Kunstunterricht als Kernfach digitaler Gesellschaften?

Beitrag Kunst als Dialogprozess "Aktuelle Positionen der Kunstdidaktik" kopaed 2016

Das große Bildungspotenzial des Faches Kunst besteht in der Vielfalt ästhetisch kultureller Praktiken und deren Vernetzung mit allen anderen Denk- und Handlungsfeldern moderner Gesellschaften. Bildende, darstellende und angewandte Künste sind hier allesamt von Relevanz, da Kunstwerke, Designobjekte und Bauwerke gleichermaßen bilden, darstellen und nutzen.

Kunst als Dialogprozess

Kunst im Spannungsfeld der Globalisierung

Warum muss das Schul­fach Kun­st um seinen Stel­len­wert in den Bil­dungssys­te­men Europas kämpfen? Wir sprechen von ein­er Zeit­er­schei­n­ung, die sich nicht nur in Deutsch­land, son­dern in allen Mit­gliedsstaat­en der EU an fehlen­der Akzep­tanz und schrumpfend­en Bil­dungsan­teilen bemerk­bar macht.1 Nach Ein­schätzung der OECD und der Europäis­chen Kom­mis­sion, wie sie im Rah­men der PISA Studie mit weitre­ichen­den Fol­gen für die Bil­dung­sprax­is der Län­der getrof­fen wurde, besitzt Kun­st nicht den gle­ichen Stel­len­wert für die erfol­gre­iche Par­tizipa­tion des Men­schen in mod­er­nen Gesellschaften wie die Kerndiszi­plinen Math­e­matik, Sprachen und Natur­wis­senschaften. Die Anforderun­gen an die All­ge­mein­bil­dung kom­mender Gen­er­a­tio­nen wer­den heute von den Kräften der Glob­al­isierung und Ökonomisierung aller Lebens­bere­iche der Gesellschaft geprägt. Das all­ge­mein­bildende Schul­fach Kun­st wird davon nicht ausgenom­men, weshalb ich mich in diesem Beitrag auf die erhe­bliche Bedeu­tung von Kern­the­men kün­st­lerisch­er Bil­dung konzen­tri­eren möchte, deren Ver­mit­tlung für den Erfolg von Indi­viduen in mod­er­nen Gesellschaften unverzicht­bar ist.

Jed­er junge Men­sch muss bere­its bei seinem Ein­tritt in die beru­fliche Qual­i­fizierung eine Vielzahl kog­ni­tiv­er Leis­tun­gen nach­weisen. Wenn wir die Schw­er­punk­te gegen­wär­tiger Bil­dungsre­for­men und PISA-Eval­u­a­tio­nen in den Blick nehmen, beschränkt sich das im Wesentlichen auf wort­sprach­liche und ana­lytis­che Kom­pe­ten­zen. Nehmen wir hinge­gen die Forderun­gen der Unternehmen, Ver­bände und Stiftun­gen unser­er Wirtschaft in den Blick, wer­den kreative, visuell-kom­mu­nika­tive, interkul­turelle sowie soziale Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en beim Beruf­se­in­stieg in gle­ichem Maße wert­geschätzt. Inno­va­tions­denken gilt vie­len dabei als Indika­tor für die Zukun­fts­fähigkeit unser­er Wirtschaft und Kern­forderung an die Aus­rich­tung der Bil­dungspoli­tik.2 Die Ver­schiebung cur­ric­u­lar­er Anteile zugun­sten von Sprachen, Math­e­matik und Natur­wis­senschaften ent­fer­nt sich daher nicht allein von den Zie­len human­is­tis­ch­er Bil­dung für die Ganzheitlichkeit der Per­sön­lichkeit­sen­twick­lung, son­dern eben­so auch von den Anforderun­gen unser­er Wirtschaft.

Unternehmen suchen Mitar­beit­er mit stark­er Per­sön­lichkeit, die kom­plexe Sachver­halte, ungelöste Prob­lem­stel­lun­gen oder Chan­cen für zukün­ftige Entwick­lun­gen wahrnehmen. Sie müssen kom­plexe Prozesse begreifen, oft auch visu­al­isieren und anderen Mitar­beit­ern oder Kun­den ver­mit­teln, was Meth­o­d­enkom­pe­tenz wie ‚Design Think­ing‘, ein gut aus­ge­bildetes anschaulich­es Vorstel­lungsver­mö­gen sowie zeit­gemäße medi­ale Darstel­lungs­fer­tigkeit­en erfordert. ‚Designer­isches Denken‘ ist strate­gis­ches Inno­va­tions­denken und eine kreative Form von Team­work, das die gezielte Suche nach neuen zukun­fts­fähi­gen Pro­duk­tideen und Unternehmensstrate­gien fördert. Nach den Anforderun­gen unseres Arbeits­mark­tes sollen Men­schen in hohem Maß team­fähig, kreativ und kri­tik­fähig sein. Nicht zulet­zt benöti­gen sie in einem glob­alen Markt große soziale Sen­si­bil­ität und ein auf Wis­sen gegrün­detes Ver­ständ­nis für interkul­turelle Zusam­men­hänge. Diese kog­ni­tiv­en Leis­tun­gen müssen nach dem Stand der Gehirn­forschung gle­ich Sprachen und Logik in möglichst frühen Sta­di­en der Per­sön­lichkeit­sen­twick­lung angelegt wer­den, um eine spätere sys­tem­a­tis­che Förderung zu ermöglichen. Wenn junge Men­schen in der Phase ihrer All­ge­mein­bil­dung keinen schöpferischen Zugang zur geisti­gen und materiellen Kul­tur mod­ern­er Gesellschaften erwer­ben, kön­nen sie in vie­len zukun­ft­srel­e­van­ten Aus­bil­dun­gen, Stu­di­engän­gen und Arbeit­sprozessen nicht beste­hen.

Nicht allein die in abendländis­ch­er Tra­di­tion ver­hafteten bürg­er­lichen Eliten, son­dern alle Indi­viduen unser­er Gesellschaft par­tizip­ieren durch das Fach Kun­st an Kul­turtech­niken, die sie zur kri­tis­chen, eigen­ver­ant­wortlichen und pro­duk­tiv­en Teil­habe an den soziokul­turellen Errun­gen­schaften mod­ern­er Gesellschaften befähi­gen. Wo bleibt die Bil­dungs­gerechtigkeit, die Chan­cen­gle­ich­heit? Was wird aus den steigen­den Her­aus­forderun­gen von Inklu­sion und Inte­gra­tion, wenn ins­beson­dere bil­dungs­ferne und zuge­wan­derte Men­schen keinen Zugang zu kul­turellen Prak­tiken, The­o­rien und Werten Europas find­en? Was schafft mehr Respekt vor dem schöpferischen Poten­zial von Men­schen mit Migra­tionsh­in­ter­grund, die heute bere­its mehr als 20% der deutschen Bevölkerung aus­machen, als die kün­st­lerische Auseinan­der­set­zung mit den vielfälti­gen Kul­turen unser­er Welt?3

Zur Bewäl­ti­gung der gewalti­gen Her­aus­forderun­gen bei den The­men Inte­gra­tion, Bil­dungsmo­bil­ität und Bil­dungs­gerechtigkeit in unserem Land brauchen wir im Fach Kun­st einen all­t­agsna­hen und ganzheitlichen Bil­dungsansatz, der im Schu­lun­ter­richt ver­mit­telt und in gesellschaftlich­er Prax­is erprobt wer­den kann.4 Im Gegen­zug muss die Kun­st­di­dak­tik auf die neuen Anforderun­gen reagieren und eine umfassende Reform des Fach­es in die Wege leit­en, in der tra­di­tionell bewährte wie neue dig­i­tale Kul­turtech­niken ihren Platz find­en. Das Fach Kun­st braucht daher nicht weniger, son­dern deut­lich mehr Unter­richt­san­teile, die auf Grund­lage von Sachar­gu­menten mit allen am Bil­dung­sprozess beteiligten Ver­ant­wor­tungsträgern aus­ge­han­delt wer­den müssen!

