Von der Raum­wahr­neh­mung zur Raum­ge­stal­tung

Publikation Artikel AIT Architekturzeitschrift mit dem Schwerpunkt Innenraum 9/2015

Die Erforschung unserer Raumwahrnehmung ist die Leitwissenschaft der Umweltgestaltung, von der Stadtplanung über die Architektur bis zur Innenarchitektur und Szenografie. Die Atmosphäre eines Raums bestimmt die Intensität und Qualität unseres Erlebens.

 

Alle Wahr­neh­mun­gen und Vor­stel­lun­gen unse­rer Exis­tenz in der Umwelt sind räum­lich und zeit­lich struk­tu­riert

Das ent­spricht der Natur unse­rer Sin­nes­er­fah­run­gen, die das Gehirn in einem Gedächt­nis­mo­dell der äuße­ren Welt spei­chert. Die Ord­nung unse­rer Erfah­run­gen im Gedächt­nis folgt dem Prin­zip größt­mög­li­chen Hand­lungs­er­folgs. Es sind die erkann­ten Irr­tü­mer, Feh­ler und Miss­er­fol­ge, durch die wir ler­nen, da das Gehirn die Raum­vor­stel­lun­gen unwill­kür­lich kor­ri­giert und erwei­tert. Wer­den Gedächt­nis­area­le durch Alter, Krank­hei­ten oder Unfäl­le beein­träch­tigt, ver­än­dert sich unser Vor­stel­lungs­raum auf die glei­che Wei­se wie der Wahr­neh­mungs­raum. Anders­her­um kön­nen wir unse­ren Vor­stel­lungs­raum durch die sinn­li­che und kogni­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Wahr­neh­mungs­raum gezielt ent­wi­ckeln. Jede Form der Umwelt­ge­stal­tung hat daher direk­te Kon­se­quen­zen für die Struk­tu­ren unse­res Gehirns. Der Kul­tur­raum ver­mit­telt uns die Gebrauchs­an­wei­sung sei­ner Benut­zung. Wir neh­men wahr, wohin wir uns ori­en­tie­ren müs­sen, wie wir Din­ge benut­zen oder mit was wir inter­agie­ren kön­nen. Ästhe­ti­sche Begrif­fe wie Schön­heit besit­zen eine ent­wick­lungs­dy­na­mi­sche Rele­vanz, da sie nicht allein unse­rem Wohl­ge­fal­len die­nen, son­dern Grad­mes­ser kul­tu­rel­ler Leis­tun­gen und Bil­dung sind. Der Begriff „Kul­tu­rel­le Evo­lu­ti­on“ ist kei­ne Meta­pher, son­dern das Kenn­zei­chen unse­rer Spe­zi­es, die sich nicht mehr nur ihrem Lebens­raum per­fekt anpasst, son­dern die­sen nach ihren Bedürf­nis­sen gestal­tet und sich hier­durch selbst fort­ent­wi­ckelt. Die Raum­wahr­neh­mung initi­iert und för­dert einen gene­ra­ti­ons­über­grei­fen­den Lern­pro­zess, der ste­ti­ger Erneue­rung bedarf und daher nie­mals abge­schlos­sen sein kann. Jun­ge Men­schen neh­men war, wie Gesell­schaft funk­tio­niert und wo sie ver­sagt. Am Gebrauch des Raums zeigt sich, was uns wich­tig und nütz­lich ist oder sei­nen Zweck ver­lo­ren hat, was es zu bewah­ren oder zu erneu­ern gilt.

 

Die Erfor­schung unse­rer Raum­wahr­neh­mung ist die Leit­wis­sen­schaft der Umwelt­ge­stal­tung, von der Stadt­pla­nung über die Archi­tek­tur bis zur Innen­ar­chi­tek­tur und Szen­o­gra­fie

