Farbe bildet!

Eröffnungsvortrag internationale Konferenz "Farbe in der Bildung" Halle 2010

Die zentrale Frage der Konferenz lautet, wie wir uns das Verständigungs- und Erkenntnis sowie Problemlösungs- und Vermittlungspotential der Farbe für die ganzheitliche Bildung des menschlichen Individuums in jeder Phase seines Entwicklungsprozesses nutzbar machen können.

FARBE BILDET BEWUSSTSEIN

Erst durch die all­seit­ige Betä­ti­gung des Ver­standes, der Phan­tasie und der sinnlichen Anschau­ung entwick­elt sich bei jedem Men­schen ein Bewusst­sein von seinen indi­vidu­ellen Möglichkeit­en zur Mit­gestal­tung der eige­nen Exis­tenz in der soziokul­turellen Umwelt. Ger­ade der ganzheitliche Ansatz des auf Alexan­der von Hum­boldt zurück­ge­hen­den Bil­dungs­be­griffes erhält heute Unter­stützung durch aktuelle Erken­nt­nisse aus der neu­ropsy­chol­o­gisch begrün­de­ten Lern­forschung. Hier­durch erhält der Prozess der Bewusst­seins­bil­dung eine zen­trale Stel­lung im wis­senschaftlichen Bil­dungs­diskurs und der päd­a­gogis­chen Prax­is. Aufmerk­samkeit und Inter­esse bilden die Voraus­set­zung für bewusste Wahrnehmungen, Empfind­un­gen, Erin­nerun­gen und gedankliche Über­legun­gen, wie auch für Bew­er­tun­gen, Pla­nun­gen und Konzepte. Der Begriff des Bewusst­seins ist kein Abstrak­tum, da er sich auss­chließlich über konkrete Inhalte beschreiben lässt, was unserem wichtig­sten Sin­nesmedi­um, der Farbe, eine zen­trale Stel­lung zuweist.

FARBE BILDET HANDLUNGS- UND VERHALTENSMOTIVATION

Far­ben erscheinen uns atmo­sphärisch aufgelöst oder kör­per­haft mate­ri­al­isiert. Ihre for­malen Eigen­schaften lassen sich sys­temisch über Attribute, wie Hel­ligkeit, Bun­theit, Inten­sität, Sät­ti­gung, Tem­per­atur, Trans­parenz und viele mehr beschreiben, während ihre inhaltlichen Eigen­schaften über den Zeichen­bezug geregelt wer­den. Danach prä­gen Far­ben unsere Erwartun­gen an die Mate­ri­al­ität, den Geschmack, den Geruch, den Klang und das Ver­hal­ten der Dinge, deren Inten­tion­al­ität unseren Hand­lungsspiel­raum beschreibt. Haben wir aus dem Wech­sel­spiel der Sinne, des Ver­standes und dem Gefühl erst ein­mal eine Grund­vorstel­lung von unser­er Lebenswelt entwick­elt, kön­nen wir auch nicht mehr davon abse­hen, die dynamis­chen Far­bkon­fig­u­ra­tio­nen vor unseren Augen oder inner­halb unser­er Phan­tasie als Hand­lungsträger zu betra­cht­en. Far­ben sind Gesten, wo immer sie auf Ver­hal­tenszustände ver­weisen. Nicht die Farbe an sich, son­dern die Farb­wech­sel bilden den Aus­gangspunkt unser­er Inter­pre­ta­tion­sleis­tun­gen, auf deren Grund­lage wir uns eine funk­tion­ierende Gedächt­nis­repräsen­ta­tion von der eige­nen Exis­tenz in der Umwelt bilden.

FARBE BILDET ORIENTIERUNG

Aktuelle Forschungsergeb­nisse der Neu­ropsy­cholo­gie zeigen, dass der Men­sch etwa 80% aller Infor­ma­tio­nen über das Sin­nesmedi­um Farbe erhält, deren Ver­ar­beitung die Gehirn­leis­tun­gen zu etwa 60% in Anspruch nimmt. Sobald der Men­sch die Augen öffnet, befind­et er sich über 250 Mil­lio­nen Sehzellen in einem per­ma­nen­ten Infor­ma­tion­saus­tausch mit der Umwelt. Nicht ein­mal 10% davon kön­nen das Spek­trum des Licht­es in Farb­sig­nale wan­deln, doch konzen­tri­eren sich diese im fovealen Zen­trum der Net­zhaut, über das wir unsere Augen­be­we­gun­gen steuern. Wie die Spitze eines Fin­gers bewe­gen wir die Fovea über Farbflächen und deren Gren­zen und zeich­nen hier­aus Buch­staben, For­men und Räume, deren Verän­derun­gen uns als Bewe­gung erfahrbar wer­den. Farbe schafft Ori­en­tierung und steuert hier­durch unsere Aufmerk­samkeit sowie das Inter­esse an dem uner­schöpflichen Infor­ma­tionspo­ten­tial der Umwelt, zu dem uns das Licht einen Zugang ver­schafft. Far­ben bilden das Infor­ma­tion­s­medi­um für die Inter­pre­ta­tion­sleis­tun­gen, aus deren Gesamtheit sich jedes Indi­vidu­um ein dynamis­ches Bild sein­er Lebenswirk­lichkeit entwirft.