Nach mein­er Auf­fas­sung müssen wir jeden jun­gen Men­schen in die Lage ver­set­zen, die kul­turellen Errun­gen­schaften mod­ern­er Gesellschaften bewusst wahrzunehmen, entsprechend ihrer Rel­e­vanz für die Gegen­wart auszuwählen und einzuord­nen, kri­tisch zu reflek­tieren, überzeu­gend und ver­ständlich darzustellen, ver­ant­wor­tungs­be­wusst zu bewahren sowie zukun­ft­sori­en­tiert und kreativ zu gestal­ten. Die demokratis­che Form der Gestal­tung mod­ern­er Gesellschaften grün­det sich auf die Möglichkeit der Teil­habe aller Bürg­er an einen kri­tis­chen Dialog­prozess, der in allen gesellschaftlichen Hand­lungs­feldern mit ver­balen und anschaulichen Kom­mu­nika­tion­stech­niken auf Grund­lage umfassender interkul­tureller Bil­dung geführt wer­den muss. Ohne interkul­turelle Bil­dung wird es im Zeital­ter von Glob­al­isierung und Migra­tion unmöglich sein, eine gemein­same Vorstel­lung von Frei­heit und Men­schen­würde im Sinne der Aufk­lärung zu bewahren.

Kreativität als zentrale Aufgabe der Kunstdidaktik

Nach mein­er Ansicht gibt es zwei weit­ere Kernar­gu­mente für die Dringlichkeit der Aufw­er­tung, Aus­dehnung und Neuori­en­tierung des Unter­richts­fach­es Kun­st, die ich in diesem Abschnitt kurz skizzieren möchte. Die ständig wach­senden Felder der ‚Kul­tur- und Kreativwirtschaft‘ bilden den am schnell­sten wach­senden Sek­tor der Weltwirtschaft. Kreativ­ität gehört heute in nahezu allen beru­flichen Hand­lungs­feldern zu den Schlüs­selkom­pe­ten­zen all­seit­ig gebilde­ter Men­schen, da viele Prob­lem­lö­sun­gen nicht allein durch ana­lytis­che Meth­o­d­en gefun­den wer­den kön­nen. Jedes Indi­vidu­um muss schon vor dem Ein­stieg in eine beru­fliche Qual­i­fizierung ler­nen, Sachver­halte und Hand­lungsrou­ti­nen kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, unbekan­nte Lösungswege auch mit dem Wag­nis des Scheit­erns zu beschre­it­en und hier­durch gefun­dene Posi­tio­nen argu­men­ta­tiv in diskur­siv­en Prozessen zu behaupten.

Wir brauchen neue Lösun­gen für die ungelösten Prob­leme der Gegen­wart, inno­v­a­tive Pro­duk­te und kreative Men­schen in allen zukun­ft­srel­e­van­ten Berufs­feldern, ins­beson­dere auch in denen der MINT-Qual­i­fika­tio­nen Math­e­matik, Infor­matik, Natur­wis­senschaft und Tech­nik. Jed­er Men­sch ist kreativ, doch ver­gle­ich­bar mit den Anla­gen zum logis­chen Denken kann sich das schöpferische Poten­zial nur durch explizite Förderung ent­fal­ten. Die method­is­che Förderung der ‚Kernkom­pe­tenz Kreativ­ität‘ sollte zu ein­er zen­tralen Auf­gabe der Kun­st­di­dak­tik aus­ge­baut wer­den. Kreativ­ität­stech­niken und Meth­o­d­en ihrer Anwen­dung kön­nten sowohl fach­spez­i­fisch als auch fächerüber­greifend in ihrer Bedeu­tung für Kun­st, Sprache und Wis­senschaft ver­mit­telt wer­den.

Nicht jed­er Men­sch wird ein Gestal­ter, auch wenn der Mark­tan­teil der Kul­tur- und Kreativwirtschaft stetig wächst und heute einen maßge­blichen Beitrag zur Gesamtwirtschaft mod­ern­er Gesellschaften liefert. Mehr als 249.000 Unternehmen mit ca.1,59 Mil­lio­nen beschäftigten Men­schen set­zen allein in Deutsch­land mehr als 145 Mil­liar­den Euro mit der kreativ­en Gestal­tung des Kul­tur­raums um. Die Brut­tow­ertschöp­fung der Kul­tur- und Kreativwirtschaft liegt damit heute schon über den Zahlen der Chemis­chen Indus­trie und der Energiewirtschaft. Sie nähert sich der volk­swirtschaftlichen Bedeu­tung des Maschi­nen­baus und der Auto­mo­bilin­dus­trie, die ihre her­aus­ra­gende Stel­lung am Welt­markt nicht zulet­zt der Kreativ­ität ihrer Mitar­beit­er ver­danken. In die Zahlen der Kul­tur- und Kreativwirtschaft sind die kreativ­en Köpfe der Indus­trie noch gar nicht ein­gerech­net, welche gemein­sam mit den wis­senschaftlich-tech­nol­o­gis­chen Fachkräften den glob­alen Erfolg mod­ern­er Pro­duk­te und Dien­stleis­tun­gen ermöglichen. Kreativ­ität kennze­ich­net die Suche nach den Pro­duk­ten, Pro­duk­tion­s­meth­o­d­en, Gebäu­den, Infra­struk­turen, Dien­stleis­tun­gen und Kom­mu­nika­tion­stech­niken der Zukun­ft, ein Wet­tbe­werb, der weltweit über den Erfolg ein­er Volk­swirtschaft und den Wohl­stand der Gesellschaft entschei­det.

Die Kul­tur- und Kreativwirtschaft set­zt sich aus ver­schiede­nen Kern­bere­ichen zusam­men, deren Beschäf­ti­gungszahlen unter­schiedlich starken Entwick­lungs­dy­namiken unter­liegen. Ange­führt von der Soft­ware- und Games-Indus­trie, dem Presse­markt, Werbe­markt und der Design­wirtschaft fol­gen im Mit­telfeld der Architek­tur­markt, der Buch­markt, die Filmwirtschaft und die Musik­wirtschaft. Im hin­teren Feld fol­gen die Rund­funkwirtschaft, der Markt für darstel­lende Kün­ste und der Kun­st­markt. Natür­lich sagt diese Sta­tis­tik nichts über die Qual­ität der schöpferischen Leis­tun­gen aus. Doch wer kann heute bere­its mit Sicher­heit sagen, dass kreative Schöp­fun­gen aus Grafik, Malerei und Plas­tik für kom­mende Gen­er­a­tio­nen größere kul­turgeschichtliche Rel­e­vanz besitzen als Städte, Gebäude, Möbel, Klei­dung, Print­me­di­en, Fotos, Filme, Autos, Flugzeuge, Com­put­er, Smart­phones oder Pro­gramme. Zudem nimmt das Auf­tragswerk in der freien Kun­st eine zen­trale Stel­lung ein, bei dem die Vorstel­lun­gen des Kun­den, der Wet­tbe­werb­skom­mis­sio­nen, der Samm­ler oder Galeris­ten einen ver­gle­ich­baren Rah­men wie bei der ange­wandten Kun­st vorgeben kön­nen.