Ver­las­sen wir uns bei der Beur­tei­lung der Wahr­neh­mungs­qua­li­tä­ten von Räu­men aus­schließ­lich auf das eige­ne Bauch­ge­fühl, ver­nach­läs­si­gen wir die Per­spek­ti­ven der meis­ten ande­ren Men­schen. Empa­thie ist von Vor­teil, doch längst kei­ne aus­rei­chen­de Grund­la­ge für die Beur­tei­lung der Wahr­neh­mungs­qua­li­tät von Lebens­räu­men. Die Raum­wahr­neh­mung ver­än­dert sich im Ver­lauf eines Lebens und ist dar­über­hin­aus abhän­gig von zahl­rei­chen Umwelt­fak­to­ren. Unse­re Ansprü­che an die Gestal­tung von Raum ver­än­dern sich mit der kör­per­li­chen und geis­ti­gen Rei­fe, dem Ein­fluss von Kul­tur und Bil­dung oder dem Gesund­heits­zu­stand. Men­schen brau­chen indi­vi­du­ell gestal­te­te Räu­me, da wir ver­schie­den sind, unter­schied­li­che Bedürf­nis­se und Inter­es­sen haben. Was dem Einen zu klein ist, kann dem Ande­ren zu groß sein. Eben­so ver­hält es sich mit unse­ren Bedürf­nis­sen nach Öffent­lich­keit und Pri­vat­heit, Gemüt­lich­keit und Aske­se, Ruhe und Akti­vi­tät, um nur eini­ge Para­me­ter der Raum­wahr­neh­mung zu nen­nen, die unmit­tel­ba­re Kon­se­quen­zen auf die Raum­ge­stal­tung haben. Ein Raum ist gut gestal­tet, wenn das Ange­bot an Hand­lungs­mög­lich­kei­ten vom Men­schen posi­tiv wahr­ge­nom­men und viel­sei­tig genutzt wird. Die sys­te­ma­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Raum­wahr­neh­mung ande­rer Men­schen kann Sie sen­si­bler machen für die Her­aus­for­de­run­gen der Pra­xis, kann Ihnen Argu­men­te lie­fern zur Durch­set­zung sinn­vol­ler Ide­en und sie zum ver­ant­wor­tungs­vol­len Expe­ri­ment mit neu­en Stra­te­gi­en der Raum­ge­stal­tung ermu­ti­gen.

 

Raum ist ein Welt­erkennt­nis- und Welt­be­schrei­bungs­sys­tem

Wir neh­men Raum mit allen Sin­nen wahr, wes­halb es nicht nur von Bedeu­tung ist, wie ein Raum aus­sieht, son­dern eben­so auch, was er uns sagt, wie er sich anfühlt, wie er klingt, riecht, schmeckt oder unse­re Bewe­gun­gen steu­ert. Die Wahr­neh­mung von Raum ver­mit­telt uns deut­lich mehr als basa­le Sin­nes­emp­fin­dun­gen. Raum ist kein Con­tai­ner, in dem sich Din­ge befin­den. Raum wird gebil­det durch die Sum­me der emo­tio­na­len und kogni­ti­ven Bezie­hun­gen, die wir zur Umwelt ein­ge­hen.

Licht, dass durch ein Fens­ter auf einen gut aus­ge­wähl­ten Lese­platz fällt, kann von grö­ße­rer Bedeu­tung für die Raum­wahr­neh­mung sein, als die Grö­ße des Zim­mers oder die Höhe der Decke. In der Raum­wahr­neh­mung ver­schmilzt, was außer­halb von uns exis­tiert mit dem, was wir in unse­rer Vor­stel­lung oder durch unse­re Hand­lun­gen dar­aus machen. Wir neh­men bewusst wahr, was wir uns im Augen­blick der Begeg­nung mit der Umwelt ver­ge­gen­wär­ti­gen. Mehr als 99% der Infor­ma­tio­nen wer­den hin­ge­gen unbe­wusst ver­ar­bei­tet, obwohl sie unser Ver­hal­ten und unse­re Hand­lun­gen ent­schei­dend beein­flus­sen. Wir kön­nen die­sen hohen Anteil unbe­wuss­ter Raum­wahr­neh­mun­gen zu Tage för­dern und nutz­bar machen, in dem wir unse­re emo­tio­na­len und spon­ta­nen Ver­hal­tens­re­ak­tio­nen ernst neh­men und gezielt nach den Ursa­chen unse­rer Gedan­ken, Gefüh­le und Hand­lun­gen suchen. Raum ist ein Sprach­sys­tem, das uns mit­teilt, was die durch ihn ver­sam­mel­ten Din­ge bedeu­ten, wie wir uns ver­hal­ten sol­len und was unse­ren Hand­lungs­spiel­raum aus­macht.

