
Internationale Untersuchung mit 593 kopftuchtragenden Musliminnen aus Deutschland und der Türkei liefert überraschende Erkenntnisse über Farbe, Persönlichkeit und Religiosität
Wuppertal/Berlin, 2026 – Welche Farbe trägt eine religiöse Muslimin und warum? In westlichen gesellschaftlichen und politischen Debatten wird das Kopftuch häufig hochgradig stereotypisiert und als Zeichen für Unterdrückung, patriarchale Homogenisierung oder reine Konformität diskutiert. Eine neue bahnbrechende Studie der Bergischen Universität Wuppertal und des Berliner Instituts für Islamische Theologie (Humboldt-Universitär zu Berlin) bricht nun empirisch mit diesen Klischees und zeigt: Die Farbwahl kopftuchtragender Musliminnen wird nicht primär durch religiöse Vorschriften bestimmt. Vielmehr nutzen Frauen Farben bewusst, um ihre Persönlichkeit auszudrücken, soziale Wirkung zu steuern und ihre Sichtbarkeit an unterschiedliche Alltagssituationen anzupassen.
Für die Studie Farben des Glaubens wurden 593 kopftuchtragende Musliminnen aus Deutschland und der Türkei befragt. Untersucht wurde erstmals systematisch, wie Persönlichkeit, Religiosität und sozialer Kontext die Farbwahl des Kopftuchs beeinflussen.
Dabei liefert die Studie einen Befund von gesellschaftspolitischer Sprengkraft, der gängigen Vorurteilen diametral widerspricht: Überwältigende 97 Prozent der befragten Frauen nennen ausschließlich ihren persönlichen Geschmack als wichtigsten Einflussfaktor ihrer Farbwahl. Familie, religiöse Autoritäten, soziale Medien oder gesellschaftliche Erwartungen spielen im Alltag dagegen eine völlig untergeordnete Rolle. Das zentrale Ergebnis: Religiöse Normen schränken den Spielraum zwar ein, löschen die individuelle Persönlichkeit und die weibliche Selbstbestimmung jedoch keineswegs aus.
„Wir konnten zeigen, dass Persönlichkeit selbst dort sichtbar bleibt, wo religiöse Erwartungen und soziale Normen die Farbwahl beeinflussen“, sagt Farbpsychologe Prof. Dr. Axel Buether von der Bergischen Universität Wuppertal. „Farben sind kein dekoratives Detail. Sie sind ein Instrument visueller Selbstkommunikation.“
Besonders überraschend ist ein Befund zur Religiosität: Nicht Weiß, sondern Schwarz zeigt den stärksten Zusammenhang mit einer ausgeprägten Taqwa-Orientierung. Dieser zentrale Leitbegriff islamischer Lebenspraxis beschreibt kein starres Dogma, sondern eine umfassende Haltung innerer Achtsamkeit, moralischer Integrität und ethischer Selbstformung im Alltag. Während Weiß häufig mit Reinheit und Spiritualität assoziiert wird, steht Schwarz in der Alltagspraxis offenbar stärker für Bescheidenheit, Ernsthaftigkeit und bewusst reduzierte Sichtbarkeit.
Gleichzeitig widersprechen die Daten einem weit verbreiteten Klischee: 97 Prozent der befragten Frauen nennen ihren persönlichen Geschmack als wichtigsten Einflussfaktor ihrer Farbwahl. Familie, religiöse Autoritäten, soziale Medien oder gesellschaftliche Erwartungen spielen eine deutlich geringere Rolle.
Auch der internationale Vergleich liefert bemerkenswerte Ergebnisse. Obwohl die formale Ausprägung der religiösen Grundorientierung bei den Frauen in Deutschland und der Türkei ein vergleichbares Niveau aufweist, unterscheidet sich die lebensweltliche Verortung dieses Glaubens im Alltag erheblich. Die Frauen nutzen in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Kontexten gänzlich andere visuelle Strategien. Während kopftuchtragende Musliminnen in Deutschland die Farbwahl häufiger als ein Medium für Individualität und Offenheit im Kontext einer pluralistischen Gesellschaft nutzen, ist die alltägliche Praxis in der Türkei stärker von traditionellen Mustern der Zurückhaltung und des visuelle „Nicht-Auffallens“ geprägt.
Für die Religionspädagogin und Theologin Prof. Dr. Tuba Işık liefert die Untersuchung damit ein klares Signal an die Öffentlichkeit: „Unsere Daten zeigen unmissverständlich: Muslimische Frauen sind divers – man muss diese Diversität nur wahrnehmen wollen. Pauschalisierungen, die das Kopftuch auf ein homogenes, einindimensionales Symbol reduzieren, gehören angesichts dieser Befunde endgültig der Vergangenheit an.“ Das Kopftuch erweise sich in der Praxis vielmehr als ein hochkomplexes, mehrdimensionales Identitätssystem. „Glaube wird von den Frauen aktiv und ästhetisch gestaltet. Die Farbwahl ist kein Akt blinder Konformität, sondern eine innerlich verankerte, eigenständig reflektierte Praxis, mit der die Frauen ihre spirituelle Aufmerksamkeit, ihre persönliche Identität und die Anforderungen des Alltags feinsinnig miteinander in Einklang bringen“, so Işık weiter.
Die Studie verbindet erstmals evidenzbasierte Farbpsychologie, Persönlichkeitsforschung und islamisch-praktische Theologie in einem gemeinsamen Forschungsdesign. Die Forschenden sehen darin den Beginn eines neuen interdisziplinären Forschungsfeldes: der empirischen Erforschung visueller Selbstkommunikation zwischen Persönlichkeit, Religiosität und sozialem Kontext.
Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick
- Persönlichkeit bleibt auch unter religiösen Normvorstellungen in der Farbwahl sichtbar.
- Offenheit für Erfahrungen korreliert in allen untersuchten Lebensbereichen mit expressiverer Farbgestaltung.
- Frauen passen ihre Farbwahl systematisch an unterschiedliche soziale Situationen an.
- Schwarz – nicht Weiß – ist die empirisch stärkste Taqwa-Farbe der Studie.
- 97 % nennen den eigenen Geschmack als wichtigsten Einflussfaktor ihrer Farbwahl.
- Deutschland und Türkei unterscheiden sich trotz vergleichbarer Religiosität deutlich in ihren Farbpraktiken.
- Farbwahl erweist sich als Form visueller Selbstkommunikation zwischen Persönlichkeit, Religiosität und sozialem Kontext.
Wissenschaftliche Angaben
Zum Download der Studie: Farben des Glaubens – Kleidungsfarben, Persönlichkeit und Religiosität bei kopftuchtragenden Musliminnen in Deutschland und der Türkei
DOI. 10.5281/zenodo.20824510
download english version Colours of Faith
Pressemeldung Bergische Universität Wuppertal
Autoren:
Prof. Dr. Tuba Işık
Islamische Religionspädagogik und Praktische Theologie | Humboldt-Universität zu Berlin
Berliner Institut für Islamische Theologie
Prof. Dr. Axel Buether
Institut für evidenzbasierte Farbpsychologie | Bergische Universität Wuppertal