Die Kun­st­di­dak­tik kann jun­gen Men­schen eine kri­tisch-kon­struk­tive Hal­tung zu den Auswirkun­gen glob­aler Kon­sum­mech­a­nis­men ver­mit­teln, wenn sie aufzeigt, wie wir unsere Kreativ­ität für einen ver­ant­wor­tungsvollen Umgang mit den begren­zten Ressourcen der Welt ein­set­zen kön­nen. ‚Design Think­ing‘ und ‚Designethik‘ gehören zusam­men, wenn Kreativs­trate­gien im Kun­stun­ter­richt ver­mit­telt wer­den, auch wenn das Let­ztere in Deutsch­land noch immer ein nahezu unent­deck­tes Forschungs­feld bildet.

Das Bildungspotenzial des Schulfaches Kunst

Das große Bil­dungspoten­zial des Fach­es Kun­st beste­ht in der Vielfalt ästhetisch kul­tureller Prak­tiken und deren Ver­net­zung mit allen anderen Denk- und Hand­lungs­feldern mod­ern­er Gesellschaften. Bildende, darstel­lende und ange­wandte Kün­ste sind hier alle­samt von Rel­e­vanz, da Kunst­werke, Desig­nob­jek­te und Bauw­erke gle­icher­maßen bilden, darstellen und nutzen. Die Ausstel­lung oder Samm­lung eines Kunst­werkes schafft eben­so einen Anwen­dungszweck, wie das Bewohnen eines Haus­es oder das Her­stellen eines Gebrauchs­ge­gen­standes. Den Beleg dafür liefern die ein­drucksvollen Samm­lun­gen kul­turgeschichtlich­er Museen aus aller Welt, in denen kaum ein Kunst­werk gezeigt wird, für das kein Gebrauch­szweck angegeben wer­den kann. Kun­st bein­hal­tet alle Prax­is­felder kün­st­lerisch­er Gestal­tung, von Plas­tik, Malerei, Zeich­nung und Grafik bis hin zu Kun­sthandw­erk, Design, The­ater, Tanz, Film, Architek­tur, Städte­bau und Medi­engestal­tung. Alle Bere­iche mod­ern­er Gesellschaften sind heute so kom­plex gestal­tet, dass eine erfol­gre­iche und sin­ner­füllte Teil­habe nur möglich ist, wenn das Indi­vidu­um ein Grund­ver­ständ­nis der man­nig­falti­gen Codierun­gen des Kul­tur­raums erwor­ben hat.

Daher wird es immer dringlich­er, dass sich der Kun­stun­ter­richt mit den her­aus­ra­gen­den Werken aller Gestal­tungs­diszi­plinen, ins­beson­dere mit deren ideengeschichtlichen, tech­nol­o­gis­chen, sozialen, ökonomis­chen und kom­mu­nika­tiv­en Bedeu­tun­gen auseinan­der­set­zt. Den tradierten Kern­bere­ich ‚bilden­der Kün­ste‘ for­men Diszi­plinen wie Bild­hauerei, Zeich­nung, Malerei und Grafik, Kun­sthandw­erk und Baukun­st, die heute sowohl in freien wie ange­wandten For­men prak­tiziert wer­den. Hinzu kom­men andere his­torisch gewach­sene Kul­tur­prak­tiken wie die tex­tilen Kün­ste, die Buchkun­st, Schmuck­kun­st, aber auch neue zeit­basierte Kün­ste wie Film, Video, Per­for­mance, Medi­enkun­st, Konzep­tkun­st oder Szenis­ches Schreiben, die sym­bi­o­tisch mit ‚darstel­len­den Kün­sten‘ wie dem Schaus­piel, The­ater und Tanz verknüpft sind. Aus der Baukun­st sind die Diszi­plinen Architek­tur, Innenar­chitek­tur, Land­schaft­sar­chitek­tur, Städte­bau, Kon­servierung und Restau­rierung sowie Bauer­hal­tung und Denkmalpflege her­vorge­gan­gen.

Die von zunehmender Indus­tri­al­isierung getriebene Mod­erne hat viele alte Handw­erks­berufe ver­drängt und das Kun­sthandw­erk mar­gin­al­isiert, während hun­derte neuer Berufe im planer­isch konzep­tionellen sowie handw­erk­lich aus­führen­den Bere­ich geschaf­fen wur­den. Handw­erks­berufe und gestal­ter­ische Beruf­saus­bil­dun­gen umfassen so unter­schiedliche Tätigkeit­en wie Pro­duk­t­gestal­ter, Gestal­ter für visuelles Mar­ket­ing, Medi­engestal­ter, Fotograf, Glas­bild­ner, Rau­mausstat­ter, Gold­schmied, Keramik­er, Maler- und Lack­ier­er, Stein­metz, Mau­r­er, Restau­ra­tor oder Ver­gold­er. Dem gegenüber ste­hen Design­stu­di­engänge wie Indus­triedesign, Keramik- und Glas­de­sign, Spiel- und Lern­de­sign, Design audio­vi­sueller Medi­en, Kom­mu­nika­tions­de­sign, Mod­edesign, Tex­tilde­sign, Büh­nen­bild, Kostüm­bild, Mul­ti­me­di­ade­sign, VR-Design oder Gamedesign. Der Schw­er­punkt gestal­ter­isch­er Stu­di­engänge liegt auf dem kom­plex­en Entwer­fen, während das Handw­erk Fer­tigkeit­en zur prak­tis­chen Umset­zung ver­mit­telt. Der Kun­stun­ter­richt sollte aus bei­den Prax­is­feldern schöpfen, also kreative Ideen­pro­duk­tion und Prak­tiken zu ihrer Umset­zung ver­mit­teln. Wir kön­nen heute vieles, doch niemals alles voraus­pla­nen, weshalb jede kom­plexe Gestal­tungsauf­gabe, wie das Her­stellen von Gebäu­den, Fil­men oder Insze­nierun­gen, auf das Zusam­men­wirken aller am Werk Beteiligten angewiesen ist. In einem kom­plex­en kom­mu­nika­tiv­en Prozess entste­hen Gesamtkunst­werke, an welchen eine Vielzahl von Beteiligten mit unter­schiedlichen Auf­gaben, Meth­o­d­en und Inhal­ten in Tea­mar­beit zusam­men­wirken müssen. Die Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en zum kom­plex­en Gestal­ten bilden eine Schlüs­selkom­pe­tenz, die nir­gend­wo bess­er als im Schul­fach Kun­st ver­mit­telt wer­den kann.

Mit der Dig­i­tal­isierung mod­ern­er Gesellschaften ist eine Vielzahl medi­aler Berufe ent­standen, in denen die ‚Gestal­tung von Kom­mu­nika­tion‘ prak­tiziert und the­o­retisch reflek­tiert wird. Stu­di­engänge wie Druck- und Medi­en­tech­nolo­gie, Medi­en­in­for­matik, Mobile Medi­en, Online-Medi­en-Man­age­ment, Medi­en­wirtschaft, Medi­a­pub­lish­ing, Infor­ma­tions­de­sign, Wer­bung und Mark­tkom­mu­nika­tion, Com­put­er Sci­ence and Media, Cross­me­dia Pub­lish­ing & Man­age­ment, Medi­en­man­age­ment oder Unternehmen­skom­mu­nika­tion grün­den sich auf grundle­gende Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en zur visuellen Kom­mu­nika­tion, auf ästhetis­che Wahrnehmung, bild­ner­ische Vorstel­lungskraft und Darstel­lungs­fer­tigkeit­en in Schrift und Bild. Das the­o­retis­che Feld der Reflex­ion, Ord­nung, Bew­er­tung und Ver­mit­tlung kün­st­lerisch­er Prax­is reicht von der Kun­st­geschichte über die Kun­st­päd­a­gogik bis hin zu neuen Tätigkeits­feldern wie Kun­st­man­age­ment, Kun­st- und Kul­turver­mit­tlung oder Kul­tur­jour­nal­is­mus.

