­tur­los erschei­nen­den Tei­les des Gesichts­fel­des, durch die sich die­ser Teil bei ein­äu­gi­ger Beob­ach­tung mit unbe­weg­tem Auge von einem gleich­zei­tig gese­he­nen, eben­falls struk­tur­lo­sen angren­zen­den Bezirks allein unter­schei­den kann“. Nur ein ein­äu­gi­ger und nahe­zu erblin­de­ter Mensch, wel­cher die Welt von Geburt an als dif­fu­ses Feld von Hel­lig­kei­ten und Fär­bun­gen erlebt hat, und der auch noch so voll­stän­dig gelähmt sein müss­te, dass ihm kei­ne Kör­per- und Augen­be­we­gun­gen mehr mög­lich wären, könn­te die­se Vor­be­din­gun­gen erfül­len. Das ruhen­de Auge sieht nichts, da erst durch die stän­di­ge Bewe­gung der Rezep­to­ren, das so genann­te Augen­zit­tern, die Unter­schie­de im visu­el­len Feld regis­triert wer­den kön­nen. Far­be und Licht sind kei­ne objek­tiv beschreib­ba­ren Mess­grö­ßen, da sie ihre Bedeu­tung erst durch den Ver­gleich erhal­ten, dem Her­stel­len von Bezie­hun­gen zu Gedächt­nis­in­hal­ten und zur gesam­ten sicht­ba­ren Umge­bung. Der Ver­gleich all die­ser Ein­fluss­grö­ßen mün­det nicht in einer ein­deu­ti­gen Aus­sa­ge, son­dern in einem Gefühl für die Situa­ti­on. Alle natur­wis­sen­schaft­li­chen Beschrei­bungs­sys­te­me für Far­be und Licht, wie die Spek­t­ral­theo­rie der Bre­chung, Reflek­ti­on und Absorp­ti­on von Licht­wel­len, die Theo­rie der Farb­mi­schung durch Addi­ti­on und Sub­trak­ti­on, wie auch die Theo­rie eines Farb­rau­mes, der von den Dimen­sio­nen des Bunt­tons, der Hel­lig­keit und der Sät­ti­gung auf­ge­spannt wird, ermög­li­chen uns die Sys­te­ma­ti­sie­rung ein­zel­ner Aspek­te unse­rer visu­el­len Erleb­nis­se zum Zweck der quan­ti­fi­zie­ren­den Beschrei­bung in Form von logi­schen Model­len. Bereits Scho­pen­hau­er hielt es für mög­lich, dass ein hoch­in­tel­li­gen­ter Blin­der, auf­grund von Aus­sa­gen ande­rer Per­so­nen über die Far­be, selbst­stän­dig eine Far­ben­leh­re kon­stru­ie­ren könn­te. (ebd. Sacks, S.64) Die­se quan­ti­fi­zie­ren­den Beschrei­bun­gen sind leis­tungs­fä­hig, weil sie dem sub­jek­ti­ven Erleb­nis­ge­halt der Phä­no­me­ne Far­be und Licht eine Begriff­lich­keit ver­lei­hen, wel­che die Arbeit mit Farb­mit­teln auf eine ein­heit­li­che kom­mu­ni­zier­ba­re Grund­la­ge stellt. In der Farb­ma­trix des Com­pu­ter­dis­plays oder den Pig­men­ten der Druck­far­be ist die Erschei­nung längst von ihrer Exis­tenz als Ober­flä­che geschie­den. Die ästhe­ti­schen Erwar­tun­gen an die Erschei­nungs­wei­sen unse­res Lebens­rau­mes befin­den sich durch die neu­en tech­ni­schen Frei­hei­ten in der Gestal­tung unse­rer Umwelt im Umbruch. Far­be und Licht blei­ben dar­in die Ver­mitt­ler einer Wirk­lich­keit, in der das Gefühl allein noch qua­li­ta­ti­ve Aus­sa­gen über das Ver­hält­nis von Mensch und Umwelt zulässt. Das beginnt beim Kauf eines Apfels und reicht bis zur Gestal­tung unse­rer Lebens­welt.