 

Raum funk­tio­niert wie eine Spra­che, was nicht ver­wun­der­lich ist, da unse­re kör­per­li­chen Inter­ak­tio­nen mit der Umwelt die Grund­la­ge jeder Kom­mu­ni­ka­ti­on dar­stel­len

Die Seman­tik und Syn­tax des Rau­mes zeigt sich am Ver­lauf der Gehirn­strö­mun­gen im Wahr­neh­mungs­pro­zess. Wäh­rend der soge­nann­te „Was-Strom“ zum seman­ti­schen Gedächt­nis führt, akti­viert der „Wie/Wo-Strom“ im pro­ze­du­ra­len Gedächt­nis die mit dem Ereig­nis ver­knüpf­ten Hand­lungs­zu­sam­men­hän­ge und Ver­hal­tens­zu­stän­de. Unse­re Raum­wahr­neh­mung gilt weder abs­trak­ten Gestalt­fi­gu­ra­tio­nen oder mathe­ma­tisch bestimm­ba­ren Geo­me­tri­en, son­dern den emo­tio­nal wirk­sa­men und kogni­tiv bedeut­sa­men Tei­len der äuße­ren Erleb­nis­si­tua­ti­on, die ein sinn­vol­les Gan­zes bil­den. Raum­wahr­neh­mung folgt dem Prin­zip der Wahr­schein­lich­keit, was sich am Lern­pro­zess von Kin­dern gut beob­ach­ten lässt. Aus dem Gebrauch der Din­ge und der Ent­de­ckung unse­rer Inter­ak­ti­ons­mög­lich­kei­ten ent­wi­ckeln sich Hand­lungs­rou­ti­nen, wes­halb wir kaum noch bemer­ken, dass es sich bei der Raum­wahr­neh­mung um einen Aneig­nungs­pro­zess han­delt. Ein kur­zer Blick reicht meist aus, um uns zu ori­en­tie­ren, das Hand­lungs­po­ten­zi­al zu erken­nen und ein Urteil zu bil­den. Kin­der erle­ben, dass ihnen die Räu­me ihrer Umge­bung zuneh­mend mit­tei­len, wie sich die Din­ge um sie her­um ver­hal­ten und wozu sie die­se gebrau­chen kön­nen. Als Erwach­se­ne spü­ren wir die Erwei­te­rung unse­rer Wahr­neh­mungs­fä­hig­kei­ten in die­ser Wei­se, sobald wir frem­de unbe­kann­te Räu­me betre­ten, uns auf neue Erfah­run­gen ein­las­sen und her­aus­for­dern­de Akti­vi­tä­ten aus­pro­bie­ren. Das ist ein Plä­doy­er für unkon­ven­tio­nel­le Ide­en in der Raum­ge­stal­tung, wie die Erpro­bung neu­er Farb­kon­zep­te, Beleuch­tungs­si­tua­tio­nen, Mate­ri­al­kom­bi­na­tio­nen und Möblie­rungs­vor­schlä­ge.

 

Funk­ti­ons­struk­tur der mensch­li­chen Raum­wahr­neh­mung:

Ver­ar­bei­tung der Raum­da­ten aller Sin­ne im Gehirn. Die Struk­tur­bil­dung erfolgt durch Inter­ak­tio­nen zwi­schen Mensch und Umwelt. Jede Funk­ti­on kann in Fol­ge von Gehirn­lä­sio­nen beein­träch­tigt wer­den oder ver­lo­ren gehen.