Der Kun­stun­ter­richt kann von den diversen beru­flichen Hand­lungs­feldern gestal­ter­isch­er Fachrich­tun­gen in hohem Maße prof­i­tieren, wenn Prak­tiken und The­o­rien ver­schieden­er Diszi­plinen nach Kri­te­rien wie soziokul­turelle Rel­e­vanz, Exem­plar­iz­ität und Diver­sität aus­gewählt und im Lehramtsstudi­um ver­mit­telt wer­den. Die vie­len Wege zur Kun­st und zum Kun­stver­ständ­nis zeigen, dass und wie wir in allen Gestal­tungs­diszi­plinen unsere materielle und geistige Kul­tur bewahren und erneuern kön­nen. Kunst­werke aus allen gestal­ter­ischen Hand­lungs­feldern sind das Archiv kul­tureller Tra­di­tion, kul­tureller Bil­dung und Vor­bild neuer kul­tureller Schöp­fun­gen. Sie prä­gen unser Selb­stver­ständ­nis, unseren Gemein­schaftssinn und unsere Iden­tität. Ihre Meth­o­d­en sind stets hochrel­e­vant, hoch­pro­duk­tiv und Motor unseres kul­turellen Fortschritts.

Konsequenzen für Lehrerbildung und Schulunterricht im Fach Kunst

Zeit­gemäßer Kun­stun­ter­richt muss die Ein­heit aller Kün­ste repräsen­tieren und zwar so, dass ein Quer­schnitt der gestal­ter­ischen Stu­di­engänge unser­er Hochschulen, Uni­ver­sitäten und Kun­sthochschulen abge­bildet wird. Ich selb­st habe als Hochschullehrer den kon­tro­ver­sen Diskus­sion­sprozess an der ‚Burg Giebichen­stein Kun­sthochschule Halle‘ miter­lebt, welch­er mit der Umbe­nen­nung des Titels ein­herge­gan­gen ist. Am Ende stand fest, dass bei­de Fakultäten nicht mehr als ‚Hochschule für Kun­st und Design‘, son­dern ein­heitlich als Kun­sthochschule wahrgenom­men wer­den wollen. Unter dem Dach ein­er Kun­sthochschule sind freie wie ange­wandte Kün­ste vere­int, was die gegen­seit­ige Wahrnehmung sowie den schöpferischen Dia­log in The­o­rie und Prax­is fördert.

Dieser Ansatz ist nur mit ein­er Reform der Lehrerbil­dung zu real­isieren, in deren Folge weit mehr Prax­is­diszi­plinen als bish­er Raum erhal­ten soll­ten. Zum Lehramtsstudi­um Kun­st gehören nicht nur Grafik, Malerei und Bild­hauerei, son­dern eben­so zeit­genös­sis­che Prax­is­felder aus Design, Architek­tur und Kun­sthandw­erk. Darüber hin­aus bedarf es der Erweiterung aller fachüber­greifend­en Lehrge­bi­ete wie Gestal­tungs­grund­la­gen, Kreativ­ität, manuelle und dig­i­tale Darstel­lungsmeth­o­d­en, Wahrnehmungspsy­cholo­gie, Kun­st­geschichte, Kul­tur­sozi­olo­gie, Kul­tur­philoso­phie, Kul­tur­wirtschaft und kün­st­lerische Forschung.

Dieses Prinzip muss von den Ver­ant­wor­tungsträgern aus den Fach­wis­senschaften, den Fach­di­dak­tiken und der Bil­dungspoli­tik unter Beteili­gung der Lehrerin­nen und Lehrer bes­timmt und regelmäßig aktu­al­isiert wer­den. Jedes andere Auswahl­prinzip muss sich mit dem Vor­wurf der Willkür­lichkeit auseinan­der­set­zen, der let­z­tendlich den Man­gel an gesellschaftlich­er Akzep­tanz begrün­det. Nach mein­er Ein­schätzung ist das vor allem eine Frage des poli­tis­chen Wil­lens, der die struk­turellen Defizite in der Lehrerbil­dung so schnell wie möglich beheben muss, damit sich das Fach Kun­st den Anforderun­gen mod­ern­er Gesellschaften stellen kann.

Der Kun­stun­ter­richt kann den vielfälti­gen Anforderun­gen mod­ern­er Gesellschaften nur dann gerecht wer­den, wenn die dafür notwendi­gen Voraus­set­zun­gen an den Ler­norten Uni­ver­sität, Kun­sthochschule und Schule geschaf­fen wer­den. Die derzeit­ige Gliederung des Lehramtsstu­di­en­ganges Kun­st in 1/3 Bil­dungswis­senschaften, 1/3 Erst­fach und 1/3 Zweit­fach ist ein his­torisches Relikt, das der Kom­plex­ität des The­o­rie- und Prax­is­feldes an kein­er Stelle mehr gerecht wird. In der Folge zeigt sich eine per­ma­nente Über­forderung aller Lehrerin­nen und -lehrer im Schul­fach Kun­st, die viele wichtige Inhalte heutiger Lehrpläne wie Gestal­tung mit dig­i­tal­en Medi­en oder Her­an­führung an Architek­tur und Design nicht mehr adäquat ver­mit­teln kön­nen. Es reicht nicht, wenn wir die Lehrpläne des Schul­fach­es Kun­st den Anforderun­gen mod­ern­er Gesellschaften anpassen, wir müssen auch Ver­mit­tlungskom­pe­tenz und Raum in der Lehrerbil­dung dafür schaf­fen! Die gesellschaftliche Akzep­tanz aller Kun­stlehrerin­nen und -lehrer würde hier­durch zugle­ich erhe­blich steigen. Das Lehramtsstudi­um Kun­st braucht das Voll­fach, damit die hier beschriebe­nen und oft bere­its in Lehrplä­nen verbindlich geforderten Inhalte und Kom­pe­ten­zen auf fach­di­dak­tis­ch­er und fach­prak­tis­ch­er Grund­lage ver­mit­telt wer­den kön­nen. Der schulis­che Kun­stun­ter­richt wiederum braucht nach meinem Dafürhal­ten von Anfang an den gle­ichen Zei­tum­fang wie das Fach Deutsch, wobei Blöcke von ganzen Tagen und Pro­jek­t­wochen gebildet wer­den müssen. Warum ich das Fach Deutsch als Ref­erenz her­anziehe, werde ich im näch­sten Abschnitt dar­legen.

Visuelle Kommunikation als zentrale Aufgabe der Kunstdidaktik

Neben der Kreativ­ität braucht jedes Indi­vidu­um in Schule und Beruf grundle­gende Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en zur ‚Visuellen Kom­mu­nika­tion‘. Diese anschauliche Form men­schlich­er Sprache schließt viele andere didak­tis­che Ansätze wie ‚Visu­al lit­er­a­cy‘ oder ‚Bild­kom­pe­tenz‘ ein. Die nach mein­er Ansicht extrem prob­lema­tis­che Reduk­tion der Inhalte und Meth­o­d­en visueller Kom­mu­nika­tion auf die Aspek­te Agi­ta­tion, Pro­pa­gan­da, Wer­bung und Mar­ket­ing, ver­stellt den Weg der Ver­mit­tlung ästhetisch kul­tureller Bil­dung im Sinne ein­er anschaulichen Sprachkom­pe­tenz. Bild- und Wort­sprache ste­hen gemein­sam im Zen­trum jed­er Erfahrungs­bil­dung, Infor­ma­tion­s­gestal­tung und Wis­sensver­mit­tlung, weshalb wir Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en zur visuellen Kom­mu­nika­tion ana­log zur Mut­ter­sprache ver­ste­hen und ver­mit­teln müssen.

