
Warum gibt es Farben überhaupt? Welche biologischen und kulturellen Funktionen erfüllen sie? Und was verändert sich, wenn wir dieses Wissen nicht nur zur Erklärung unserer Wahrnehmung nutzen, sondern zur Gestaltung einer humaneren Umwelt?
Diese Fragen beschäftigen meine Forschung seit vielen Jahren. Im Studiogespräch für die Sendereihe „Die eine Frage“ bei Deutschlandfunk Kultur standen sie nun für knapp 30 Minuten im Mittelpunkt. Die Sendung wurde am 28. August 2026 im Rahmen von Studio 9 ausgestrahlt.
Der Ausgangspunkt ist für mich ein grundlegender Perspektivwechsel: Farbe ist keine Eigenschaft der Dinge. Sie entsteht als Wahrnehmung in uns. Materie und elektromagnetische Energie bilden die äußeren Bedingungen – die farbige Welt jedoch entsteht erst in der Wechselwirkung von Augen und Gehirn, Körper, Gedächtnis und Erfahrung. Deshalb ist Farbe weit mehr als ästhetische Dekoration. Sie ist eines der ältesten und leistungsfähigsten Medien, mit denen Menschen ihre Umwelt unterscheiden, bewerten, erinnern und gestalten.
Aus evolutionärer Sicht half uns Farbsehen dabei, Nahrung zu erkennen, Gefahren einzuschätzen, Lebensräume zu beurteilen und soziale Signale wahrzunehmen. Kulturell haben wir aus dieser biologischen Fähigkeit ein hochkomplexes Kommunikationssystem entwickelt: Farben strukturieren Räume und Gegenstände, markieren Zugehörigkeit, erzeugen Identität und transportieren Bedeutungen, lange bevor wir sie bewusst in Worte fassen. Diese Verbindung von evolutionärer Biologie, Wahrnehmungspsychologie und Gestaltung bildet einen Kern meiner Forschung.
Warum leben wir trotzdem in einer nahezu weißen Umwelt?
Ein zweiter Schwerpunkt des Gesprächs war die gebaute Umwelt. Ein sehr großer Anteil heutiger Wand- und Deckenflächen wird weiß oder nahezu unbunt gestaltet. Damit verzichten wir ausgerechnet dort auf einen wesentlichen Teil unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten, wo Menschen einen Großteil ihres Lebens verbringen.
Eine humanistische Umweltgestaltung setzt für mich deshalb beim Menschen an: Wie unterstützt ein Raum Orientierung, Erholung, Konzentration, Kommunikation, Identifikation und Wohlbefinden? Welche Farbatmosphären passen zu den Tätigkeiten und Bedürfnissen der Menschen, die dort leben und arbeiten?
Evidenzbasierte Farbgestaltung bedeutet dabei gerade nicht, Räume möglichst bunt zu machen. Sie bedeutet, Farbe so präzise einzusetzen, dass sie ihre biologischen, psychologischen und sozialen Funktionen entfalten kann. Farbe wird damit vom dekorativen Zusatz zu einem gestaltbaren Umweltfaktor.
Was verraten unsere Lieblingsfarben über uns?
Der dritte Themenkomplex führte von der Umwelt unmittelbar zur Persönlichkeit. Warum fühlt sich ein Mensch in einem tiefen Ultramarin ausgesprochen wohl, während ein anderer lichte Türkistöne oder warme Orange- und Rottöne bevorzugt?
Farbvorlieben entstehen im Zusammenspiel biologischer Voraussetzungen, individueller Erfahrungen und kultureller Prägungen. In meiner Forschung untersuche ich darüber hinaus Zusammenhänge zwischen Farbpräferenzen und Persönlichkeitsmerkmalen – unter anderem auf der Grundlage des Big-Five-Modells.
Das eröffnet eine spannende neue Perspektive auf Gestaltung: Was wäre, wenn wir Kleidung, Kosmetik, Wohnräume und Produkte stärker danach auswählen könnten, wer wir tatsächlich sind und wie wir uns selbst erleben?
Farben können dann helfen, die eigene Persönlichkeit sichtbar zu machen. Kleidung oder Make-up müssten keinem wechselnden Trend folgen, sondern könnten unsere Individualität unterstützen. Wohnräume könnten stärker den persönlichen Bedürfnissen entsprechen. Produkte würden länger geschätzt, weil ihre Gestaltung nicht nur kurzfristig gefällt, sondern dauerhaft zur eigenen Person passt.
Damit verbindet sich für mich auch eine Frage der Nachhaltigkeit. Was wirklich zu uns passt, müssen wir weniger schnell ersetzen.
Kann Farbgestaltung dazu beitragen, authentischer zu leben?
Vielleicht ist das die gesellschaftlich interessanteste Konsequenz: Farbe unterstützt nicht nur Wohlbefinden. Sie beteiligt sich daran, wie wir uns selbst sehen und wie wir von anderen gesehen werden wollen.
Wir gestalten unsere Erscheinung, unsere Wohnungen, unsere Arbeitsplätze und unsere Produkte immer auch als Form sozialer Kommunikation. Farbe gehört dabei zu den schnellsten Informationen überhaupt. Noch bevor ein Gegenüber unseren Stil analysiert oder unsere Worte versteht, hat die farbliche Erscheinung bereits einen Eindruck erzeugt.
Eine gute Farbgestaltung hilft deshalb nicht, eine künstliche Wirkung zu produzieren. Im besten Fall unterstützt sie das Gegenteil: Sie macht unsere Persönlichkeit, unsere Bedürfnisse und unsere Haltung authentisch wahrnehmbar.
Genau hier treffen für mich Farbpsychologie und Gestaltung zusammen. Wenn wir besser verstehen, warum Farben existieren, wie sie auf uns wirken und welche Erfahrungen wir mit ihnen verbinden, können wir unsere Umwelt bewusster gestalten – gesünder, individueller, sozialer und menschlicher.
Das Gespräch bei Deutschlandfunk Kultur führt durch diese drei großen Themen: Warum gibt es Farben? Wie lässt sich ihre Wirkung für eine humanere Umweltgestaltung nutzen? Und was verraten unsere Farbvorlieben über unsere Persönlichkeit?
Die Sendung ist knapp 30 Minuten lang und kann bei Deutschlandfunk Kultur nachgehört werden.
