Farbdesign für Senioren

Interview Zeitschrift medAmbiente 1 · 2016

Matthias Erler von medAmbiente sprach in seinem zweiteiligen Interview mit Axel Buether über den Stand der Forschung und über Konsequenzen für die Gestaltung von Raumatmosphären mit Farbe und Licht – insbesondere im Pflegebereich. Im folgenden abschließenden Teil geht es um u. a. um Farbpräferenzen, Farbherkunft, Farbwahrnehmung von Senioren, Bedeutung von Farbwechseln im Seniorenheim sowi

 

Herr Prof. Buether, Sie haben im ersten Teil unseres Gesprächs begonnen, über das The­ma Farb­heimat zu sprechen. Bleibt denn unsere Farb­herkun­ft ein Leben lang beste­hen?

Axel Buether: Sie bleibt beste­hen, wird aber angere­ichert dank der Erfahrun­gen, die wir im Laufe unseres Lebens machen – mit anderen Men­schen oder Regio­nen. Mit ihnen trans­formiert sich die Wahrnehmung der Farbe. Wer viel in die Ferne reist oder sich lange Zeit in frem­den Län­dern aufhält, wird neue Far­bkul­turen für sich ent­deck­en und wertschätzen. Aber die Kind­heits­far­ben bleiben immer beson­dere Far­ben. Wer sich sel­ber anderen Ein­drück­en öffnet, wird auch offen­er für neue Far­bklänge. Wir sind auch in der Lage, uns far­blich bere­ich­ern zu lassen durch andere Kul­turen, unsere Inter­essen, Reisen, auch von Zeitschriften, Büch­ern oder Fil­men. So nehmen wir vielle­icht proven­calis­che, indis­che oder toskanis­che Farb­wel­ten auf. Diese Verän­derun­gen passieren die ganze Zeit – und das sollte auch so sein.

Neben region­al bed­ingten Farbpräferen­zen sprechen Sie auch von zeitlich bed­ingten?

Axel Buether: Jede Zeit hat ihren eige­nen Far­ben-Kanon. Wir verbinden beispiel­sweise mit den dreißiger, vierziger und fün­fziger Jahren ganz bes­timmte Far­ben, die mit Mod­en, Trends etc. in Zusam­men­hang ste­hen. Heute ist mehr Schwung in dieser Entwick­lung. Das Mar­ket­ing wirkt als Beschle­u­niger. Far­bkollek­tio­nen und Mod­en wech­seln einan­der schneller ab. Auch hier zeigt sich die her­aus­ra­gende Bedeu­tung der Farbe: 70 bis 80 Prozent sein­er Energie ver­wen­det eine Mode­marke auf seine Far­bauswahl. Die Pro­duk­t­for­men bleiben ver­gle­ich­sweise sta­bil­er als die Far­ben. Das entspricht auch unserem Ver­hal­ten als Kon­sumenten: Men­schen kaufen sich etwas Neues, weil sie den Ein­druck haben,
dass die alten Far­ben nicht mehr passen – nicht so sehr, weil die alten Sachen abgewet­zt sind. Far­ben sind eine riesige Triebkraft für Verän­derung – auch bei teuren Gebrauchs­ge­gen­stän­den wie Autos und Wohn­wel­ten trifft das heute zu.

Das heißt wohl, dass auch im Senioren­wohn­bere­ich ein Farb­wech­sel hin und wieder mal gut­tut?

Axel Buether: Generell emp­fiehlt es sich aus diesen Erwä­gun­gen her­aus, dur­chaus öfter zu stre­ichen, als es nötig wäre. Zum Far­bkonzept gehören übri­gens nicht nur Decke und Wand, son­dern auch Möbel, Böden, Türen, Fen­ster und das Licht. Im Pflege- und Senioren­heim ist die far­bliche Erneuerung zumin­d­est für den Emp­fangs­bere­ich sehr inter­es­sant, den auch das all­ge­meine Pub­likum, die Ange­höri­gen und Mitar­beit­er nutzen. An dieser Schnittstelle zur Gesamt­ge­sellschaft, aus der Trends und Mod­en ja kom­men, zeigt sich beson­ders, dass man der Mode nicht auswe­ichen kann: Das zu ver­suchen ist ein Fehler – ein neu­tral gehal­tener Emp­fangs­bere­ich wirkt näm­lich eher ster­il. Umgekehrt wirkt pos­i­tiv, wer mit der Zeit geht. Das Streben nach gestal­ter­isch­er Zeit­losigkeit wirkt dis­tanziert und unper­sön­lich wie jemand, der sich entziehen will. Mein Rat ist, ver­ste­hen zu ler­nen, dass man ohne­hin immer ein­ge­ord­net wird: Es gibt im Grunde keine neu­trale Far­bgestal­tung. Was der Philosoph Paul Wat­zlaw­ick für die Kom­mu­nika­tion im All­ge­meinen sagt, trifft auch für die Far­bgestal­tung zu: Alles, was wir sehen, beste­ht aus Far­ben. „Wir kön­nen daher nicht nicht mit Far­ben kom­mu­nizieren.