Alle Begriffe unser­er Wort­sprache bleiben inhalt­sleer und ohne Sinnzusam­men­hang, wenn wir keine anschaulichen Vorstel­lun­gen damit assozi­ieren. Visuelle Kom­mu­nika­tion bein­hal­tet die Bil­dung der visuellen Wahrnehmungs­fähigkeit, der Vorstel­lungskraft wie eine Vielzahl manueller und dig­i­taler Darstel­lungs­fer­tigkeit­en. Visuelle Wahrnehmung ist eine Ver­ständ­nis­fähigkeit, die dem Zuhören oder Lesen der Wort­sprache ver­gle­ich­bar ist. Ein Betra­chter erschließt sich den Sinn und die Bedeu­tung der Erschei­n­ungswelt durch aktive Deu­tung und Inter­pre­ta­tion, die ihm erst hier­durch in Form von Bildern, Objek­ten oder Räu­men gegenüber­tritt. Die anschauliche Vorstel­lungskraft wiederum grün­det sich auf ein Reper­toire an bild­ner­ischen Objek­ten und ihren Sinnbeziehun­gen, das wir ana­log zum Reper­toire unser­er Wort­sprache über aktive For­men der Aneig­nung erwer­ben müssen.

Lesen und Deuten sind gle­icher­maßen die wichtig­sten For­men unser Vorstel­lung, unseres Denkens und Schaf­fens. Die Vielzahl der anschaulichen Darstel­lungs­fer­tigkeit­en dienen uns nicht nur zu Illus­tra­tion von Worten und Tex­ten! Grafiken, Bilder und bild­hafte Erzäh­lun­gen sind eine eigene Sprache, deren Ken­nt­nis in The­o­rie und Anwen­dung­sprax­is zur Infor­ma­tionsvi­su­al­isierung, Wis­sensver­mit­tlung und Schaf­fung von Ori­en­tierung unverzicht­bar ist. Wir bauen Städte, Gebäude und Objek­te, schaf­fen Bilder, Plas­tiken und Filme, die uns zugle­ich ver­mit­teln, wie wir sie lesen und gebrauchen sollen. Der gesamte Kul­tur­raum funk­tion­iert wie ein anschaulich­es Archiv soziokul­tureller Prak­tiken und The­o­rien, wenn wir gel­ernt haben, ihn solcher­maßen zu deuten und zu gebrauchen.

Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en zur ver­balen und visuellen Kom­mu­nika­tion bilden daher die Voraus­set­zung für eine erfol­gre­iche und ver­ant­wor­tungs­be­wusste Teil­habe an mod­er­nen Medi­enge­sellschaften. Die bild­ner­ische Form der Sprach- und Medi­enkom­pe­tenz ist ein Kern­bere­ich der Kun­st, weshalb Schü­lerin­nen und Schüler im Schul­fach Kun­st von Beginn an, und weit mehr noch als bish­er, anschaulich Lesen und Schreiben ler­nen müssen, wom­it zugle­ich auch die Ver­mit­tlung ästhetis­ch­er, kul­tureller und ethis­ch­er Werte ein­herge­ht. Jed­er Men­sch sollte ler­nen, ein­fache wie kom­plexe Sachver­halte und Prozesse anschaulich darzustellen! Der Ver­mit­tlung­sprozess sollte mit analo­gen Medi­en wie Skizze, Zeich­nung, Grafik, Col­lage, Mod­ell, Malerei, Tanz und The­ater begin­nen, später in Kom­bi­na­tion mit dig­i­tal­en Medi­en wie Fotografie, Film, Ani­ma­tion, Print­me­di­en, App- und Web­de­sign weit­erge­führt wer­den.

Die anschauliche Form der Wahrnehmung, Abstrak­tion, Ord­nung, Darstel­lung und Ver­mit­tlung von Infor­ma­tion bildet einen Kernbe­standteil mod­ern­er Wis­sens­ge­sellschaften. Die stetig wach­sende Bedeu­tung inter­ak­tiv­er Medi­en wie Web­seit­en, App­lika­tio­nen und Inter­net­plat­tfor­men dient nicht nur der Infor­ma­tionsver­mit­tlung, son­dern gener­iert zudem völ­lig neue soziale Prak­tiken, ökonomis­che Waren­ströme und kul­turelle Aktiv­itäten. Der Erwerb von Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en zur Inter­pre­ta­tion und Ver­an­schaulichung kom­plex­er Erken­nt­nisse in Form von Skizzen, Zeich­nun­gen, Illus­tra­tio­nen, Fotografien, Fil­men, Prozess­grafiken, Funk­tion­ss­chema­ta, Info­grafiken, Ani­ma­tio­nen und inter­ak­tiv­en App­lika­tio­nen gehört heute zur All­ge­mein­bil­dung jedes Men­schen! Die Voraus­set­zung zur Teil­habe an der Gestal­tung mod­ern­er Gesellschaften kann auf Grund des großen Umfangs und des hohen Maßes an Kom­plex­ität nur durch einen umfassenden Bil­dung­sprozess erwor­ben wer­den.

Die Gestal­tung des Kul­tur­raums spiegelt den Dialog­prozess zwis­chen Men­sch und Umwelt, da jede Gen­er­a­tion durch Anschau­ung lernt, sich dabei eigene Fra­gen stellt und nach zeit­gemäßen Antworten zur Lösung indi­vidu­eller und gesellschaftlich­er Prob­leme sucht. Das Betra­cht­en eines Kunst­werks kann eben­so lehrre­ich sein, wie das Lesen eines Buch­es, wenn wir die Kom­plex­ität der Botschaft richtig deuten, ihren Wert kri­tisch beurteilen und unsere Res­o­nanz in anschaulich­er wie ver­baler Form zum Aus­druck brin­gen kön­nen.

Um noch klar­er zu machen, worauf ich in diesem Beitrag hin­aus will, möchte ich ein kleines Gedanken­spiel mit Ihnen machen. Was hal­ten Sie von dieser Argu­men­ta­tion des all­ge­mein­bilden­den Unter­richts­fach­es Kun­st: „Der Kun­stun­ter­richt leis­tet einen wesentlichen Beitrag zur anschaulichen, kün­st­lerischen und medi­alen Bil­dung der Schü­lerin­nen und Schüler. Er macht sie ver­traut mit den For­men anschaulich­er Kom­mu­nika­tion und Kun­st als Mit­tel der Wel­ter­fas­sung und Wirk­lichkeitsver­mit­tlung, der zwis­chen­men­schlichen Ver­ständi­gung, der Analyse und Reflex­ion, aber auch der Prob­lem­lö­sung und kreativ­en Gestal­tung.

Wenn Sie diesen Kurz­text googeln, wer­den sie ihn mit weni­gen Verän­derun­gen unter „Leitgedanken zum Kom­pe­ten­z­er­werb, zen­trale Auf­gaben des Fach­es Deutsch“ find­en.5 Ich habe darin nur die fett geset­zten fünf Worte aus­ge­tauscht, welche den Zusam­men­hang und Unter­schied zwis­chen den bei­den primären Kom­mu­nika­tions­for­men men­schlich­er Wahrnehmung, Vorstel­lung und Gestal­tung bele­gen: „Der Deutschunter­richt leis­tet einen wesentlichen Beitrag zur sprach­lichen, lit­er­arischen und medi­alen Bil­dung der Schü­lerin­nen und Schüler. Er macht sie ver­traut mit Sprache und Lit­er­atur als Mit­tel der Wel­ter­fas­sung und Wirk­lichkeitsver­mit­tlung, der zwis­chen­men­schlichen Ver­ständi­gung, der Analyse und Reflex­ion, aber auch der Prob­lem­lö­sung und kreativ­en Gestal­tung.

