Wie viel Gesundheit steckt in einem Raum?

Mehr, als wir sehen – und weit mehr, als in vielen Planungsprozessen bislang berücksichtigt wird. Innenräume sind keine neutralen Kulissen. Ihre Farben, Lichtverhältnisse, Materialien, Proportionen und räumlichen Strukturen beeinflussen fortwährend, wie sicher wir uns fühlen, wie gut wir uns orientieren, ob wir uns konzentrieren oder erholen können und wie stark unser Organismus durch die Umgebung belastet oder unterstützt wird.

Unter dem Leitthema „Ästhetik & Gesundheit – Wie Innenarchitektur unser Wohlbefinden beeinflusst“ bringt der Innenarchitektur-Summit 2026 vom 13. bis 15. November führende Stimmen aus Innenarchitektur, Architektur, Medizin, Psychologie, Forschung und Planungspraxis in Berlin zusammen. Ich freue mich sehr, diesen fachlich wegweisenden Kongress des bdia – Bund Deutscher Innenarchitektinnen und Innenarchitekten – mit einer Keynote und einer Masterclass mitzugestalten.

Von der ästhetischen Entscheidung zum gesundheitlichen Wirkungsziel

Noch immer wird die Gestaltung von Innenräumen überwiegend nach formalästhetischen Kriterien beurteilt. Diskutiert wird darüber, ob Farben, Materialien und Formen zueinander passen, einem Stil entsprechen oder einen zeitgemäßen Eindruck vermitteln. Diese Kriterien bleiben wichtig – reichen aber nicht aus.

Die entscheidende Frage lautet nicht allein, wie ein Raum aussieht, sondern vor allem: Was bewirkt er bei den Menschen, die sich in ihm aufhalten?

Fördert er Orientierung und emotionale Sicherheit? Unterstützt er Konzentration, Kommunikation oder Regeneration? Reduziert er Stress und Reizüberflutung? Vermittelt er Schutz und Geborgenheit? Aktiviert er, ohne zu überfordern? Und berücksichtigt er die unterschiedlichen körperlichen, psychischen und sozialen Bedürfnisse seiner Nutzerinnen und Nutzer?

Gesundheitsfördernde Innenarchitektur beginnt dort, wo solche Wirkungsziele nicht erst nach Abschluss des Entwurfs behauptet, sondern von Beginn an systematisch in den Planungsprozess übersetzt werden.

Keynote: Farbe als Gesundheitsfaktor

In meiner Keynote „Farbe als Gesundheitsfaktor“ zeige ich, warum Licht- und Oberflächenfarben nicht als dekorative Endentscheidung verstanden werden dürfen. Farben sind ein elementarer Bestandteil unserer Wahrnehmungsumwelt. Sie strukturieren Räume, lenken Aufmerksamkeit, erleichtern Orientierung, verändern die Wahrnehmung von Nähe und Distanz und prägen die emotionale Atmosphäre eines Ortes.

Ihre Wirkung entsteht dabei keineswegs nur durch einzelne Farbtöne. Entscheidend ist das komplexe Zusammenspiel von Farbigkeit, Helligkeit, Kontrast, Materialität, Licht, Raumfunktion und Nutzungssituation. Dieselbe Farbe kann in verschiedenen räumlichen und sozialen Kontexten vollkommen unterschiedliche Wirkungen entfalten.

Auf Grundlage meiner langjährigen Forschung sowie aktueller Arbeiten des Instituts für evidenzbasierte Farbpsychologie werde ich erläutern, wie Farbgestaltung dazu beitragen kann,

Stressbelastungen zu reduzieren,
Orientierung und Sicherheit zu fördern,
Konzentration und Leistungsfähigkeit zu unterstützen,
Regeneration und Erholung zu erleichtern,
Kommunikation und soziale Teilhabe zu stärken
und gesundheitsfördernde Atmosphären zu schaffen.

Damit wird Farbe zu einem relevanten Planungsfaktor für nahezu alle Bereiche der Innenarchitektur: für Gesundheits- und Pflegebauten ebenso wie für Arbeitswelten, Bildungsräume, Wohngebäude, öffentliche Einrichtungen und die Transformation des Bestands.

Masterclass: Räume für Menschen gestalten – Wirkungsziele übersetzen

In der Masterclass „Räume für Menschen gestalten – Wirkungsziele übersetzen“ geht es um den konkreten Transfer von der wissenschaftlichen Erkenntnis in die Planungspraxis.

Begriffe wie Wohlbefinden, Sicherheit, Aktivierung, Behaglichkeit oder Regeneration werden in Entwurfsprozessen häufig verwendet. Doch erst wenn geklärt ist, was diese Ziele für eine bestimmte Nutzergruppe, Tätigkeit und Raumsituation tatsächlich bedeuten, können daraus belastbare gestalterische Entscheidungen entstehen.

Gemeinsam untersuchen wir, wie abstrakte Anforderungen in nachvollziehbare räumliche Wirkungsziele überführt werden können. Darauf aufbauend werden Strategien entwickelt, mit denen sich Farbe, Licht, Material, Kontrast, räumliche Gliederung und Atmosphäre gezielt auf die Bedürfnisse der späteren Nutzerinnen und Nutzer abstimmen lassen.

Die Teilnehmenden erhalten Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse und erproben eine methodische Herangehensweise, die über persönliche Vorlieben, konventionelle Farbsymbolik und allgemeine Wirkungstabellen hinausführt. Im Mittelpunkt steht eine evidenzbasierte, nutzerzentrierte Planung, deren Entscheidungen fachlich begründet, im Projekt kommuniziert und hinsichtlich ihrer angestrebten Wirkung überprüft werden können.

Ein notwendiger Perspektivwechsel in der Innenarchitektur

Der Innenarchitektur-Summit 2026 setzt an einem entscheidenden Wendepunkt der Disziplin an. Angesichts wachsender psychischer Belastungen, einer alternden Gesellschaft, neuer Arbeits- und Lernformen sowie steigender Anforderungen an Pflege, Prävention und Inklusion kann die gesundheitliche Wirkung von Innenräumen nicht länger als ergänzende Qualität behandelt werden.

Innenarchitektur trägt Verantwortung für die Lebensbedingungen von Menschen. Sie kann Belastungen verstärken – oder ihnen entgegenwirken. Sie kann Orientierung erschweren – oder Sicherheit vermitteln. Sie kann Menschen ausgrenzen – oder Teilhabe ermöglichen. Sie kann institutionelle Kälte erzeugen – oder Räume schaffen, in denen Würde, Selbstbestimmung und menschliche Nähe erfahrbar werden.

Darin liegt eine der zentralen Zukunftsaufgaben unseres Berufsstands: Ästhetische Qualität und gesundheitliche Wirkung nicht gegeneinander auszuspielen, sondern als untrennbare Bestandteile guter Gestaltung zu begreifen.

Ich freue mich auf den fachlichen Austausch mit Innenarchitektinnen und Innenarchitekten, Planenden, Forschenden und allen, die Räume nicht nur gestalten, sondern ihre Wirkung auf den Menschen verstehen und verantwortlich einsetzen möchten.


Innenarchitektur-Summit 2026
Ästhetik & Gesundheit – Wie Innenarchitektur unser Wohlbefinden beeinflusst

13.–15. November 2026
AXICA Kongress- und Tagungszentrum
im Gebäude der DZ BANK
Pariser Platz 3, Berlin

Freitag, 13. November 2026

Masterclass:
Räume für Menschen gestalten – Wirkungsziele übersetzen

Keynote:
Farbe als Gesundheitsfaktor

Link zur Anmeldung beim Veranstalter bdia