Lassen Sie uns noch über die Wirkung von Far­ben in medi­zinisch- gesund­heitlich­er Hin­sicht sprechen. Was weiß man heute darüber?

Axel Buether: Dadurch, dass Far­ben auf unseren kör­per­lichen und emo­tionalen Zus­tand wirken, haben sie auch Auswirkun­gen auf unser Wohlbefind­en. Hor­mon­haushalt, Stof­fwech­sel, Atmung, Ver­dau­ung, Appetit, Stim­mung und Moti­va­tion – und zwar pos­i­tiv oder neg­a­tiv. Damit ist klar, dass Far­ben sehr stark und direkt auf unsere Gesund­heit wirken – auch z. B. auf unsere Gene­sungszeit.
Allerd­ings sind diese Effek­te nicht abso­lut zu sehen, son­dern abhängig vom zeitlichen Kon­text: In den 20er Jahren beispiel­sweise waren die Kranken­häuser vorzugsweise in ster­ilem Weiß gehal­ten. Der weißen Farbe maß man damals eine andere Qual­ität zu als heute – und dementsprechend war die Wirkung eine andere. Weiß stand näm­lich für Hygiene, es ver­mit­telte das Ver­trauen, dass alles sauber war, und war deshalb im Kranken­hausum­feld pos­i­tiv beset­zt. Heute haben sich die Präferen­zen der Alten und Kranken ver­schoben. Jed­er weiß heute, dass man Keime ohne­hin nicht sehen kann. Weiße Farbe kann uns also heute nicht mehr Hygiene ver­mit­teln – dazu ist zum Beispiel eher ein ins­ge­samt gepflegter Ein­druck erforder­lich. Ein anonymes oder ster­iles far­blich­es Umfeld hinge­gen, das uns fremd ist und unseren Präferen­zen wider­spricht, wird Wider­stand her­vor­rufen und die Gene­sung ver­langsamen. Die eso­ter­ische Idee, man könne direkt mit Far­ben heilen, ist unsin­nig – umgekehrt kann man aber dur­chaus mit Far­ben krank machen. Wer ohne­hin geschwächt ist, prof­i­tiert von einem ver­traut­en und emo­tion­al pos­i­tiv beset­zten Umfeld. Häuser für Alte, Kranke und Ster­bende dürfen ger­ade nicht wie anonyme, ster­ile und neu­trale Durch­gangssta­tio­nen oder Auf­be­wahrung­sorte wirken, son­dern müssen allen Nutzern eine Atmo­sphäre ver­mit­teln, die Ver­trauen schafft, Kom­mu­nika­tion anregt und Wohlbefind­en wie Gesun­dung ermöglicht.

Viele Pflege­heime arbeit­en mit Innenar­chitek­ten und eben auch mit Far­bgestal­tern. Hier geht es um alte Men­schen – und mit zunehmen­dem Alter ändert sich ja unsere Farb­wahrnehmung. Was ist hier der heutige Stand der Dinge?

Axel Buether: Phys­i­ol­o­gisch gese­hen, lässt die Sehkraft, die Schärfe der Auflö­sung nach. Aber auch die Ori­en­tierung ist betrof­fen. Hier helfen deut­lich sicht­bare Far­bkon­traste von Wän­den, Decke und Boden, aber auch bei Durch­gangse­le­menten wie Türen oder Leit­ele­menten wie Fluren und Trep­pen­häusern. Bewohn­erz­im­mer, Speisez­im­mer, Eta­gen kön­nen abgestufte For­men von Iden­tität ver­mit­teln und damit Ori­en­tierung schaf­fen. Ein Vorteil der Farbe ist, dass sie auch auf große Ent­fer­nung hil­ft und daher zur Kennze­ich­nung von Räu­men bess­er geeignet ist als Schilder.
Kinder ord­nen ihre Welt nach Far­ben, da sie ein­fach­er zu unter­schei­den sind als For­men, Buch­staben und Zahlen. Diese ein­fache und unmit­tel­bar ver­ständliche Form der Ord­nung gewin­nt auch im Alter an Bedeu­tung. Bei Demenz helfen Far­ben zur Bewahrung von Seb­st­ständigkeit, wo alle anderen Ori­en­tierungssys­teme ver­sagen.
Hin­ter­grund für die Ver­schlechterung des Sehens im Alter ist weniger die Abnahme der geisti­gen Fähigkeit­en als das Nach­lassen der Optik unser­er Augen. Da die Zellen in der Linse des Augenkör­pers nicht erneuert wer­den, gehören sie zu den ältesten Teilen unseres Kör­pers. Die Linse ver­härtet sich und trübt sich ein. Während sich die abnehmende Flex­i­bil­ität durch eine Brille aus­gle­ichen lässt, lassen sich die Effek­te der Trübung nur durch harte Ein­griffe wie einen oper­a­tiv­en Aus­tausch der Linse rückgängig machen. Alte Lin­sen fil­tern bes­timmte Teile des Spek­trums her­aus, weshalb ältere Men­schen warme rote und orange Töne weniger stark wahrnehmen kön­nen. Die Umwelt wirkt dadurch immer küh­ler. Um die Wärme zu erhal­ten, suchen alte Men­schen daher ver­mehrt rötliche Braun- und Beigetöne und bevorzu­gen warme Natur­ma­te­ri­alien wie Hölz­er, Sande, Lehme und Ziegel.