Es gibt es fach­spez­i­fis­che Eigen­heit­en in der ver­balen und anschaulichen Form unser­er Sprachkom­pe­tenz, vor allem was die Geschichte, Reper­toire, Meth­o­d­en, Medi­en und Tech­niken bet­rifft. Wichtiger jedoch sind die Gemein­samkeit­en, da sich unser Vorstellen, Denken und Han­deln erst an unseren Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en zur Ver­bal­isierung und Ver­an­schaulichung kom­plex­er inhaltlich­er Ideen und Prozesse zeigt. Darüber hin­aus sind es Kom­pe­ten­zen in Wort und Bild, welche über die Zukun­ft “dig­i­taler Gesellschaften” entschei­den.

Kunst ist allgegenwärtig und geht uns alle an

Von Eltern bekommt man häu­fig Sätze wie diesen zu hören: „Wozu braucht mein Kind Kun­st, es soll doch kein Maler wer­den!“ Math­e­matik­er, Schrift­steller oder Physik­er soll das Kind ver­mut­lich auch nicht wer­den, doch ähn­lich wie in Poli­tik und Bil­dungswis­senschaften schätzen auch die meis­ten Eltern den Nutzen dieser Schulfäch­er für die All­ge­mein­bil­dung deut­lich höher ein. Diese Tat­sache ist beson­ders prob­lema­tisch für die Akzep­tanz des Schul­fach­es Kun­st, da sich Bew­er­tun­gen der Eltern sehr schnell auf Wertschätzung, Engage­ment und Lern­er­folg der Kinder über­tra­gen.

Kun­st wird heute in weit­en Teilen der Gesellschaft als Freizeitbeschäf­ti­gung bürg­er­lich­er Eliten betra­chtet, was ein exis­ten­zielles Prob­lem für das gle­ich­namige Schul­fach schafft. Die bildende Funk­tion der visuellen Wahrnehmung im All­t­ag oder selb­s­tini­ti­ierte ästhetis­che Lern­prozesse wie die Gestal­tung der eige­nen Iden­tität in sozialen Net­zw­erken wer­den von Lehrern wie Schülern viel zu sel­ten als kün­st­lerische Prozesse betra­chtet. Dabei wen­den die meis­ten Schü­lerin­nen und Schüler für diese informellen Lern­prozesse weit mehr Zeit auf und arbeit­en sehr viel engagiert­er, als bei vie­len Auf­gaben im Kun­stun­ter­richt. Auch viele pro­gres­sive Ansätze zur Erweiterung und Erneuerung der Kun­st­prax­is wie die Pop Art oder die Aktion­skun­st wer­den heute auf kon­ven­tionelle Weise in muse­al­er Form ver­mit­telt und weniger als lebendi­ge Mah­nun­gen zur Notwendigkeit ein­er beständi­gen Rev­o­lu­tion des Kun­st­be­triebs begrif­f­en. Die etablierte und von weit­en Teilen der Bevölkerung abgelehnte Rezep­tion von Kun­st find­et sich im Kul­turteil bürg­er­lich­er Zeitun­gen oder Kul­tursendun­gen, die fernab der Hauptein­schaltzeit­en zu sehen sind. Inter­esse an Kun­st- und Kul­tursendun­gen, wie der anerkan­nten Kun­st- und Kul­turszene, zeigen 4–6% der Bevölkerung, wobei diese Zahlen nicht die Neugi­er auf zeit­genös­sis­che Kun­st, son­dern das Inter­esse an Kun­st und Kul­tur im All­ge­meinen bele­gen.6

Diese Zahlen müssen wir zur Ken­nt­nis nehmen, da sie zwar nichts über den kul­turellen Wert zeit­genös­sis­ch­er Kun­st aus­sagen, wohl aber über deren Wertschätzung in großen Teilen der Bevölkerung. In den Massen­me­di­en ver­schmilzt der Begriff Kun­st mit den elitären Struk­turen des Kun­st­mark­ts, wo Name und Mark­twert der Kün­stler die Gegen­warts­be­deu­tung der meis­ten Kunst­werke prä­gen. Das Sam­meln von Kun­st ver­spricht die Zuge­hörigkeit zu einem elitären Klub.7 Her­aus­ra­gende Kun­st definiert sich in den Augen viel­er Men­schen über den Preis, eine fol­gen­schwere Fehlein­schätzung, die viel über die Gesellschaft sagt, doch die Akzep­tanz des Schul­fach­es in weit­en Teilen der Gesellschaft aushöhlt. In der Logik des Kun­st­mark­ts wird auch die Kun­st­geschichte zu ein­er stil­bilden­den Show von Super­stars, deren Werke wir kon­sum­ieren und deren Biografien wir bewun­dern. Das ver­stellt den Blick auf die vie­len Kul­turschaf­fend­en der Gegen­wart, die unent­deckt den Ideen­re­ich­tum mod­ern­er Gesellschaften pro­duzieren und in alltäglichen oft prekären Sit­u­a­tio­nen mit­ten unter uns leben. Begeben wir uns auf die Suche!

Die Bedeu­tung der Kun­st für mod­erne Gesellschaften ste­ht und fällt mit der Begriffs­bes­tim­mung, weshalb ich auf dem Hin­ter­grund mein­er Erfahrun­gen in Didak­tik, The­o­rie und Prax­is der Gestal­tung für einen erweit­erten Kun­st­be­griff plädieren möchte. Wis­senschaftler iden­ti­fizieren sich mit ihrem Wis­sen und beze­ich­nen sich fol­gerichtig als Biologe, Physik­er, Philosoph oder Sozi­ologe. Kün­stler soll­ten sich mit ihrem Kön­nen iden­ti­fizieren und sich als Maler, Zeich­n­er, Regis­seur und Architekt beze­ich­nen. Es ist eben­so para­dox, zwis­chen einem Kün­stler und einem Design­er zu unter­schei­den, wie zwis­chen einem Wis­senschaftler und einem Chemik­er. Natür­lich kön­nen wir über mehrere Aus­drucks­for­men ver­fü­gen und Werke in ver­schiede­nen Fachdiszi­plinen schaf­fen, auch das ist in den Wis­senschaften nicht sel­ten der Fall und führt zu ein­er Aufzäh­lung und Gewich­tung der Pro­fes­sio­nen. Während in den natur­wis­senschaftlichen Lehramtsstu­di­engän­gen Inhalte und Meth­o­d­en der Fachdiszi­plin ver­mit­telt wer­den, müssen sich ange­hende Kun­stlehrerin­nen und -lehrer mit einem unge­mein größeren The­o­rie- und Prax­is­feld auseinan­der­set­zen. Das Schul­fach Kun­st braucht die Reduk­tion auf das Wesentliche, die Ziele jed­er All­ge­mein­bil­dung, die geistige, ethis­che und ästhetis­che For­mung der Per­sön­lichkeit.

