Architektur Ganztags — Spielräume für baukulturelle Bildung

Buchbeitrag: Visuelle Kommunikation im Raum.

Von den Formen der Anschauung zur Sprache der Formen. Der Formenreichtum des Natur- und Kulturraums wird für den Beobachter zu einer Quelle von neuen Erkenntnissen, sobald er diese als Angebot zum Dialog versteht, indem er zugleich Fragen stellen und nach Antworten suchen kann.

Tagung im Deutschen Architek­tur­mu­se­um (Foto © Deutsches Architek­tur­mu­se­um)

Die Form der Anschauung — (Wahr)nehmen, (Er)fassen, (Be)greifen, (Über)legen, (Vor)stellen

Der Form­be­griff kennze­ich­net den Prozess der mul­ti­sen­sualen Auseinan­der­set­zung des Men­schen mit den materiellen und ener­getis­chen Struk­turen der Umwelt, durch den die eigene Exis­tenz Gestalt annimmt, Charak­ter, Anse­hen und Wer­tung erhält sowie Bild, Entwurf, Zahl, Geome­trie, Mod­ell und Vorstel­lung wird. Diese aus dem lateinis­chen abgeleit­ete Bedeu­tungsvielfalt des Form­be­griffes existiert bis heute im Sprachge­brauch, obgle­ich das Ver­ständ­nis von der Ver­wen­dungssi­t­u­a­tion bes­timmt wird. Wie ich zeigen werde, ver­ste­hen geburts­blinde Men­schen etwas anderes darunter, als sehfähige. Natur­wis­senschaftler gebrauchen den Begriff in Bezug auf chemis­che Ele­mente, biol­o­gis­che Wach­s­tumsvorgänge und Ver­hal­tensweisen oder physis­che Zus­tands­beschrei­bun­gen von Materie und Energie. Math­e­matik­er beziehen sich auf for­mal­lo­gis­che Prinzip­i­en, während Geis­teswis­senschaftler ihre Gedanken über die Wort­sprache for­men. Musik­er for­men Töne und Klänge, Gas­tronomen for­men den Geruch, Geschmack und die Ästhetik unser­er Speisen. Tänz­er, Schaus­piel­er und Sportler for­men ihren Kör­p­er, Stadt­plan­er und Architek­ten über­for­men die Natur, Inge­nieure for­men Trans­port-, Pro­duk­tions- und Kom­mu­nika­tions-tech­niken. Design­er for­men Pro­duk­te, Poli­tik­er den Staat und Bürg­er die Gesellschaft. Kün­stler geben ihren inneren Bildern Form.

In den wir etwas leib­lich an uns Nehmen, es Fassen, Greifen, vor uns Leg­en oder Stellen, bilden wir uns eine Vorstel­lung von der Dinglichkeit unser­er Exis­tenz, wodurch wir unserem bloßen und unre­flek­tierten Sein einen konkreten Dasein­scharak­ter zuschreiben. Über die Exp­lika­tion der mul­ti­sen­sualen Erfahrun­gen des Nehmens bildet sich die Anschau­ung der Form im Gedächt­nis des Betra­chters, das Bild des Dinges, was den Erken­nt­nis­prozess des (Wahr)nehmens, des (Er)fassens, (Be)greifens, (Über)legens und (Vor)stellens ein­leit­et. Das Sein gelangt über die For­mung unser­er Wahrnehmungen zum Bewusst­sein, weshalb die Form­bil­dung der synap­tis­chen Struk­tur unseres Gehirns einen Lern­prozess kennze­ich­net, mit dem sich die For­men­sprache der Umwelt her­aus­bildet und lebenslang trans­formiert.

Link Wüsten­rot Stiftung

Christi­na Bud­de / Bar­bara Sha­try / Inez Wag­n­er / Arne Winkel­mann (Hrsg.)
ARCHITEKTUR GANZTAGS
Spiel­räume für baukul­turelle Bil­dung
München 2014, 148 Seit­en mit zahlr. farb. Abb.
ISBN 978–3-86736–234-4
kopad München 2014

 

11.12.14 in Forschung, Wissenstransfer
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