Wahr­neh­mung und Wirk­lich­keit

Wie real ist die Welt, wenn sich unsere Lebenswirklichkeit mit der Erfahrung wandelt?

Die wissenschaftliche Beobachtung und künstlerische Gestaltung unserer Lebensumwelt dient nicht der Bestätigung unserer Konventionen, sondern der Provokation von Widersprüchen. Nur so können wir und Andere etwas davon lernen.

Die Tren­nung zwi­schen Kör­per und Geist lässt sich auf den Gebrauch von zwei unter­schied­li­chen Beschrei­bungs­sys­te­men zurück­füh­ren, die uns bis heu­te unver­ein­bar schie­nen. Seit kur­zer Zeit lie­gen uns empi­ri­sche Ergeb­nis­se zu den bio­ky­ber­ne­ti­schen Pro­zes­sen in unse­rem Gehirn vor, die in Wech­sel­wir­kung mit unse­ren Erleb­nis- und Ver­hal­tens­zu­stän­den unter­sucht wer­den kön­nen. Danach ver­kör­pert sich unser Geist auf die glei­che Wei­se, wie sich unser Kör­per ver­geis­tigt. Ursa­che und Wir­kung oder Akti­on und Reak­ti­on ste­hen in einem kau­sa­len Ver­hält­nis. Aus den Wir­kun­gen von Gehirn­schä­di­gun­gen auf unse­re Wirk­lich­keits­vor­stel­lun­gen wer­den die Bin­dun­gen zur mate­ri­el­len Sub­stanz unse­res Ner­ven­sys­tems erkenn­bar. Wir kön­nen beob­ach­ten, in wel­cher Form unser Wis­sen sowie die Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten zu des­sen Anwen­dung die anschau­li­che Wahr­neh­mung, Vor­stel­lung und Dar­stel­lung bestim­men.

Durch die spe­zi­fi­schen Leis­tungs­dis­po­si­tio­nen unse­res Ner­ven­sys­tems leben wir jeder in einer der unzäh­li­gen mög­li­chen Wel­ten, deren Abgleich per­ma­nent über alle For­men der Umwelt­kom­mu­ni­ka­ti­on erfolgt. Men­schen, deren räum­lich-visu­el­le Kom­pe­tenz in Fol­ge einer Gehirn­schä­di­gung beein­träch­tigt wur­de, pas­sen ihre Wirk­lich­keits­vor­stel­lung an die noch funk­ti­ons­fä­hi­gen Leis­tungs­dis­po­si­tio­nen ihres Gehirns an. Sie besei­ti­gen die Wider­sprü­che im Erklä­rungs­mo­dell ihrer Lebens­wirk­lich­keit und stel­len hier­über ihre Denk- und Hand­lungs­fä­hig­keit wie­der her. Pro­ble­ma­tisch wird es nur dann, wenn ihre neue Welt im Wider­spruch zur gesell­schaft­lich akzep­tier­ten Rea­li­tät steht.

Die Ein­zig­ar­tig­keit unse­rer Welt­sicht wird deut­lich, wo immer unse­re Denk- und Hand­lungs­wei­sen Wider­sprü­che pro­vo­zie­ren. Nor­mal ist das Gewohn­te. Rea­li­tät dage­gen bezeich­net unse­re Kon­ven­tio­nen oder die Ver­stän­di­gung inner­halb von Gesell­schaf­ten auf ein gemein­sa­mes wis­sen­schaft­lich oder reli­gi­ös fun­dier­tes Denk- und Hand­lungs­mo­dell. Sobald wir akzep­tie­ren, dass jeder Mensch eine ande­re Welt wahr­nimmt, kön­nen wir uns die Diver­genz der indi­vi­du­el­len Stand­punk­te und Sicht­wei­sen gezielt für die metho­di­sche För­de­rung der Intel­li­genz- und Kom­pe­tenz­ent­wick­lung nutz­bar machen.

Publi­ka­ti­on »Die Bil­dung der räum­lich-visu­el­len Kom­pe­tenz«

21.12.10 in Wissenstransfer
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