
Wie viel von der radikalen Farb- und Raumwelt Verner Pantons trägt noch heute? Und was können wir aus seinen Entwürfen darüber lernen, wie Farbe unsere Wahrnehmung, unser Erleben und Verhalten beeinflusst?
Am 7. Oktober 2026 bin ich zu TALKING SPACES #1 nach Stuttgart eingeladen – dem Auftakt einer neuen Gesprächsreihe von AW Architektur & Wohnen und smow. Gemeinsam mit dem Architekten und Innenarchitekten Peter Ippolito und dem Designhistoriker Mathias Remmele werde ich über das Werk Verner Pantons und insbesondere über seine legendäre Gestaltung des SPIEGEL-Verlagshauses in Hamburg sprechen. Moderiert wird der Abend von Karen Hartwig, Chefredakteurin von AW Architektur & Wohnen.
Farbe war für Panton keine Dekoration
Verner Panton (1926–1998) gehört zu den Gestaltern, die Farbe im 20. Jahrhundert besonders konsequent als elementaren Bestandteil räumlicher Wahrnehmung verstanden haben. Für ihn trat Farbe nicht am Ende eines Entwurfs hinzu, sondern war von Beginn an Teil der Konzeption. Licht, Farbe, Material, Muster, Möblierung und Architektur sollten gemeinsam eine Atmosphäre erzeugen.
Bemerkenswert ist dabei Pantons ausgeprägtes Interesse an den psychologischen und physiologischen Bedingungen des Farbsehens. Seine Frau Marianne Panton berichtete später, dass er als Student sogar erwogen hatte, Farbpsychologie zu studieren. In seinen eigenen Texten beschäftigte er sich mit Wahrnehmung, Licht, Reflexion und den Veränderungen von Farben unter unterschiedlichen Beleuchtungsbedingungen. Seine zentrale Forderung lautete, Farbentscheidungen nicht dem Zufall zu überlassen: Farben hätten „Bedeutung und Funktion“.
Aus heutiger Sicht ist das besonders interessant. Denn vieles, was Panton intuitiv, experimentell und aufgrund intensiver Beobachtung entwickelte, berührt Fragen, mit denen sich heute Wahrnehmungspsychologie, Umweltpsychologie und evidenzbasierte Farbgestaltung beschäftigen: Wie beeinflussen visuelle Reize Aktivierung und Aufmerksamkeit? Wie verändert eine farbige Umgebung unsere emotionale Bewertung eines Raumes? Welche Rolle spielen Sättigung, Helligkeit, Kontrast, Licht und Materialität? Und wie entsteht aus einzelnen Sinnesreizen eine ganzheitlich erlebte Atmosphäre?
Panton dachte Farbe dabei auffallend selten isoliert. Das Vitra Design Museum beschreibt, wie er mit abgestuften Farbskalen, Licht und Mustern gezielt den Charakter und die Stimmung seiner Innenräume modulierte. Seine Räume waren keine neutralen Behälter für farbige Möbel – der gesamte Raum wurde zum Wahrnehmungsereignis.
Ein Designer im Aufbruch der 1960er-Jahre
Pantons Farbwelten lassen sich jedoch kaum verstehen, wenn man sie von ihrer Entstehungszeit trennt. Die späten 1950er-, 1960er- und frühen 1970er-Jahre waren von einem tiefgreifenden gesellschaftlichen und kulturellen Wandel geprägt. Eine junge Generation stellte traditionelle Lebensformen infrage; Popkultur, Jugendbewegung, neue Geschlechterrollen und sexuelle Befreiung veränderten den Alltag. Gleichzeitig erzeugten Raumfahrt, technischer Fortschritt und neue Kunststoffe eine zeitweise geradezu euphorische Vorstellung davon, wie die Zukunft aussehen könnte.
Auch die visuelle Kultur änderte sich. Pop Art und Op Art, Modefotografie, Werbung, Fernsehen, Plattencover und die neue Jugend- und Musikkultur brachten intensive, teilweise fluoreszierende Farben und optisch aggressive Kontraste in eine bis dahin unbekannte mediale Öffentlichkeit. Das Museum of Modern Art beschreibt für 1967 geradezu eine Explosion der Printmedien und eine enge Verbindung zwischen Pop Art, Fernsehen und Musikindustrie; neu verfügbare DayGlo-Farben, reflektierende Oberflächen und Kunststoffe verstärkten diese Entwicklung zusätzlich. Das Städel Museum weist ebenfalls darauf hin, wie schnell die visuellen Prinzipien der Op Art in Mode, Werbung, Musik und Interiordesign übergingen.
Parallel entwickelte sich eine psychedelische Ästhetik, die Musik, Grafik, Film, Mode, Architektur und Innenraumgestaltung miteinander verband. Sie gehörte zu einer Kultur, in der Wahrnehmung selbst zum Gegenstand des Experimentierens wurde: Lichtshows, intensive Farbkontraste, fließende Formen, Musik und multisensorische Umgebungen sollten nicht mehr nur betrachtet, sondern erlebt werden. Das Whitney Museum beschreibt diese Verbindung von gesellschaftlichem Wandel, Musik, Film, Grafik, Architektur und psychedelischer Kunst als charakteristisches Phänomen der Zeit.