Vielle­icht begin­nt der Weg zu ein­er zeit­gemäßen Kun­st­di­dak­tik mit ein­er kurzen Rückbesin­nung auf die Anfänge des Kun­stun­ter­richts, da die Ein­führung eines neuen Schul­fach­es ein hohes Maß an Akzep­tanz inner­halb der Gesellschaft voraus­set­zt. Die Begrün­dung eines all­ge­mein­bilden­den Schul­fach­es Kun­st wurzelt im didak­tis­chen Poten­zial des Zeich­nens. Während wir uns die ‚Wege zur Wis­senschaft‘ über das Lesen und Schreiben eröff­nen, kön­nen wir uns die ‚Wege zur Kun­st‘ auf method­isch ver­gle­ich­bare Weise über das Zeich­nen erschließen, insofern dieses die Bil­dung unser­er visuellen Wahrnehmungs­fähigkeit bein­hal­tet. Das Zeich­nen ist auch heute noch die Grund­lage aller Kün­ste, wenn wir es als anschauliche Form unser­er Sprache begreifen und ver­mit­teln. Das Zeich­nen gehört neben der Wort­sprache zu den wichtig­sten Kul­turtech­niken des Men­schen, da es mit der Erfas­sung von Phänome­nen begin­nt, sich mit der Ent­deck­ung unser­er Sym­bol­welt fort­set­zt und über die Visu­al­isierung von Wis­sen und Geschicht­en, Ideen und Konzepten sowie Kon­struk­tio­nen und Fer­ti­gung­sprozessen zu größter Kom­plex­ität find­et. Unsere Zeichen­tech­niken und Darstel­lungswerkzeuge haben sich in den let­zten hun­dert Jahren extrem schnell weit­er­en­twick­elt und diver­si­fiziert. Geze­ich­net wird in jed­er kün­st­lerischen Diszi­plin, ob mit Stift, Pin­sel, Mod­ell, Kör­p­er, Kam­era oder Com­put­er-Inter­face. Viele Men­schen kön­nen ihre Wahrnehmungen und Vorstel­lun­gen bess­er über zeich­ner­ische Fer­tigkeit­en zum Aus­druck brin­gen, als über die Mit­tel der Wort­sprache. Die Didak­tik des Zeich­nens eröffnet uns damit neue Wege zur effek­tiv­eren Inklu­sion und Inte­gra­tion. Jed­er Men­sch sollte ler­nen, abstrakt und konkret zu zeich­nen, zu skizzieren oder zu kon­stru­ieren, zu impro­visieren oder ziel­gerichtet zu arbeit­en, frei aus der Fan­tasie zu schöpfen oder präzise eine Vor­lage zu repro­duzieren, um hier­durch eigene Ideen, Konzepte und Prozesse zu visu­al­isieren.

In der Arbeitswelt find­et der Lern­prozess seine Fort­set­zung in den ange­wandten Zeichen­tech­niken, die im weit­en Sinne alle Berufs­felder. In mein­er beru­flichen Lauf­bahn musste ich ler­nen, als Stein­metz mit Ham­mer und Meißel plas­tis­che For­men ins Mate­r­i­al zu zeich­nen. Als Architekt habe ich gel­ernt, Ideen und Konzepte zu skizzieren, imag­i­na­tive Räume grafisch zu visu­al­isieren und Hand­lungsan­weisun­gen für eine Vielzahl von Pro­jek­t­beteiligten tech­nisch zu zeich­nen. Als Medi­enkün­stler wiederum habe ich erfahren, wie man mit Licht zeich­nen kann, um Men­schen emo­tion­al zu bewe­gen, ihre Wahrnehmung zu verän­dern und ihnen neue Sichtweisen ver­trauter Umwel­ten zu eröff­nen. Als Hochschullehrer, Autor, Ref­er­ent, Tagungsleit­er und kün­st­lerisch­er Leit­er großer Ausstel­lung­spro­jek­te schließlich muss ich meine Vorstel­lun­gen nahezu täglich für Experten und Laien skizzieren, wobei ich auf eine Vielzahl an Medi­en und Visu­al­isierung­stech­niken zurück­greife. Jede Zeichen­tech­nik hat ihre eigene Ästhetik, ihre tech­nis­chen und materiellen Gren­zen, ihr inhaltlich­es und for­males Aus­druckspoten­zial und ihre medi­en­spez­i­fis­che Gestal­tungsmethodik. Die Prax­is des Kun­stun­ter­richts hat vielerorts bere­its damit begonnen, die method­is­chen Poten­ziale des Zeich­nens in seinen prax­is­be­zo­ge­nen, medi­en­spez­i­fis­chen Aus­for­mungen zu erken­nen und zu nutzen.

Jeder Mensch ist ein Künstler, sobald wir uns dessen bewusst werden

Die Ästhetik ist ein Pro­jekt der Aufk­lärung. Ihr Begrün­der Alexan­der Baum­garten sah darin die anschauliche Form unseres kog­ni­tiv­en Weltzu­gangs. Nach Immanuel Kant soll der aufgek­lärte Men­sch sein­er selb­stver­schulde­ten Unmündigkeit entkom­men, indem er den Mut find­et, sich seines Ver­standes ohne Leitung eines andern zu bedi­enen. Durch nahezu unbe­gren­zte Möglichkeit­en der Repro­duk­tion und Medi­en­präsenz ist Kun­st heute zum All­ge­meingut gewor­den. Alle Men­schen sind zumin­d­est poten­tielle Kün­stler, die durch eigene schöpferische Selb­st­tätigkeit und Bil­dung ihrer Wahrnehmung zur Mündigkeit und all­seit­i­gen Ent­fal­tung ihrer Ver­an­la­gun­gen gelan­gen kön­nen. Kun­st und Wis­senschaft sind die bei­den grundle­gen­den For­men unseres Weltzu­gangs. Genau hier find­et sich die Wurzel der Kun­st­di­dak­tik. Kun­st ist all­ge­gen­wär­tig! Kun­st geht uns alle an! Kun­st ist dort, wo sich Men­schen schöpferisch betäti­gen, wo im kün­st­lerischen Prozess mit kün­st­lerischen Mit­teln am Werk gear­beit­et wird! Was vom kün­st­lerischen Prozess bleibt, zeigt sich an der kul­turellen Bil­dung des Indi­vidu­ums wie am Werk, der ästhetis­chen Man­i­fes­ta­tion ein­er end­losen Suche, die immer wieder neue Fra­gen aufwirft, neue Antworten her­aus­fordert und neue schöpferische Gestal­tung­sprozesse anregt. Die ästhetis­che Auseinan­der­set­zung mit dem Erschei­n­ungs­bild der alltäglichen Lebenswelt gehört eben­so in den Kun­stun­ter­richt, wie das Wis­sen um die her­aus­ra­gen­den Werke der Kul­turgeschichte. Durch die Offen­le­gung der Ideengeschichte erhal­ten die Werke der Ver­gan­gen­heit ihre Rel­e­vanz für das Ver­ständ­nis und die Gestal­tung der Gegen­wart.

Jed­er Men­sch betreibt eine Form von Kun­strezep­tion im All­t­ag, wenn wir die Auseinan­der­set­zung mit der Gesamtheit unser­er materiellen und geisti­gen Kul­tur in den Blick nehmen, also auch die Beschäf­ti­gung mit Kun­sthandw­erk, Design und Architek­tur. Ein Blick auf die Muse­um­s­land­schaft und ihre Besuch­szahlen belegt, dass die unter dem Erweit­erten Kun­st­be­griff prak­tizierte Kun­strezep­tion bere­its einen wichti­gen Bil­dungs­fak­tor mod­ern­er Gesellschaften darstellt.7 Mehr als 110 Mil­lio­nen Muse­ums­be­suche wer­den pro Jahr allein in Deutsch­land reg­istri­ert, wo die nach wie vor ras­ant wach­sende Anzahl von inzwis­chen mehr als 6.000 Ein­rich­tun­gen die gesamte Kul­tur­land­schaft in Geschichte und Gegen­wart repräsen­tiert. Das muse­ale Inter­esse der Bevölkerung gilt der gesamten materiellen und geisti­gen Kul­tur der Men­schheit, den soge­nan­nten Kun­st­museen, wie den Museen für Volks- und Heimatkunde, Naturkunde, Natur­wis­senschaft, Tech­nik, Architek­tur, ange­wandte Kun­st, Kun­sthandw­erk, Film und Fotografie.