Wie sieht es eigentlich mit der Dif­feren­zierung zwis­chen Wand, Decke und Boden aus?

Axel Buether: Farbe spielt auch hier eine Rolle für die Sicher­heit, für das Gefühl, sich sich­er im Raum bewe­gen zu kön­nen. Ist der Boden beispiel­sweise heller gestal­tet als Decke und Wand, dann wirkt das unge­wohnt, irri­tierend und nicht mehr sich­er. Der Boden sollte vor allem Alten und Demen­zkranken Sicher­heit ver­mit­teln und deshalb dun­kler gefärbt sein. Blau oder pflan­zlich­es Grün ist auf jeden Fall zu ver­mei­den. Bei Wän­den ist die Lage dif­feren­ziert­er zu sehen. Klare Farbtöne schaf­fen klare Gren­zen, helle Töne kön­nen enge Räume ausweit­en, Grün und Blau wirken öff­nend nach außen.

Sie befassen sich ja mit Pla­nungsstrate­gien im Zusam­men­hang mit Far­ben. Gibt es all­ge­mein gültige Regeln, die sich aus dem bis­lang Gesagten für die Gestal­tung eines Altenpflege­heims ableit­en lassen?

Axel Buether: Für essen­ziell halte ich die Erken­nt­nis, dass pauschale Far­bkonzepte oder Rezepte zur Far­bgestal­tung nicht funk­tion­ieren und für alle Beteiligten unsin­nig sind. Stattdessen bedarf es eines dif­feren­ziertes Nutzungskonzepts, bei dem die Far­bgestal­tung von Beginn an eine zen­trale Rolle spielt. Dazu sollte man sich frühzeit­ig ein möglichst klares Bild von seinen Nutzern ver­schaf­fen, d. h. so viel wie möglich über sie erfahren.
Das Per­son­al braucht z. B. für seine eigene Erhol­ung und seine Arbeit ganz andere Umge­bun­gen als die Bewohn­er. Pausen­räume soll­ten sich von den übri­gen Räu­men auch far­blich abgren­zen und Abwech­slung vom Pflegeall­t­ag bieten. Räume, in denen sich Ange­hörige mit den Bewohn­ern tre­f­fen, sehen wieder anders aus – ihnen muss die Rau­mat­mo­sphäre ver­mit­teln, dass es ihren Eltern, Großel­tern etc. hier gut­ge­ht. Andere Far­ben wiederum bieten sich für Räume an, die für medi­zinis­che Anwen­dun­gen, sportliche Aktiv­itäten etc. gedacht sind. Wichtig bei all dem ist, so viel wie möglich mit den Men­schen zu sprechen. Ganz wichtig ist die Erken­nt­nis, dass alle Ober­flächen von Wand, Decke, Boden wie Möblierung sowie das Licht zu berücksichtigen sind. Da sich jed­er Farbton durch den Kon­trast mit seinen Nach­bar­far­ben stark verän­dert, gehört die Far­bgestal­tung zu den kom­plex­esten Auf­gaben der Architek­tur und Innenar­chitek­tur. Das The­ma Farbe gehört heute nicht mehr zum Aus­bil­dungskanon des Architek­ten und Innenar­chitek­ten. Die Fähigkeit ein­er hochw­er­ti­gen und nach­haltig wirk­samen Far­bgestal­tung kann daher nicht mehr voraus­ge­set­zt wer­den. Hier sind umfan­gre­iche mehrjährige Schu­lun­gen notwendig, die prak­tis­che Erprobun­gen ein­schließen müssen. Es emp­fiehlt sich daher, bei jed­er Bauauf­gabe einen spezial­isierten Far­bgestal­ter zuzuziehen. Ein gutes dif­feren­ziertes Far­bkonzept trägt ganz entschei­dend zum Erfolg der Investi­tion in ein Bauw­erk bei.

 Link Zeitschrift medAm­bi­ente

Link Man­ag­ment & Kranken­haus

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28.11.16 in Forschung, Wissenstransfer
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