Panton war Teil dieses kulturellen Klimas – ohne dass man sein Werk darauf reduzieren sollte. Er kam ursprünglich aus der Tradition des dänischen Designs und hatte bei Arne Jacobsen gearbeitet. Gerade deshalb ist seine Entwicklung so bemerkenswert: Statt zurückhaltender Materialien und der eher gemäßigten Farbigkeit des skandinavischen Modernismus entwickelte er seit den späten 1950er-Jahren immer radikalere Raumkonzepte, bei denen Kunststoffe, Textilien, künstliches Licht und intensive Farben tragende Gestaltungsmittel wurden.
Vom Möbel zum immersiven Raum
Der berühmte Panton Chair, der 1967 zur Serienreife gelangte, verkörpert diesen Wandel exemplarisch: Neue Kunststoffe ermöglichten eine fließende, aus einem Stück geformte Konstruktion, die mit der herkömmlichen Vorstellung eines Stuhls brach. Die technologische Entwicklung und die neue Freiheit der Form gingen unmittelbar mit der neuen Freiheit der Farbe einher.
Noch radikaler wurde dieser Ansatz dort, wo Panton ganze Räume gestalten konnte.
Für das neue SPIEGEL-Verlagshaus in Hamburg entwarf er 1969 nicht nur die bekannte Kantine, sondern unter anderem auch Eingang, Lobby, Bar, Konferenzbereiche, einen Mitarbeiter-Swimmingpool sowie Farbkonzepte für die Flure. Farbe wurde dabei zu einem zentralen Mittel, um die einzelnen Raumdimensionen miteinander zu verbinden. Die weitgehend erhaltene Kantine zählt heute zu den bedeutenden Dokumenten seines innenarchitektonischen Werks.
Fast zeitgleich entstand mit Visiona II für Bayer 1970 eines der radikalsten Raumexperimente der Designgeschichte. Auf einem Ausstellungsschiff der Kölner Möbelmesse löste Panton die vertraute Trennung von Boden, Wand, Decke und Möbel nahezu vollständig auf. Die berühmte Fantasy Landscape wurde zu einer begehbaren, weich gepolsterten Landschaft aus Rot-, Orange-, Violett- und Blautönen. Die Farbräume waren nicht dazu bestimmt, aus der Distanz betrachtet zu werden. Menschen sollten darin liegen, sitzen, sich bewegen, miteinander kommunizieren und den Raum körperlich erfahren. Licht, Farbe, Textilien und sogar Klang wurden zu Bestandteilen eines multisensorischen Gesamtkonzepts.
Gerade darin liegt für mich ein besonders spannender Ausgangspunkt für das Gespräch: Was geschieht, wenn Farbe nicht mehr als Oberfläche verstanden wird, sondern als Umwelt?
Dann verändert sich die Fragestellung fundamental. Es geht nicht länger darum, ob ein Rot, Orange oder Violett „schön“ ist. Entscheidend wird vielmehr, was ein bestimmtes Zusammenspiel von Farbe, Licht, Material, Form und räumlicher Organisation mit den Menschen macht, die sich darin aufhalten.
Was können wir heute von Panton lernen?
Mehr als fünfzig Jahre später haben sich unsere Lebensbedingungen grundlegend verändert. Einige Aspekte der damaligen Zukunftseuphorie erscheinen aus heutiger Perspektive ambivalent – nicht zuletzt die fast grenzenlose Begeisterung für Kunststoffe, die bereits nach der Ölkrise von 1973 und mit wachsendem Umweltbewusstsein zunehmend infrage gestellt wurde.
Andere Fragen sind dagegen erstaunlich aktuell geblieben.
Wie viel sensorische Intensität verträgt ein Raum? Wann wirkt Farbe aktivierend, wann wohltuend, wann überfordernd? Brauchen unterschiedliche Tätigkeiten unterschiedliche Atmosphären? Weshalb fühlen wir uns in manchen Räumen unmittelbar wohl und in anderen unruhig oder fremd? Und weshalb hält sich trotz unseres heutigen Wissens über Wahrnehmung und menschliches Verhalten noch immer die Vorstellung, Architektur könne weitgehend aus neutralen weißen, grauen oder beigefarbenen Räumen bestehen?
Vielleicht besteht Pantons Aktualität gerade darin, dass er uns zwingt, Farbe als wirksamen Bestandteil unserer Umwelt ernst zu nehmen.
Nicht jede seiner Lösungen muss deshalb heute wiederholt werden. Aber sein Anspruch, den Menschen nicht nur als Betrachter, sondern als fühlendes und wahrnehmendes Wesen in den Mittelpunkt der Gestaltung zu stellen, eröffnet eine Diskussion, die heute aktueller denn je ist.
Darüber möchte ich bei TALKING SPACES sprechen – aus der Perspektive der Wahrnehmungs- und Farbpsychologie, im Dialog mit Architektur und Designgeschichte und vor allem gemeinsam mit dem Publikum.
TALKING SPACES #1 – Auftakt der Reihe
Mittwoch, 7. Oktober 2026 · 19 Uhr
smow Store Stuttgart
Breitscheidstraße 10 · 70174 Stuttgart
Das Besondere am Format: Wir sitzen nicht vor einem klassischen Podium. Der Abend findet mitten unter den Möbeln Verner Pantons statt. Nach einer kurzen Einführung entwickelt sich ein offenes Gespräch mit Publikumsbeteiligung; anschließend gibt es Gelegenheit zur weiteren Diskussion beim Get-together.
Information und Anmeldung über AW Architektur & Wohnen
