Neu­erschei­nung »Stadt­far­ben«

Buchpublikation Mai 2013 Kapitel "Farbe als Gedächtnisspur" Axel Buether

Farbe als Zugang zum anschaulichen Wissensarchiv unserer Städte / Farbe und Bewusstsein / Der Stadtraum als externer Gedächtnisspeicher / Farbe und Gedächtnis

Inhalt

006 Ein­lei­tung – Ansichts-Sachen oder Urban Inter­face? Mar­kus Schle­gel
010 Urban Coding: Städ­te sind Zei­chen­sys­te­me, Ger­dum End­ers
024 Far­be als Gedächt­nis­spur, Axel Bue­ther
034 Die Bedeu­tung von his­to­ri­schen Stadt­räu­men in Gegen­wart und Zukunft, Chris­toph Ger­lach
044 Lieb­lings­plät­ze – Wün­schens­wer­te Sze­na­ri­en für Stadt­räu­me
inner­halb einer zukunfts­fä­hi­gen Stadt, Sabi­ne Forai­ta
056 Far­be und Atmo­sphä­re im städ­ti­schen Raum, Rai­ner Kazig
060 Das Poten­zi­al des Mate­ri­als für Archi­tek­tur und Stadt­räu­me, Han­nes Bäu­er­le | Joa­chim Stumpp
066 Farb­mas­ter­pla­nung erfolg­reich kom­mu­ni­zie­ren: Wie Bür­ger und Eigen­tü­mer betei­ligt wer­den kön­nen, Olaf-Axel Burow
078 Der Pro­zess FMP „Farb­mas­ter­plan“, Mar­kus Schle­gel
102 Farb­ge­stal­tung im öffent­li­chen Woh­nungs­bau, Ste­fan Fölsch | Georg Unger |
Axel Nething und Oli­ver Schmidt | Mar­git Voll­mert und Car­men Rubi­n­ac­ci
122 Farb­ge­stalung im pri­va­ten Woh­nungs­bau, Dani­el Arnold
126 Farb­mas­ter­pla­nung ver­sus Städ­te­bau, Diet­mar Weber | Sabi­ne Gutt­mann | Thors­ten Warne­cke | Rein­hard Mai­er | Mari­on Spa­ni­er-Hes­sen­bruch
148 Stadt­räu­me sind Pro­gno­sen! Plä­doy­er für eine nach­hal­ti­ge Stadt­pla­nung, Mei­ke Weber
152 Fazit, Ger­hard Fuchs

Aus­zug aus dem Buch­bei­trag »Far­be als Gedächt­nis­spur«, Axel Bue­ther

Far­be als Zugang zum anschau­li­chen Wis­sens­ar­chiv unse­rer Städ­te

Aktu­el­le For­schungs­er­geb­nis­se der Neu­ro­psy­cho­lo­gie zei­gen, dass der Mensch etwa 80 % aller Infor­ma­tio­nen über das Sin­nes­me­di­um Far­be erhält, deren Ver­ar­bei­tung die Gehirn­leis­tun­gen zu etwa 60 % in Anspruch nimmt. Sobald der Mensch die Augen öff­net, befin­det er sich über 250 Mil­lio­nen Seh­zel­len in einem per­ma­nen­ten Infor­ma­ti­ons­aus­tausch mit der Umwelt.1 Nicht ein­mal 10 % davon kön­nen das Spek­trum des Lich­tes in Farb­si­gna­le wan­deln, doch kon­zen­trie­ren sich die­se im fovea­len Zen­trum der Netz­haut, über das der moto­ri­sche Cor­tex die Augen­be­we­gun­gen steu­ert. Wie die Spit­ze unse­res Zei­ge­fin­gers bewe­gen wir den Blick per­ma­nent über das zeit­räum­lich struk­tu­rier­te Netz aus Farb­flä­chen und zeich­nen hier­aus Buch­sta­ben, For­men und Räu­me. Jede Ver­än­de­rung der Farb­struk­tur ver­weist auf Bewe­gun­gen, in denen wir kon­kre­te Ver­hal­tens­zu­stän­de und Hand­lungs­zu­sam­men­hän­ge wie­der­erken­nen. Im Grenz­ver­lauf zwi­schen den kon­tras­tie­ren­den Farb­flä­chen zei­gen sich Spu­ren, über die wir Bedeu­tun­gen lesen, ganz gleich ob es sich um Wor­te oder Bil­der han­delt.

