
Wenn Räume helfen, ins Leben zurückzufinden
Ein Modellprojekt der evidenzbasierten Farbpsychologie: Wie im neuen AUVA-Rehabilitationszentrum Wien eine Architektur entsteht, die Gesundheit, Wohlbefinden und menschliche Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt.
Ein schwerer Unfall kann unser Leben von einer Sekunde auf die andere verändern. Was vorher selbstverständlich war – aufstehen, gehen, arbeiten, selbstständig leben –, muss möglicherweise mühsam zurückgewonnen werden. Für die Betroffenen beginnt ein langer Weg, der nicht nur körperliche Kraft verlangt, sondern auch Mut, Geduld und Zuversicht.
Die bestmögliche medizinische Versorgung ist dafür unverzichtbar. Doch welche Rolle spielt die Umgebung, in der Menschen Wochen oder Monate ihres Lebens verbringen? Kann sie dazu beitragen, Ängste abzubauen, Sicherheit zu vermitteln, Lebensfreude und Motivation zurückzugewinnen?
Und was bedeutet das für die Menschen, die dort täglich arbeiten und andere auf ihrem Weg zurück ins Leben begleiten?
Diese Fragen stehen im Mittelpunkt eines außergewöhnlichen Bauvorhabens in Wien.
Mit dem neuen Rehabilitationszentrum der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) entsteht am Standort Meidling ein Gesundheitscampus, der die Behandlung schwer verletzter Menschen vom Unfall bis zur Rehabilitation an einem Ort zusammenführt. Das neue Gebäude wird unmittelbar mit dem bestehenden Traumazentrum verbunden.
Unser Institut für evidenzbasierte Farbpsychologie an der Bergischen Universität Wuppertal hat die Farbgestaltung dieses Neubaus übernommen. Von der Fassade über sämtliche Innenräume bis zur Möblierung konnten wir alle maßgeblichen Oberflächenfarben aufeinander abstimmen und auch Einfluss auf die Qualität der Beleuchtung nehmen.
In dieser Konsequenz ist das ausgesprochen selten. Für uns ist das Projekt deshalb ein Meilenstein der evidenzbasierten Farbgestaltung und ein Modell dafür, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in menschenorientierte Architektur übersetzt werden können.
Die sichtbare Welt wirkt auf uns – ob wir wollen oder nicht
Wir kennen diese Erfahrung alle. Wir betreten einen Raum und spüren innerhalb weniger Sekunden, ob wir uns dort wohlfühlen. Noch bevor wir bewusst darüber nachdenken, hat unsere Wahrnehmung die Umgebung bereits bewertet. Wir fühlen uns sicher oder verunsichert, willkommen oder fremd, angeregt oder erschöpft.
Farben und Licht haben daran einen wesentlichen Anteil. Sie beeinflussen, wie wir Räume wahrnehmen, wie wir uns darin orientieren, was wir empfinden und wie wir uns verhalten.
Doch es gibt keine Farbe, die immer und überall dieselbe Wirkung entfaltet. Entscheidend sind die Menschen, ihre Bedürfnisse und die jeweilige Situation. Ein Patient, der nach einem schweren Unfall Ruhe und Geborgenheit sucht, braucht andere Bedingungen als eine Therapeutin, die konzentriert arbeitet, oder eine Gruppe von Menschen, die sich in einem Gemeinschaftsraum begegnet.
Genau hier setzt die von mir begründete evidenzbasierte Farbpsychologie an. Sie fragt nicht zuerst, welche Farben schön sind oder gerade im Trend liegen. Sie untersucht, welche Farbbedingungen menschliche Bedürfnisse erfüllen, erwünschte Erfahrungen unterstützen und vermeidbare Belastungen reduzieren können.
Im neuen Rehabilitationszentrum konnten wir diese Fragen erstmals in einem derart umfassenden gestalterischen Zusammenhang bearbeiten. Wand- und Deckenfarben, Bodenbeläge, Türen, Einbauten, Möbel und Materialien bilden keine unabhängig voneinander getroffenen Entscheidungen, sondern eine sorgfältig aufeinander abgestimmte visuelle Umwelt.
Auch die Beleuchtung gehört dazu. Denn die Wirkung eines Farbtons lässt sich niemals unabhängig von den Lichtbedingungen beurteilen. Empfehlungen zur Farbwiedergabe und Farbtemperatur sind deshalb in die Planung eingeflossen und werden umgesetzt.
Eine Fassade, die auch der Nachbarschaft gehört
Die Verantwortung für eine menschenorientierte Farbgestaltung beginnt bereits außerhalb des Gebäudes.
Ein großes Krankenhaus ist ein prägender Bestandteil seiner Umgebung. Seine Fassade wird nicht nur von Patienten, Besuchern und Beschäftigten wahrgenommen, sondern ebenso von den Menschen, die in den umliegenden Wohnhäusern leben, dort arbeiten oder täglich vorbeikommen.
Für diese Menschen wird das Gebäude zu einem dauerhaften Bestandteil ihrer Lebenswelt.
Man stelle sich einen großen, weitgehend weißen Krankenhauskomplex vor, der ohne erkennbare Beziehung zur vorhandenen Bebauung und zum Grünraum in einem gewachsenen Stadtviertel steht. Auch wenn seine Architektur funktional überzeugt, kann er als fremd, kühl und abweisend erlebt werden. Die visuelle Qualität seiner Umgebung betrifft damit weit mehr Menschen als diejenigen, für die er errichtet wurde.
Bei der Farbgestaltung des Wiener Neubaus war uns deshalb wichtig, dem Gebäude eine eigenständige, wertschätzende Identität zu geben und es zugleich harmonisch in sein Umfeld einzubinden.