FARBE BILDET SPRACHE

Während die Laut­sprache in all ihren For­men schon seit langem im Zen­trum des Bil­dungs­diskurs­es ste­ht, wer­den wir mit der Kon­ferenz den Fokus auf den non­ver­balen Bere­ich der zwis­chen­men­schlichen Kom­mu­nika­tion leg­en, in der das Phänomen Farbe eine Schlüs­sel­stel­lung besitzt. Nicht die Laut­sprache bes­timmt die Form der men­schlichen Erfahrung und Erken­nt­nis, son­dern die sinnlich spür­baren und erkennbaren Inhalte. Ohne einen anschaulichen Erfahrung­sh­in­ter­grund bleiben Worte inhalt­sleer und zusam­men­hang­los. Der sicht­bare Teil der Umwelt ist voll­ständig aus­ge­füllt mit Far­ben, deren Bedeu­tung­sh­in­ter­grund und Verknüp­fungsstruk­tur die leis­tungs­fähig­ste Erfahrungs­ma­trix sowie das größte »Wis­senspo­ten­tial« des Men­schen darstellen. Allein diese Tat­sache bietet Anlass und Auf­forderung zugle­ich für eine auf Ori­en­tierung, Erken­nt­nis und Ver­ständi­gung aus­gerichtete Diskus­sion und Neube­w­er­tung des Phänomens Farbe im aktuellen Bil­dungs­diskurs. Wie kein anderes Sin­nesmedi­um bes­timmt die Farbe unser Erfahrungswis­sen und hierüber auch die Sinnstruk­tur der Wort­sprache. Begriffe ohne Anschau­un­gen sind leer.

FARBE BILDET IDENTITÄT

Jed­er sehfähige Men­sch erforscht mit dem ersten Öff­nen der Augen das Erken­nt­nis­po­ten­tial der Farbe im All­t­ag. Bere­its vor dem Spracher­werb begin­nt das Kleinkind mit der Kon­struk­tion sein­er Vorstel­lun­gen von der eige­nen Lebenswirk­lichkeit, die sich ihm in den Far­ben der Umge­bung repräsen­tiert. Die anschaulichen Erfahrun­gen aus dem Prozess der mul­ti­sen­suellen Auseinan­der­set­zung mit der Leben­sumwelt prä­gen die Raumvorstel­lun­gen, das Ori­en­tierungsver­mö­gen und die eigene Iden­tität, die danach zeitlebens erweit­ert und aktu­al­isiert wer­den. Wir sehen zu jed­er Zeit auss­chließlich das Ergeb­nis unser­er Inter­pre­ta­tion­sleis­tun­gen, weshalb die For­ten­twick­lung unsres Welt- und Per­sön­lichkeits­bildes einen lebenslan­gen Bil­dung­sprozess erfordert. Farbe ist ein glob­ales Ver­ständi­gungsmedi­um, über das uns die Eigen­heit­en und Gemein­samkeit­en aller Kul­turen sicht­bar und erkennbar wer­den. Farbe erlaubt uns den non­ver­balen Aus­tausch und die Gestal­tung von Ideen. Farbe verbindet.

FARBE BILDET BRÜCKEN

Die Kul­tur der Farbe verbindet Wis­senschaft und Kun­st, da sich das Medi­um in Abhängigkeit von der Per­spek­tive gle­icher­maßen als Wellen­länge, Energiefre­quenz, Infor­ma­tionspo­ten­tial oder Gestal­tungs­ma­te­r­i­al betra­cht­en lässt. Farbe ist das Grund­ma­te­r­i­al der empirischen Beobach­tung sowie der bild­ner­ischen Kun­st. Farbe entste­ht im Gehirn und existiert eben­so außer­halb des men­schlichen Bewusst-seins als Anschau­ungs­form unser­er natür­lichen und soziokul­turellen Lebenswelt. Farbe repräsen­tiert das anschauliche Gedächt­nis der Men­schheit und verbindet Ästhetik und Funk­tion. Farbe macht uns und anderen die innere Welt der Gedanken und Emo­tio­nen sicht­bar und bildet hier­durch die wichtig­ste non­ver­bale Grund­lage der zwis­chen­men­schlichen Kom­mu­nika­tion. Wir nutzen Farbe daher in allen Bere­ichen der Gesellschaft und set­zen sie je nach Anforderung ein, um Prozesse zu erken­nen, Prob­leme zu lösen und Inhalte zu ver­mit­teln.

KONSEQUENZ

Die zen­trale Frage der Kon­ferenz lautet daher, wie wir uns das Ver­ständi­gungs- und Erken­nt­nis sowie Prob­lem­lö­sungs- und Ver­mit­tlungspo­ten­tial der Farbe für die ganzheitliche Bil­dung des men­schlichen Indi­vidu­ums in jed­er Phase seines Entwick­lung­sprozess­es nutzbar machen kön­nen.

  1. Pub­lika­tion in Phänomen Farbe, ISBN 978–3-00–036547-8
  2. Schrödel Kun­st­por­tal, Kreativkartei
  3. [down­load id=“19” format=“2”]
  4. Col­or Forms… (Eng­lish pub­li­ca­tion of the arti­cle)
  5. Link zum Mag­a­zin und down­load Artikel +report+ Chemie und angren­zende Natur­wis­senschaften
06.12.10 in Wissenstransfer
Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Kommentarfunktion wurde deaktiviert

Artikel der gleichen Kategorie