Farb­ord­nung und Bedeu­tung

Jede Far­be exis­tiert in einem sub­jek­ti­ven Bedeu­tungs­raum, des­sen Erleb­nis­ge­halt auf die Erin­ne­rung an ver­gan­ge­ne Ereig­nis­se zurück­geht. Der blaue Him­mel an der See, die blaue Schür­ze der Mut­ter und die blau­en Augen des Lieb­lings­schau­spie­lers ver­dich­ten sich zum Gefühl des­sen, was den Bedeu­tungs­raum der Far­be Blau beschreibt. Das Blau­sein, Grün­sein, Rot­sein usw. der Din­ge lässt sich bereits von jedem Klein­kind auf die­se Wei­se von­ein­an­der abgren­zen, obgleich die gefühl­ten Bezie­hun­gen inner­halb der Erschei­nungs­wei­se eige­nen Lebens­raums immer vor dem Hin­ter­grund der topo­gra­phi­schen, kli­ma­ti­schen, kul­tu­rel­len und sozia­len Hin­ter­grund­be­din­gun­gen des Ein­zel­nen oder der Gemein­schaft betrach­tet wer­den müs­sen. Die Qua­li­tä­ten jeder Farb- und Licht­erschei­nung las­sen sich aus unse­rem Gefühl für deren Bedeu­tun­gen beschrei­ben, wie die Inten­si­tät und Leucht­kraft einer Far­be immer rela­tiv zu den bereits erfah­re­nen Erschei­nungs­wei­sen erlebt wird. Wei­ße, gel­be und oran­ge Farb­tö­ne leuch­ten für uns mehr als schwar­ze, vio­let­te oder brau­ne, so dass sich hier kein linea­rer Zusam­men­hang zwi­schen der gefühl­ten Hel­lig­keit oder Inten­si­tät und der mess­ba­ren und daher natur­wis­sen­schaft­lich beschreib­ba­ren her­stel­len lässt. Die visu­el­le Reprä­sen­ta­ti­on der Erschei­nungs­wei­sen von Far­be und Licht beruht auf den Bezie­hun­gen zwi­schen dem eige­nen Kör­per und sei­ner Umwelt. Ord­nen las­sen sich die visu­el­len Bezie­hun­gen inner­halb der Umwelt, soweit sich der Zusam­men­hang zwi­schen Ursa­che und Wir­kung in Model­len dar­stel­len und ver­an­schau­li­chen lässt. Ord­nung lässt sich auch in unse­re Gefüh­le brin­gen, wobei wir die Ursa­chen in den Bedeu­tun­gen der Erschei­nun­gen von Far­be und Licht für unse­re kör­per­li­che Exis­tenz zu suchen haben. Die Umwelt dient dem Men­schen als Gedächt­nis­spei­cher, wie Gegen­furt­ner es for­mu­liert, denn die Kapa­zi­tä­ten unse­res Gehirns sind begrenzt. (Gegen­furt­ner, Karl R „Gehirn und Wahr­neh­mung“, Fischer Taschen­buch Ver­lag 2003) Beim Sehen sind unge­fähr 60% der Groß­hirn­rin­de des Men­schen aktiv, so dass die Fra­ge bleibt, was von den bereits erleb­ten Situa­tio­nen eigent­lich in unse­rem Gedächt­nis gespei­chert sein kann und ob dort nicht nur ein ver­schwin­dend gerin­ger Teil unse­rer Ver­gan­gen­heit prä­sent ist, der sich erst in der leben­di­gen Begeg­nung immer wie­der neu mani­fes­tiert. Wie vie­le Erschei­nun­gen kom­men uns ver­traut vor, wenn wir sie erneut oder in ande­rem Zusam­men­hang sehen und wie viel davon kön­nen wir uns in der Vor­stel­lung ver­ge­gen­wär­ti­gen. Wir tra­gen vie­le Erin­ne­run­gen an ver­gan­ge­ne Erleb­nis­se in uns, doch das unend­li­che Reser­voir des vor­stell­ba­ren und wahr­nehm­ba­ren Raums exis­tiert außer­halb von uns selbst. Die leben­di­ge Bezie­hung zwi­schen unse­rem Lebens­raum und unse­rem Kör­per wird in jedem neu­en Erleb­nis von Far­be und Licht über die Augen her­ge­stellt und fin­det sich im Gefühl für die Situa­ti­on reprä­sen­tiert.

 

Wei­ter­füh­ren­de Lite­ra­tur »Die Bil­dung der räum­lich-visu­el­len Kom­pe­tenz«

15.12.06 in
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