Neben der Aura des Orig­i­nals wer­den oft­mals erk­lärende Bilder, Texte, Grafiken und Filme zu Ver­mit­tlungszweck­en einge­set­zt. Die Wirk­macht der Museen grün­det sich auf die ästhetis­che Überzeu­gungskraft der Exponate und die anschauliche Form der Wis­sensver­mit­tlung, was jed­er sofort erken­nen kann, der sich mit geschlosse­nen Augen durch ein Muse­um führen lässt. Sprache bleibt inhalt­sleer, wo uns die Anschau­ung fehlt. Die ästhetis­che Bil­dung unser­er Wahrnehmung, das Wis­sen um his­torische Kon­texte und die Ver­mit­tlung von kog­ni­tiv­en Fähigkeit­en zur Deu­tung anschaulich­er Arte­fak­te sind Ker­nauf­gaben des Kun­stun­ter­richts. Dass die heutige Stun­de­nan­zahl im Kun­stun­ter­richt all­ge­mein­bilden­der Schulen dafür kaum Raum lässt, darf kein Grund sein, diese Bil­dungslücke zu überse­hen. Für wen sam­meln, archivieren, pfle­gen und bewahren wir die Werke der Kul­tur? Warum bauen wir viele aufwendi­ge Häuser zur Ausstel­lung von Kul­tur, in denen wir die Werke in Form the­ma­tis­ch­er Ausstel­lun­gen zusam­men­stellen und der Öffentlichkeit zu Bil­dungszweck­en anbi­eten, wenn kaum jemand gel­ernt hat, sie zu deuten und für die Gestal­tung der Gegen­wart nutzbar zu machen?

Die größten anschaulichen Archive der Men­schheit­skul­tur find­en sich nicht allein in den Museen, son­dern in den Sied­lungsräu­men von Gesellschaften. Wir kön­nen unge­mein viel von zeit­genös­sis­chen und his­torischen Arte­fak­ten wie Brück­en, Bah­nen, Gebäude, Straßen, Ein­rich­tungs- und Gebrauchs­ge­gen­stän­den ler­nen, wenn wir es ver­mö­gen, das Erschei­n­ungs­bild im Kon­text ihrer Ideen- und Entste­hungs­geschichte zu deuten. Das UNESCO-Wel­terbe zählt viele Städte auf, die als kul­turelle Arte­fak­te erhal­ten und als Bil­dungsstät­ten besucht wer­den. Eine Stadt wie Venedig verze­ich­net allein 30 Mil­lio­nen Besuch­er pro Jahr, die informell oder ganz bewusst von diesem Gesamtkunst­werk prof­i­tieren. Nicht das einzelne Arte­fakt, son­dern die Summe aller bedeu­ten­den Kul­turleis­tun­gen in ihrem räum­lichen und zeitlichen Zusam­men­hang ver­mit­telt uns ein ver­ständlich­es Bild von Gesellschaft, ganz gle­ich in welchen Teil der Welt wir uns umschauen. Wer wollte den Canale Grande von den Baut­en und Plätzen Venedigs tren­nen, den Fas­saden und Ein­rich­tun­gen der Kirchen, Paläste und Bürg­er­häuser, den Brück­en und Trans­port­mit­teln, den Masken, Bek­lei­dun­gen und Arte­fak­ten. Wichtiger noch als die Wahrnehmung von Arte­fak­ten ist die Analyse ihrer Stel­lung zueinan­der und zum Ganzen, aus der sich unsicht­bare Gesellschafts­for­men und ihre Prak­tiken rekon­stru­ieren lassen. Der ästhetis­che Zugang zum Weltkul­turerbe und Welt­na­turerbe ist uns nicht ange­boren, wie die bar­barischen Akte der Kul­tur- und Naturz­er­störung zu ver­schiede­nen Zeit­en und an unter­schiedlichen Orten dieser Welt immer wieder zeigen. Aufk­lärung kön­nen alle Schulfäch­er betreiben. Wertschätzung jedoch entste­ht erst durch die Reflex­ion der eige­nen Selb­st- und Umwelt­wahrnehmung und die aktive Teil­habe am Schöp­fung­sprozess, was nir­gend­wo bess­er als im Kun­stun­ter­richt ver­mit­telt wer­den kann!

Kun­st ist die Form, in der sich Geschichte ereignet! Sie passiert heute und hier oder in anderen Teilen der Welt, die wir bereisen oder uns medi­al erschließen. Kun­st ist immer aktuell! Kun­st besitzt eine emo­tionale Überzeu­gungskraft, die Gesellschaften vere­int, tren­nt, kon­sti­tu­iert und verän­dert! Wer ein Beispiel für die Aktu­al­ität und Wirk­macht der Kun­st in dem von mir beschriebe­nen erweit­erten Sinn braucht, schaue sich die Bilder ertrunk­en­er Flüchtlingskinder an, die eine Welle der Hil­fs­bere­itschaft aus­gelöst und unsere so Welt nach­haltig verän­dert haben. Die Macht der Bilder ent­fal­tet sich in den medi­en­wirk­samen Aktio­nen der Ter­ro­ror­gan­i­sa­tion ‚Islamis­ch­er Staat‘, deren Hass und Zer­störungswut sich gegen Jahrtausende alte Tem­pelan­la­gen sowie das frei­heitliche Leben europäis­ch­er Zivilge­sellschaften richtet. Die über Inter­net ver­bre­it­eten Bilder der Kul­turver­nich­tung und Frei­heits­beschränkung erzeu­gen und vere­inen den Wider­stand von Men­schen über alle Reli­gion­s­gren­zen hin­weg. Sie bilden einen Teil unseres kollek­tiv­en Bildgedächt­niss­es und wer­den zur anschaulichen Erzäh­lung von Geschichte. Wo ler­nen wir den Respekt vor den Werken ander­er Men­schen und Kul­turen, wenn nicht über die eigene Kun­st­prax­is, in der wir jeden kleinen Schritt bis zum eige­nen Werk über große Anstren­gun­gen und Wieder­stände hin­weg erkämpfen müssen, die uns zeitlebens im Gedächt­nis bleiben. Und wo kön­nten wir dem Fühlen und Denken fremder Völk­er und Reli­gio­nen wirk­samer begeg­nen, Fremde, Migranten und Flüchtlinge bess­er ver­ste­hen ler­nen, als durch die Auseinan­der­set­zung mit ihrer Kul­tur? Kun­st wirkt inte­gra­tiv, wenn wir gel­ernt haben, wie pro­duk­tiv und bere­ich­ernd die Begeg­nung mit frem­den Kul­tur­for­men für Gesellschaften gewe­sen ist und sein kann. Warum also frage ich am Ende mein­er Aus­führun­gen noch ein­mal, muss das Schul­fach Kun­st um seinen Stel­len­wert im Bil­dungssys­tem mod­ern­er Gesellschaften kämpfen?

Der gesamte Textbeitrag findet sich in der Publikation:

Aktuelle Posi­tio­nen der Kun­st­di­dak­tik
Mar­ti­na Ide, Chris­tine Korte-Beuck­ers, Fried­er­icke Rück­ert (Hrsg.)
ISBN/EAN: 9783867361538
kopaed 2016

Link Buch­han­del

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05.01.17 in Forschung, Wissenstransfer
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