Die Fassade soll sich mit der vorhandenen Bebauung verbinden, mit dem erhaltenen Baumbestand und den umgebenden Grünräumen harmonieren. Der geplante begrünte Innenhof wird diese Beziehung zwischen Architektur und Natur auch innerhalb des Gebäudes erlebbar machen.
Dabei geht es nicht darum, Architektur farblich unsichtbar zu machen. Ein öffentliches Gebäude darf Präsenz zeigen und Identität stiften. Entscheidend ist, dass es seine Umgebung bereichert, statt sich von ihr abzugrenzen.
Denn wer die Farben eines Gebäudes gestaltet, gestaltet immer auch einen Teil der Lebenswelt seiner Nachbarn.
Wertschätzung für Patienten und Beschäftigte
Die gleiche Haltung setzt sich im Inneren fort.
Patientenzimmer sollen Sicherheit, Ruhe und Geborgenheit vermitteln. Therapiebereiche benötigen Bedingungen, die Aufmerksamkeit, Aktivität und Motivation unterstützen. Gemeinschaftsräume sollen Begegnungen erleichtern, während Rückzugsbereiche Erholung und Regeneration ermöglichen.
Nicht jeder Raum braucht dieselbe Atmosphäre. Und nicht jeder Mensch reagiert auf dieselben Farben gleich. Gerade deshalb verlangt eine bedürfnisorientierte Farbgestaltung mehr Differenzierung als ein einheitliches Gestaltungsschema.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen auch die Beschäftigten. Pflegekräfte, Therapeutinnen, Ärzte und alle weiteren Mitarbeitenden verbringen einen erheblichen Teil ihres Lebens in diesen Räumen. Sie leisten körperlich und emotional anspruchsvolle Arbeit und tragen Verantwortung für Menschen in schwierigen Lebenssituationen.
Aus unseren Forschungsprojekten wissen wir, wie bedeutsam die visuelle Arbeitsumgebung für das Wohlbefinden, die Arbeitsmotivation und das soziale Miteinander sein kann. Gute Farbgestaltung kann dazu beitragen, Stressbelastungen zu reduzieren, Erholung zu unterstützen und die Identifikation mit dem Arbeitsplatz zu stärken.
Dass die AUVA den Bedürfnissen der Patienten und Beschäftigten einen so hohen Stellenwert einräumt, macht die Zusammenarbeit für uns besonders wertvoll.
Hier wird Gesundheit nicht allein als medizinische Aufgabe verstanden, sondern als Anspruch an die gesamte Umgebung, in der Menschen gesund werden und andere dabei unterstützen.
Mensch und Umwelt gehören zusammen
Zu diesem Anspruch gehört auch die Verantwortung für unsere natürlichen Lebensgrundlagen.
Der Neubau setzt auf energieeffiziente Gebäudetechnik, erneuerbare Energien und großzügige Grünflächen. Nach Angaben der AUVA erfüllt das Projekt die anspruchsvollen Kriterien der österreichischen klimaaktiv Gold-Zertifizierung.
Auch unsere Farbgestaltung musste diesen Anforderungen gerecht werden. Denn die Entscheidung für einen Farbton ist in der Architektur fast immer zugleich eine Entscheidung für ein Material und damit für ein konkretes Produkt.
Oberflächen müssen nicht nur die gewünschten psychologischen Wirkungen unterstützen. Sie müssen ebenso hygienischen, funktionalen, technischen und ökologischen Anforderungen entsprechen.
Gerade bei einem Bauvorhaben dieser Größenordnung zeigt sich, dass verantwortungsvolle Gestaltung weit über ästhetische Entscheidungen hinausgeht.
Ein Meilenstein für die evidenzbasierte Farbgestaltung
Bei der jüngsten Bemusterung in Wien haben wir mit den Projektbeteiligten die entwickelten Farb- und Materialkonzepte anhand konkreter Muster überprüft und die Umsetzung abgestimmt.
Die Fassade lässt bereits erkennen, wie sich der Neubau künftig in seine Umgebung einfügen wird. Auch im Inneren nimmt die Farbgestaltung immer konkretere Gestalt an. Was bisher Gegenstand intensiver Forschungs-, Planungs- und Abstimmungsprozesse war, wird nun Teil einer gebauten Lebenswelt.








Für unser Institut ist dieses Projekt von besonderer Bedeutung. Selten haben wir die Möglichkeit, die Farbgestaltung eines Gebäudes in dieser Vollständigkeit und Konsequenz zu entwickeln. Die Zusammenarbeit mit der AUVA zeigt, welches Potenzial entsteht, wenn ein Bauherr nicht nur in medizinische und technische Spitzenleistungen investiert, sondern auch das Wohlbefinden und die Gesundheit aller Menschen zu einem zentralen Maßstab der Architektur macht.
Die tatsächlichen Wirkungen auf Patienten und Beschäftigte werden sich erst im späteren Betrieb beurteilen lassen. Doch die Voraussetzungen dafür werden jetzt geschaffen.
Vielleicht liegt darin der wichtigste Gedanke dieses Projekts: Die Qualität eines Gebäudes bemisst sich nicht allein an seiner Architektur, seiner technischen Ausstattung oder seiner Energieeffizienz.
Sie zeigt sich vor allem darin, was es für die Menschen bewirkt, die darin leben, arbeiten, gesund werden – und in seiner Nachbarschaft zu Hause sind.
Ein Gebäude kann einen schweren Unfall nicht ungeschehen machen. Aber wir können Räume schaffen, in denen Menschen sich sicher, angenommen und wertgeschätzt fühlen. Räume, die ihnen helfen, neue Kraft zu schöpfen, Zuversicht zurückzugewinnen und ihren Weg zurück ins Leben zu finden.
Genau dafür gestalten wir Farbe.