A) Was – Gedächt­nis­strom: Mul­ti­sen­su­el­le Bedeu­tungs­struk­tur des Raums (Seman­ti­sches Gedächt­nis)

1. Farb- und Licht­struk­tur des Raums

2. Form- und Mate­ri­al­struk­tur des Raums

3. Gleich­ge­wichts­struk­tur des Raums

4. Bewe­gungs- und Zeit­struk­tur des Raums

5. Geruchs- und Geschmacks­struk­tur des Raums

6. Ton- und Klang­struk­tur des Raums

 

B) Wie/Wo-Gedächt­nis­strom: Hand­lungs­struk­tur des Raums (Pro­ze­du­ra­les Gedächt­nis)

1. Ges­ti­sche Struk­tur — Zu wel­chem Zweck zeigt sich etwas?

2. Typo­lo­gi­sche Struk­tur — Wie zeigt sich etwas?

3. Topo­lo­gi­sche Struk­tur — Wo und wann zeigt sich etwas?

4. Per­spek­ti­vi­sche Struk­tur — Zu wem und zu was zeigt sich etwas?

 

Die Atmo­sphä­re eines Raums setzt sich aus allen Ebe­nen der mensch­li­chen Wahr­neh­mung zusam­men

Die meis­ten Raum­da­ten, wie Licht­re­fle­xe, Spie­ge­lun­gen, Trans­pa­ren­zen, Farb­va­ria­tio­nen oder Neben­ge­räu­sche und Gerü­che wer­den unbe­wusst ver­ar­bei­tet. Wenn sie feh­len wir­ken Räu­me künst­lich und befremd­lich wie Ani­ma­ti­ons­gra­fi­ken und – fil­me, in denen das ambi­en­te Licht und die Modu­la­ti­on der Ober­flä­chen­struk­tu­ren fehlt oder wie Spra­che und Musik, in denen kei­ne Ober­tö­ne mit­schwin­gen. In der Film­pro­duk­ti­on wer­den Atmo­sphä­ren daher mit gro­ßem Auf­wand gene­riert, ange­fan­gen bei der Aus­wahl von Dreh­or­ten und Dreh­zei­ten bis zur Post­pro­duk­ti­on des Film­ma­te­ri­als. Hier­bei wer­den vie­le Ebe­nen der Raum­wahr­neh­mung sorg­fäl­tig in Sze­ne gesetzt, die im Bereich der Raum­ge­stal­tung oft ver­nach­läs­sigt wer­den. Wie wir­ken die Pro­por­tio­nen der Raum­si­tua­tio­nen in Bezug auf den han­deln­den Men­schen? Woher kommt das Licht? Wel­che Farb­tem­pe­ra­tur und wel­ches Farb­spek­trum hat das Licht? Wie brei­tet sich das Licht im Raum aus? Wie füh­len sich die sicht­ba­ren Ober­flä­chen für den Betrach­ter an? Wie klingt ein Raum? Wie riecht ein Raum? Wer jetzt der Mei­nung ist, dass man Gerü­che oder Ober­flä­chen­qua­li­tä­ten nicht visu­ell wahr­neh­men kann, der sei auf den Stand der Gehirn­for­schung ver­wie­sen. Alle Wahr­neh­mun­gen sind asso­zia­tiv mit­ein­an­der ver­netzt und wer­den im Augen­blick des Erle­bens akti­viert. Aus die­sem Grund kön­nen Far­ben frisch wir­ken, Appe­tit anre­gen oder Übel­keit ver­ur­sa­chen. Raum­at­mo­sphä­ren wir­ken beson­ders emo­tio­nal, da sie unse­ren gesam­ten Kör­per auf das äuße­re Ereig­nis ein­stim­men, was sich bis hin zum Ein­fluss auf die Stoff­wech­sel­funk­tio­nen nach­wei­sen lässt. Die Atmo­sphä­re eines Raums bestimmt die Inten­si­tät und Qua­li­tät unse­res Erle­bens.

 

wei­ter­füh­ren­de Lite­ra­tur:

Axel Bue­ther; Die Bil­dung der räum­lich-visu­el­len Kom­pe­tenz. Schrif­ten­rei­he Burg Gie­bichen­stein 2010

Axel Bue­ther; Wege zur krea­ti­ven Gestal­tung. Metho­den und Übun­gen. See­mann Hen­schel 2013

Axel Bue­ther; Far­be. Visu­el­le Raum­wir­kung und Kom­mu­ni­ka­ti­on. DETAIL Pra­xis 2014

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01.03.15 in Wissenstransfer
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