Unse­re Städ­te funk­tio­nie­ren wie Biblio­the­ken, in denen uns die eige­ne Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft ables­bar wird, inso­weit wir die sprach­li­che Struk­tur der Farb­codes ver­ste­hen und auf die davon bezeich­ne­ten Bedeu­tun­gen zurückführen kön­nen. Im Gegen­satz zu den Buch­sta­ben eines Tex­tes exis­tie­ren Lini­en in der Umwelt fast aus­schließ­lich durch den Kon­trast ver­schie­de­ner Farb­flä­chen, deren ein­fachs­tes Unter­schei­dungs­prin­zip auf die Abgren­zung von Kör­per und Grund zurückgeht. In dem Maß, in wel­chem wir bei der Gestal­tung der Stadt­räu­me auf Farb­kon­tras­te ver­zich­ten, ver­schmel­zen die Ein­zel­for­men unter­ein­an­der zu neu­en Ganz­hei­ten. Oft­mals bil­den sich hier­durch rie­si­ge Fas­sa­den­flä­chen, Mas­sen und Volu­men. Wäh­rend sich jede Linie deut­lich auf dem Plan abzeich­net, ver­schwin­det sie voll­stän­dig, sobald zwei Flä­chen glei­cher Far­be anein­an­der­gren­zen. Die Kom­po­si­ti­on von Farb­flä­chen zuein­an­der und zum Gan­zen bestimmt die Les­bar­keit der topo­lo­gi­schen, typo­lo­gi­schen, ges­ti­schen und per­spek­ti­vi­schen Zei­chen­struk­tur. Aus den Eigen­hei­ten spe­zi­fi­scher Fas­sa­den gehen Bau­kör­per her­vor, wäh­rend Ein­zel­bau­wer­ke in der Sil­hou­et­te von Straßenzügen unter­ge­hen. Im Stadt­raum defi­nie­ren sich die anschau­li­chen Raum­be­schrei­bungs­grö­ßen wie Gestalt, Glie­de­rung, Maß­stäb­lich­keit, Pro­por­ti­on und Per­spek­ti­ve über die Kon­trast­wir­kun­gen der Far­ben im Licht.

Nicht die Far­be an sich, son­dern die far­bi­ge Codie­rung unse­res gesam­ten sozio­kul­tu­rel­len Lebens­raums schafft die Vor­aus­set­zung für die Inter­pre­ta­ti­ons­leis­tun­gen des Gehirns. Dabei gehört der unbun­te Farb­raum zwi­schen dem Hell und Dun­kel eben­so zum Spek­trum des sicht­ba­ren Lich­tes, wie die vie­len Mil­lio­nen von Bunt­far­ben, die unser visu­el­les Sys­tem durch Abgren­zung und Ver­gleich unter­schei­den kann. Durch die Abgren­zung der Farb­flä­chen bil­den sich For­men und Mus­ter, deren Aus­deh­nung wir in Raum und Zeit wahr­neh­men. Wir kön­nen in der glei­chen Betrach­tungs­zeit wesent­lich mehr Infor­ma­tio­nen aus dem ener­ge­ti­schen Spek­trum der Umwelt gewin­nen, wenn wir bei der Deu­tung neben den Hel­lig­keits- zugleich auch auf die Bunt­ton­kon­tras­te zurückgreifen kön­nen. Die­ser evo­lu­tio­nä­re Vor­teil spie­gelt sich in der Gestal­tung unse­res Kul­tur­raums und den dazu­ge­hö­ri­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­men auf anschau­li­che oder viel­far­bi­ge Wei­se wider.

Mehr dazu in der Buch­pu­bli­ka­ti­on:

Stadt­far­ben

Stra­te­gi­sche und zukunfts­fä­hi­ge Pla­nung von Stadt­raum und Atmo­sphä­re durch Farb­mas­ter­pla­nung

Socie­täts-Ver­lag 2013, Schrif­ten­rei­he Leben­di­ge Stadt Band 8

ISBN 978−3−942921−87−9

30.05.13 in Forschung, Wissenstransfer
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