Mit der klassischen Moderne entstand eine Gestaltungskultur, die Farbe vor allem als formales Ausdrucksmittel verstand. Bauhaus, De Stijl oder die Farbtheorien von Kandinsky und Albers prägten Generationen von Architektinnen und Architekten. Doch die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen diese Konzepte entstanden, haben sich grundlegend verändert.

Im aktuellen Interview der Bauwelt erläutert Prof. Dr. Axel Buether, warum die Farbgestaltung heute einen Perspektivwechsel vollziehen muss: weg von einer überwiegend formalästhetischen Betrachtung, hin zu einer evidenzbasierten Gestaltung, die den Menschen und seine biologischen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt.


Von der Form zur Wirkung

Die klassische Gestaltungslehre fragt vor allem danach, wie Farben, Formen und Kompositionen zueinander in Beziehung stehen. Die evidenzbasierte Farbpsychologie stellt eine andere Frage:

Wie wirken Farben auf den Menschen?

Neurowissenschaften, Evolutionsbiologie und Wahrnehmungspsychologie zeigen, dass Farben weit mehr sind als visuelle Eigenschaften von Oberflächen. Sie beeinflussen Orientierung, Aufmerksamkeit, Emotionen, Stressregulation, Motivation und soziale Interaktion. Gestaltung wird dadurch nicht nur zu einer ästhetischen, sondern auch zu einer biologischen und psychologischen Aufgabe.


Architektur braucht einen wissenschaftlichen Perspektivwechsel

Während sich Medizin, Psychologie oder Ergonomie in den vergangenen Jahrzehnten konsequent an empirischer Forschung orientiert haben, basiert die Lehre der Farbgestaltung bis heute vielfach auf historischen Gestaltungstheorien, deren wissenschaftliche Voraussetzungen überholt sind.

Die evidenzbasierte Farbpsychologie versteht diesen Wandel nicht als Absage an die gestalterische Tradition, sondern als deren Weiterentwicklung. Gestaltung erhält damit eine neue wissenschaftliche Grundlage, die den aktuellen Erkenntnissen über Wahrnehmung, Verhalten und Gesundheit entspricht.


Gestaltung beginnt mit den Bedürfnissen der Menschen

Am Anfang eines Entwurfs steht deshalb nicht die Frage nach einer attraktiven Farbkomposition, sondern nach den Menschen, die einen Raum nutzen.

Welche Tätigkeiten finden hier statt? Welche Atmosphäre unterstützt sie? Soll ein Raum beruhigen, aktivieren, Orientierung geben oder Kommunikation fördern?

Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, entstehen Farbkonzepte, die nicht nur ästhetisch überzeugen, sondern ihre Wirkung auch im Alltag entfalten.


Atmosphären werden planbar

Farben entfalten ihre Wirkung niemals isoliert. Erst im Zusammenspiel mit Licht, Material, Oberfläche und Nutzung entstehen Atmosphären, die Sicherheit vermitteln, Konzentration fördern oder Regeneration unterstützen.

Die Aufgabe der evidenzbasierten Farbpsychologie besteht darin, diese Wirkungen wissenschaftlich zu verstehen und für Architektur, Gesundheitsbauten, Bildungsräume, Arbeitswelten, Produkte und Marken nutzbar zu machen.


Die Zukunft der Gestaltung ist menschenzentriert

Das Interview endet mit einem Gedanken, der diesen Perspektivwechsel auf den Punkt bringt:

„Kleidung ist der erste Raum, den wir gestalten. Danach kommen Wohnung, Arbeitsplatz und Stadt.“

Wer Farben verstehen will, sollte deshalb nicht nur Fassaden und Grundrisse betrachten, sondern den Menschen, für den Gestaltung überhaupt entsteht.

Link zum vollständigen Interview in der BAUWELT